Tourtagebuch

Der Detektiv, Big City

22. Mär. 2013

von the dirty MoL Man

Wir Monsters müssen natürlich auch in der konzertfreien Zeit zusehen, wo wir bleiben.
Drum hab ich beschlossen, eine Detektei zu eröffnen. Immerhin hab ich alle Bücher von Raymond Chandler gelesen.
Nachdem ich mir Trenchcoat, Hut und filterlose Zigaretten besorgt hatte, druckte ich ein heimeliges Detektivbüro-Schild aus, hängte es an die Haustür und schaltete eine Anzeige im Internet.
Klar, man muß mit der Zeit gehen.
Ziemlich rasch bekam ich auch meine erste Klientin. Hübsches brünettes Ding.
Ich bot ihr den Platz mir gegenüber am Küchentisch an, denn ich habe keinen Büroraum. Steuerliche Gründe, Ihr versteht?
„Hi Klientin.“, sagte ich, tippte grüßend mit den Fingern an meinen Hut und krümelte die erste Filterlose in meine Sherlock Holmes-Pfeife. Pfeife sieht cool aus, schmeckt aber nicht.
„Womit kann ich dienen?“
Ums kurz zu sagen, es ging um Observation. Die alte Geschichte. Untreueverdacht. Naja, Detektivstandard eben.

Ich schrieb mir seine Adresse auf und ließ sie aus Erkennungsgründen ein Bild von ihm malen. Ob ich ein Photo wolle?
„Viel zu unpersönlich.“ winkte ich ab, „handgemacht ist immer am schönsten.“
Ich spürte mit meinem scharfen Schnüfflerverstand gleich, daß ich sie beeindruckte.
Doch keine Zeit für Händchenhalten, ich hatte schließlich zu tun. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Klar, was ich meine?

Der regennasse Asphalt funkelte fast im trägen Licht der Straßenlaternen und die Gullilöcher ähnelten boshaften Smileys.
Ich zog den Trenchcoat zu und beeilte mich, zur Straßenbahn zu kommen.
Schon in der Bahn war ich höllisch aktiv, lief mit dem Phantombild durch die Gänge und observierte, soviel ich konnte. Griff mir ausgewählte Passagiere am Kinn und verglich sie mit der Zeichnung. Der gesuchte Hundesohn war aber nicht dabei.
Kein Wunder, schließlich griff ich mir nur die schmächtigsten und harmlosesten unter den Reisenden raus. Alte Ömchen und verängstigte Schulkinder. Ich bin schließlich nicht bescheuert, bahnfahren ist so schon gefährlich genug in diesen Zeiten. Oder habt Ihr noch nie Zeitung gelesen?
War ja auch eh nur eine Fingerübung, ich wußte ja, wo der gesuchte Kerl wohnt und wann er das Haus verläßt. Aber so bin ich halt, immer auf dem Quivive.
An meiner Haltestelle ausgestiegen, hatte ich noch etwas Zeit übrig.
„Ich sollte mir ne Wumme kaufen“, dachte ich mir, 'denn die Stadt ist ein heißes Pflaster.'
Waffen kaufen, leichte Sache in diesen gewalttätigen Tagen. Rein in den Laden, Knarre geholt, rein in den nächsten Laden, Munition besorgt. Ich entschied mich für Erbsen, die zecken höllisch. Da soll mir mal jemand dumm kommen. „You`re talking with me?“, und so.
Taxidriver, klar.

Die Erbsen brachten mich gleich auch noch auf eine neue Idee: Was essen.
Was essen Detektive denn bei Überwachungen? Donuts? Krapfen? Nee, das ist Bullenessen.
Da war fachmännische Hilfe vonnöten, drum fragte ich die nette Bäckereifachverkäuferin, was ihrer Erfahrung nach reales Detektivfood sei.
Sie meinte, Mohnkuchen.
Mohnkuchen?
Na klar, Holmes und Co, alle drogensüchtig. Und was stellt man aus Mohn her? Bingo.
Also drei Mohnschnitten und einen kalten Kakao. Kalt, logisch. Luxus ist nicht drin in meinem Job.
So ausgestattet, stellte ich mich in eine dunkle Gasse, dem Haus des untreuen Schweinehunds gegenüber, und wartete.
Da!
Fröhlich pfeifend erschien er in der Tür und spazierte arglos los.
Ich natürlich in ein Taxi: „Folgen sie dem Mann da.“
Er: „Kein Essen im Wagen.“
Ich hab nichts zu verschenken, also mümmelte ich hastig die letzten beiden Mohnschnitten in mich rein und erstickte beinahe dran. Soviele Risiken!
Taxifahrer: „Erst richtig schlucken! Und gut kauen, ist sonst schlecht für den Magen!“
Wo er recht hat, hat er recht. Ich kaute und schluckte und gurgelte mir mit dem Rest Kakao den Hals frei.
Da der Gegenstand meiner Verfolgung zu Fuß unterwegs war, stellte die Verzögerung glücklicherweise kein Problem dar. Problematischer wars allerdings, ihn dann nicht zu überholen. Im Stop and Go Verfahren öttelten wir mühsam neben ihm her, weshalb leider eine ziemlich Autoschlange hinter uns entstand. Na ja, es gibt halt immer Komponenten, die man im Vorfeld nicht bedenken kann.
Als dann aber die anderen Autos zu hupen anfingen, wurds Zeit für Action.
Ich hängte mich aus dem Beifahrerfenster und ballerte mein ganzes Magazin leer auf die Krachmacher.
Scheinbar hatte der Verfolgte aber dann doch Wind von der Sache bekommen, denn er schaute ziemlich verblüfft auf unseren Wagen und rannte plötzlich los. Direkt in die Fußgängerzone.
„Hinterher!“ brüllte ich den Taxifahrer an, der hatte aber derweil ganz andere Sorgen, weil ihm inzwischen zahlreiche Fahrer der schlangestehenden Autos auf die Motorhaube gestiegen waren und begonnen hatten, sein Auto zu demolieren. Was nicht besonders schwer war, wegen unseres Schritttempos.
Ich ahnte, daß ich umdisponieren musste, zahlte, ließ mir eine Quittung geben und sprintete dann per pedes hinter dem Typen her. Der war aber wie vom Erdboden verschluckt. In gerade mal einer knappen Viertelstunde Zeit, die er gehabt hatte! Ich pfiff anerkennend durch die Lippen, alle Achtung, ein echter Teufelskerl, das mußte ich zugeben.
Jetzt hatte sich mein Suchgebiet auf die gesamte Stadt erweitert, ich entschied mich folglich für eine Suche mit der Bahn, denn das ist kostengünstiger als Taxifahrten. Man muß auch an die Spesen denken. Außerdem hatte ich eh noch mein Tagesticket und mit dem konnte ich zusätzlich noch eine kleine Hafenrundfahrt machen. War echt schön.

So langsam wurde es auch spät. Zeit, heimzukehren. Simpsons hatte ich eh schon verpaßt.
Ich griff mir mein Handy, rief noch kurz meine Auftraggeberin an und berichtete von den Vorfällen des Tages.
„Aber haben sie denn etwas rausgefunden? Betrügt er mich tatsächlich?“, fragte sie flehend.
Ich runzelte die Stirn und äffte stumm ihre weinerlichen Fragen nach. Konnte man ja machen, konnte sie ja nicht sehen:
„Ich hab noch keine endgültigen Beweise, aber ich denke schon.“ Ich schnippte eine Kippe aus der Packung. „ich geh der Sache morgen weiter nach. Jetzt muß ich Schluß machen, da kommt mein Bus!“
Ich steckte mein Handy weg und zog den Hut tiefer ins Gesicht. Das Leben ist voller Wirren und ich hab sie alle zu entschlüsseln. Ein echtes Schnüfflerleben eben.
Seufzend stieg ich in den Bus und fuhr heim, glücklich darüber, daß meine Tage als Detektiv gezählt waren.
Bald würde es wieder auf Tour gehen und ich könnte das alles hier hinter mir lassen.
Die Hoffnung stirbt zuletzt.