Tourtagebuch

Nachtflohmarkt, Big City

05. Apr. 2013

von the Dirty MoL Man

Heute, am 05.04., erscheint „Klarkomm“, das neue Album unserer sehr geschätzten Kollegen von „Liedfett“. Das hab ich nicht erfunden, das haben sie selbst verkündet auf liedfett.de! Und man lügt schließlich nicht im Netz.

Diese Nachricht jedenfalls führte dazu, daß ich die letzten Tage unter einer quälenden Vorfreude litt. By the way: Ich hasse Vorfreude. Vorfreude sucks! Vorfreude ist, wie bei – 20 ° an der Bushaltestelle zu stehen, während angesoffene Hooligans selbige gerade auseinandernehmen und das vermaledeite Vehikel verspätet sich Minute um Minute!
Vorfreude ist das letzte überhaupt.
Welcher Idiot hat in die Welt gesetzt, Vorfreude sei die schönste Freude?
Freude ist die schönste Freude! So ist das nämlich!
Da braucht man der Menschheit gar nichts vorzugaukeln! So kompliziert sind wir nicht gestrickt.
Je größer die Freude, desto größer die Freude! Einzig, was danach kommt, nämlich das Abebben der Freude, ist nicht so toll. Was aber daran liegt, daß die Freude nachläßt und somit beweist sich, daß die Größe der Freude von der Größe der Freude abhängt.
Alle anderen Aussagen sind bloß scheiß Vertröstungsphantasien. Blöde Durchhalteparolen. Sonst nichts!

Zudem: Was soll man auch in der Vorfreudezeit machen? Die ganze Zeit läuft man im Kreis rum und kriegt den Kopf nicht frei, vor lauter: „Bald ist es soweit, bald ist es soweit!“
Man kann an gar nichts anderes mehr denken, weil es bald soweit ist.
Also muß man sich ablenken und vertut wichtige Lebenszeit, weil die Gegenwart zu nervenaufreibend ist! Ein Leben ausschließlich für die Zukunft! Nee, nee, da bin ich nicht dabei. Bzw. ich bin dabei, aber ungerne.

Nichtsdestotrotz muß ich zugeben, daß es gute Ablenkungen gibt.
Gestern beispielsweise: Ich stromerte durch meine Wohnung und hob grimmig die Fäuste gen Himmel, um Gott ob dieser dämlichen Zeiteinheiten zu verfluchen, die er/sie/es als Basis des Weltenlaufs erfunden hatte, und die mich nun in den Zustand dieser fiesen Vorfreude versetzte, da klingelte das Telefon.

„Schnauze, Telefon, ich leide!“, brüllte ich es an, aber es bimmelte einfach weiter. Wutentbrannt wollte ich es stumm schalten, aber diese verflixten Tasten sind ja derart bescheuert klein und eng gesetzt, daß ich versehentlich doch den Anruf annahm.
„Ich hab mich vertippt, ich hab mich vertippt!“, rief ich panisch in den Hörer, „ich bin nicht erreichbar!“
Eine sanfte Stimme drang in mein Ohr: „Nicht erreichbar, geht in Ordnung. Doch wo Du gerade dran bist, verweile doch, Du bist so schön.“

Magische Worte, die augenblicklich allen Zorn von mir abfallen ließen. Eine verbale Wohltat, die gleichzeitig neugierig machte. Neugierde ist die einzige Emotion, die Vorfreude gleichzeitig vergessen und erträglich macht.

„Heute findet etwas statt.“ So die Stimme.

„Heute?“ Gleich wurde ich wieder etwas aufgebracht. „Bestimmt erst später heute. Bestimmt was, worauf ich warten muß! Bestimmt!“

„Aber nein: Eile auf der Stelle los! Es handelt sich um einen Nachtflohmarkt und er hat bereits begonnen!“

Die Stimme stammte übrigens von einer sehr geschätzten Freundin von mir. Esmeralda ihr Name. Ich nannte sie jedenfalls immer Esmeralda, denn ihren wahren Namen schriftlich zu verewigen, hatte sie sich einst verbeten.
Die Nachricht, die sie mir verkündet hatte, war exakt das, was ich benötigte. Etwas, was jetzt schon, im Augenblick, gegenwärtig, geschah und Freude zu bescheren in der Lage war. Nicht, worauf ich warten musste. Ein Fanal gegen die trügerische Vorfreude!

„Nachtflohmarkt? Nie gehört. Ist das gut?“

„Aber ja. Es gibt Dinge dort.“

Oh ja, das war wirklich etwas genau nach meinem Geschmack. Dinge! Cool!

„Cool!“, rief ich aufgeregt in den Hörer, „bin schon unterwegs!“

Ohne weiteres Geplänkel legte ich auf, wobei ich wegen der blöden engen Tasten das Telefon stumm schaltete und lief los. Auf zum Nachtflohmarkt!

Der Nachtflohmarkt war eine spannende Angelegenheit. In verschiedenen Kneipen, Clubs und Lokalen eines angesagten Stadtteils sammelten sich Hunderte an Marktständen mit buntesten Devotionalien. Sehr viele Menschen hatte dieser Event angezogen, es war ein wildes Getümmel und ein Panoptikum der guten Laune.

Dummerweise hatte ich vergessen, einen Treffpunkt mit Esmeralda auszumachen, wegen der Stummschaltung konnte ich das jetzt natürlich nicht nachholen. Ich hab da so meine eigene Theorie diesbezüglich.

Deshalb blieb mir nichts andere übrig, als zunächst alleine durch die vollgestopften Hallen zu spazieren und auf Zufall und Schicksal zu vertrauen. Irgendwann würde man sich schon begegnen. Na ja, Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude.
Und es gab ja auch sehr viel Ablenkung.
Ich blieb willkürlich an einem Stand stehen, der mit Büchern überladen war. Eigentlich nur, weil das just der einzige Stand war, der nicht von einer Menschentraube belagert war.
Das weckte jedenfalls sogleich die Verkäuferin, die in mir ein williges Opfer für lohnende Transaktionen sah:
„Ja, Bücher sind ne tolle Sache. Machen sich beispielsweise in Regalen sehr gut um Eindruck zu schinden!“ Sie zwinkerte mir zu. „Gerade bei den Damen.“
Damen? Was sollte das? Was dachte sie von mir? Beunruhigend.
„Meinen Sie wirklich?“, frug ich, mehr um das Gespräch im Gang zu halten denn aus Interesse. Warum ich das Gespräch am laufen halten wollte, wusste ich sowieso nicht.

„Na, aber klar!“ antwortete sie auffordernd und zwinkerte wieder. Warum zwinkerte die denn andauernd? Das machte einen ja ganz rammdösig.

„Hm.“ Zweifelnd besah ich mir den Bücherhaufen und griff dann wahllos hinein.
„Sowas beeindruckt?“ Ich hielt den ADAC-Reiseführer für Mecklenburg-Vorpommern unter ihre Nase.

„Na klar.“
Sie hatte vom Zwinkern zum Blinzeln gewechselt. Immerhin. Ich bin ein kritischer Mensch, aber ihre Selbstsicherheit überzeugte mich. Außerdem war mir vom ganzen Gezwinker und Geblinzel total blümerant.

„Gut, dann nehm' ich alle.“

Sie packte mir die Werke ein, von Konz' „1000 ganz legalen Steuertricks“ (Ausgabe von 1987) bis hin zur Reclamausgabe von „Voltaire für Volldeppen“.

„Die ist sogar handsigniert.“, meinte sie noch gutgelaunt. Von mir aus, Hauptsache, ich entkam endlich ihrem Geblinzel.

Den Rucksack vollgepackt, schlenderte ich weiter auf der Suche nach Schnäppchen.
Mannometer, was es hier alles gab: Stempel zum Selberbasteln (Kartoffeln), Fischlampen, Videos, Klamotten, Batiktücher, Vorhänge, Waschlappen undundund.
Esmeralda hatte nicht gelogen: Hier gab es wahrlich Dinge!

Apropos: Endlich erblickte ich sie, sie stand zusammen mit ihrem, von mir nicht minder geschätzten Freund Archibald, der sich einst von mir verbeten hatte, seinen richtigen Namen in schriftlicher Form zu verewigen, vor einem Verkäufer und schien mitten in einer wichtigen Transaktion.

Ich gesellte mich zu ihnen.

„Hey, ihr beiden! Na, wie läufts?“
„Pst!“, herrschte mich Archibald an. „Wir feilschen gerade.“

Sofort verstummte ich ehrfürchtig. Feilschen, heftig!

Beim Objekt der Begierde handelte es sich um ein Buch von Sybille Berg, tolle Autorin zweifelsohne. Ich verstand nur nicht so recht, warum Esmeralda und Archibald darum miteinander feilschten und nicht mit dem Verkäufer. Jener lehnte total entspannt an der Wand und wartete einfach ab, während der Preis auktionsmäßig in ungeahnte Höhen aufstieg. Aber ich wollte auch nicht stören.

„Zehn!“ erhob Esmeralda nun siegesgewiß ihr Stimme.
Archibald schien endlich einzuknicken. Mir ging derweil was durch den Kopf: Sybille Berg, Sybille Berg, wirklich eine gute Autorin.

„Elf!“ rief ich jetzt deshalb.

Alle drei blitzten mich an, E & A böse, der Verkäufer gierig. Was hatten die heute alle mit ihren Augen?

„Was denn? Was denn?“ beeilte ich mich zu erklären, „guckt, was fürn Scheiß ich bis jetzt gekauft hab!“ Ich öffnete den Rucksack und zeigte ihnen den ADAC-Reisefüher, den Voltaire, die Broschüren über Wanderwege in Oberammergau und die Ratgeber über Fliesenpflege. Das machte natürlich Eindruck.

„Oh!“, sagten sie, unisono und mitleidig, „Na gut, wenn das so ist.“

Ich muß zugeben, das war nicht ganz fair von mir gewesen, die Mitleidsmasche war ein ziemlich gemeiner Trick. Aber der Plan ging auf. Sie boten nur noch halbherzig in Fünfzig-Cent-Schritten weiter und bei 18 Euro hatte ich das Buch im Sack.

„Kommt!“, rief ich gönnerhaft, während ich den Roman vorsichtig wie eine Trophäe im Rucksack verstaute, „jetzt geb ich einen aus!“

Das ließen sie sich natürlich nicht zweimal sagen, außerdem waren sie noch nie nachtragend gewesen.
Wir entschieden uns für gebrauchte frische Waffeln und machten es uns in einer Sitzecke bequem.
An Diskussionsthemen hatte es uns noch nie gemangelt, weshalb rasch ein sehr reger Austausch herrschte. Wir diskutierten die professionelle Anwendung von unreinen Reimen, einer Kunst, die leicht scheint, aber sehr diffizil und vertrackt ist.

„Zum Beispiel: Haus und Maus!“ meinte Esmeralda zwischen zwei Bissen. „Das 'Maus' durchs englische 'mouse' zu ersetzen, hat gleich viel mehr Grazie!“
Wir pflichteten ihr bei. Archibald gab aber zu bedenken, der Umkehrschluß hingegen, man könne eine ähnliche Wirkung erzielen , indem man das englische „house“ aufs deutsche 'Maus' reime, sei ein oft zu beobachtender Trugschluß.

Beeindruckt nickten wir stillschweigend. Mehr Beispiele fielen uns just auch nicht ein.

Wir vertilgten zufrieden unsere Waffeln und begaben uns auf eine zweite Runde durch die Hallen. Es wurde immer voller, gierig griffen ungezählte Griffel nach den Waren, scheinbar willkürlich und ohne erkennbare Logik. Darum ja willkürlich.

Doch da wir geschult im Umgang mit unseren Ellenbogen waren, fanden auch wir noch so manche Supersachen. So zum Beispiel eine schicke Trainingsjacke, die man später nur noch umnähen und färben mußte, schon würde ein tolles Handtuch daraus werden. Oder je eine rare Vinylversion von Bachs Kaffee-Kantate und dem „kleinen Nescafe-Konzert“, serviert von Erich Ponto. Auch eine schmucke Familienpackung Briefbeschwerer konnten wir für uns gewinnen. Nur Fischlampen waren schon aus, aber man kann ja nicht immer gewinnen. Man muß sich im Leben auch mal aufs Notwendige beschränken, Konsum gehört in Maßen genossen.
Die „Whiskey Flavoured Al Capone Cigars“ aber mussten wir uns einfach schnappen, denn das sind Köstlichkeiten für Menschen mit Stil.

Wir waren also sehr entspannt, erstanden Getränke und flanierten qualmend rum. Hier herrschte Raucherlaubnis! Schmauchen dürfen beim Einkauf, eine Sache, die sich die da oben mal überlegen sollten. Überhaupt: Die da oben! Die sollten mal so einiges überdenken. Hier war das pure Leben, eben weil die da oben auch da oben blieben und mit uns hier unten nichts zu schaffen hatten. Eine Oase für Freigeister.

„Sagt mal, was haltet ihr eigentlich von denen da oben?“, frug ich – meinem Gedankengang folgend – nun. Wir standen vor einem Verkaufstisch, auf dem sich Seidenstickereien und Pyjamas für besondere Anlässe türmten.
Zu einer Antwort kam es leider nicht mehr.
Etwas Dummes war passiert: Mir fiel bei obiger Frage die Zigarre aus dem Mund und der gesamte Haufen vor mir auf dem Tresen hatte sich entzündet.

Qualm und Rauch stob aus den Tiefen, eine Stichflamme, Funken sprühten wild umher.
Panik setzte ein, wir bemühten uns, die Kontrolle über das Feuer wiederzugewinnen, indem wir die Textilien griffen und wegwarfen. Außerdem wollte ich die Zigarre zurück, war schließlich erst halb geraucht. Dummerweise schauten wir nicht, wohin wir den brennenden Plunder warfen, denn hier waren alle Ecken der Halle mit leicht entzündbaren Materialien angefüllt. Strohpuppen, Bastmatten, mehr Klamotten. Oje.
Ruckzuck stand alles in Flammen und der Flohmarkt musste leider vorzeitig beendet werden.

Ich fand das jetzt nicht ganz so schlimm, obschon mir die ganze Misere natürlich etwas peinlich war, doch immerhin hatte ich ein paar echt reizende Sachen gefunden, zudem war es inzwischen bereits nach Mitternacht.

Der 05.04.13! Erscheinungsdatum des Liedfett-Albums „Klarkomm“!
Damit hatte die Warterei ja wohl endlich ein Ende.

Etwas hastig aber herzlich verabschiedete ich mich von Esmeralda und Archibald. Ich bat noch, sie mögen es mir nachsehen, aber ich hätte dringende Dinge zu erledigen. Sie wirkten jedoch eher mäßig interessiert und winkten abwesend ab, was ich jetzt ihrerseits ziemlich unhöflich fand, aber ich entschuldigte sie im Stillen damit, daß sie vielleicht ja wirklich nur die Brandherde aus ihren Mänteln klopfen wollten.

Na, wie auch immer, ich lief freudig erregt los und seitdem steh ich hier vor dem Plattenladen. Natürlich hat der noch nicht geöffnet. Dieser Nachtflohmarkt hat mich mit seinen Geschäftszeiten völlig durcheinandergebracht! Und aus den Tiefen meines Hirns hat sich auch die Vorfreude wieder angeschlichen und ergreift Stück für Stück Besitz von mir! Diese bescheuerte Vorfreude! Wie ich sie hasse!
Trost spendet mir nur mein ADAC-Reiseführer, Meckpomm scheint ein wundervolles Reiseziel zu sein! Vielleicht sollten die Monsters da mal hin? Müsste man mal planen. Andererseits: Wir haben ja in Kürze erstmal eine Tour zu absolvieren. Außerdem gäbs dadurch ja doch nur wieder einen Grund mehr zur Vorfreude! Und irgendwann muß auch mal Schluß sein!
Oder?
Eben.