Tourtagebuch

Neues vom Detektiv, Big City

08. Apr. 2013

von the dirty MoL Man

Ein neuer Tag, ein neuer Fall.
14 Uhr Ortszeit, Schauplatz: mein Büro, bzw. die Büroküche. Es hatte sich nicht viel geändert seit meinem letzten Fall. Es sind harte Zeiten für Schnüffler.

„Es geht um unseren Sohn.“

Ein älteres Ehepaar saß mir gegenüber. Typ: Beamten im Ruhestand. Er fast kahl, sie auch. Ungünstig, würde ich sagen. Obere Mittelschicht, CSU-Wähler womöglich. Zweitrangig. Äußerlich gepflegte Erscheinungen, das ja, aber wer wußte schon, wie es darunter aussah. Es brodeln Vulkane auch in arktischen Tiefen. Ihr versteht schon.

Jedenfalls, er leichenblaß, sie rot und verheult. Ein Klischeebild wie aus dem Trash-TV. Aber so what? Die Realität wird medial diktiert, wir sind nur Statisten in einer dreidimensionalen Soap-Opera. Und sie läuft unser Leben lang.

„Er ist verschwunden. Unser Sohn!“ Sie schniefte in ihr Taschentuch.

„Kleinen Moment. Eins nach dem anderen.“, sagte ich und schaute zunächst „Scrubs“ zuende. Dann schaltete ich den Fernseher aus und wand mich wieder meinen Klienten zu.

„So. Kann weitergehen.“ Ich entzündete meine Meerschaumpfeife und lehnte mich zurück.

„Wenn ich richtig verstanden habe, geht es um ihren Sohn, hm? Er ist verschwunden, nicht wahr?“

Sie nickten sprachlos. Klar, wenn ich erstmal zu kombinieren begann, blieb anderen die Spucke weg. Da reichten zwei kurze Sätze und ich zog schon erste Schlüsse. Nicht schlecht.

Ich nickte langsam vor mich hin, stand dann auf und ging zum Kühlschrank.
„Whiskey?“
Ich hielt die Flasche hoch.
„Apfelschorle.“, meinten beide zaghaft. Anfänger. Doch sie hatten recht. Das war eine Flasche Apfelschorle. Ein Glück, von Whiskey wird mir immer schwindelig. Ich griff mir drei Gläser und schenkte uns ein.
„Also“, begann ich nach einem kräftigen Schluck, „in medias res. Wieso verschwunden? Wie alt? Wie heißt er? Wie sieht er aus? Wo ist er hin?“

Laut ihrer Aussage war er 26, hieß Horst und sah normal aus. Drei von fünf Fragen bereits beantwortet. Das war immerhin etwas. Sie hatten sogar noch eine Bonusantwort für mich: Seine Adresse. Seit einem halben Jahr wohnte er nämlich nicht mehr bei seinen Altvorderen, obschon das augenscheinlich zumindest der Mutter überhaupt nicht recht war.

„Tja, Kinder werden flügge.“ Ich brachte es mal wieder auf den Punkt. Sie pflichteten mir bei, der Vater beeindruckt, die Mama mißmutig. Glucke! Aber mein Job erlaubt keine Emotionen, drum behielt ich das für mich und blieb professionell. Ich fand noch so einiges heraus, nämlich das sich der Herr Sohn nun schon seit über 12 Stunden nicht mehr daheim gemeldet hatte und auch nicht auf Anrufe ihrerseits reagiert hatte. Ungewöhnlich für den Horst und beängstigend für die lieben Eltern.

„Wir waren auch schon bei der Polizei. Aber die nehmen Vermißtenanzeigen erst nach 24 Stunden auf!“ erboste sich der Paps.

„Ja, die Polizei.“ Ich sog an meiner Meerschaumpfeife. Mhm, lecker. Meerschaumpfeife. „Die Polizei lassen wir wir mal lieber außen vor. Ist schließlich ne heikle Angelegenheit, nicht wahr?“
Sie waren ganz meiner Meinung. Eigentlich war ich ja ganz anderer Meinung als sie, aber man muß schließlich sehen, wo man bleibt. Die Aufträge kommen nicht von alleine. Jedenfalls nicht in genügender Anzahl. Zurück zum Fall:

„Er arbeitet halbtags in einem Buchladen.“, erklärte die Mutter, bemüht, die Contenance zu halten. „Wir hätten ihn natürlich gern finanziell unterstützt, doch er meinte, er wolle selbst für seinen Unterhalt sorgen.“
Sie seufzte. Der Vater übernahm: „ Wir waren auch gerade schon dort. Sie konnten uns aber...“

„Nicht nötig, nicht nötig!“ unterbrach ich. „Ich werde da selbst mal nachhorchen.“ Ich wollte sowieso noch in einen Buchladen vor der Monsterstour, drum passte mir das ganz gut.

Weitere Ausführungen verbat ich mir darum und ließ mir nur noch ein Photo des Vermißten aushändigen. Ich hatte vom letzten Fall gelernt. Dann drängte ich die Beiden, ihre Apfelschorle schnell auszutrinken, denn ich wollte loslegen.
Kaum waren sie durch die Tür, setzte ich mich mit meinem Spuk zusammen, der gerade vom Aufhängen frischer Gardinen aus dem Schlafzimmer kam. Er hatte natürlich alles mitanhören können.
„Was meinst du dazu?“ fragte ich ihn, während ich einen Kaffee aufbrühte.
„ In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist.“ antwortete er nur geheimnisvoll. Für Kriminalistik hatte er sich noch nie interessiert. „Darum rauch nicht soviel. Ist schlecht für dich und die Gardinen. Und bring mir bitte die Neuübersetzung von Célines „Reise ans Ende der Nacht“ mit, wenn du eh schon in die Buchhandlung mußt.“

Das wertete ich als Signal zum Aufbruch, warf mir den Trenchcoat über und verließ die Wohnung.

Die Stadt: Big City! Hort der verlorenen Hoffnungen. Regennasser Asphalt, gemauerte Anonymität. Heuhaufen ohne Nadeln. Ihr wißt, was ich meine.
Ich winkte ein Taxi heran und ließ mir den Weg zur Buchhandlung erklären. Dann ging ich zur U-Bahn. Bin ja nicht von gestern.

Die Buchhandlung zu finden war für eine Spürnase wie meine keine große Sache, die genaue Wegbeschreibung des Taxifahrers war aber auch eine gute Hilfe. Sie befand sich direkt am Hauptbahnhof und hieß Bahnhofsbuchhandlung. Architektonisch war sie ungefähr so aufgebaut wie eine Bahnhofsbuchhandlung.
Ich trat ein. Ich mag die Atmosphäre von Buchläden. Hier mischt sich Verstand mit Neugierde, hier weht der Wind unzähliger Abenteuer den Duft von ewig gültigen Geschichten durch die Räume.
Normalerweise.
Diese Buchhandlung hier war aber wohl eher was für Reisende in Eile. Kopfmasturbation für E-Book-Voyeure. Literaturkette für Starbuckskonsumenten. Funktional, doch ohne Charme. Na, egal. Kam ja letzten Endes aufs Angebot an.
Ich schlenderte unauffällig die Regale entlang und beschaute mir die Auslagen:
Sibylle Bergs Alptraumepos „Sex II“ schlummerte unruhig neben Stewart O' Nans Charakterstudie „Alle, alle lieben dich“. Helmut Kraussers Opus Magnum „UC“ leuchtete selbstbewußt royalblau, derweil Franz Doblers „Tollwut“ aggressiv orange jedem Leser gleich ins Auge stach.
Ich blätterte ein wenig in Petra Buschs Kriminalbestseller „Zeig mir den Tod“, bis sich die Schlange am Infostand aufgelöst hatte. Dann trat ich zu dem dort platzierten Mitarbeiter, einem pickeligen Azubi, dessen Hemd unter den Achseln schweißdurchnäßt war.

Ich grinste ihn jovial an. „Hallo, ich bin ein Freund von Horst, der hier arbeitet. Ich such ihn. Und die Neuübersetzung von 'Reise ans Ende der Nacht.'“
„Okay, mal schauen.“ er tippte in den Computer. „Aha, da haben wir's ja. Der Céline ist noch vorrätig. Er müsste bei den Klassikern stehen.“
Er ging los und ich folgte ihm zum Regal mit den Klassikern.
„Da haben wir's ja.“ Er zog das gesuchte Buch raus und drückte es mir in die Hände.
„Super. Und Horst?“
„Genau. Kleinen Moment.“ Wir gingen zurück zum Computer. Er tippte wieder rum. „ Über Horst find ich hier jetzt nichts, aber ich schätze, er ist irgendwo. Heute hat er nämlich frei.“
„Irgendwo, was?“
Völlig klar, der Typ hatte ne Meise. Woher sollte der Computer denn wissen, was Horst gerade machte.
„Alles klar. So long dann.“ verabschiedete ich mich von ihm und ging zur Kasse. Die Dame da sah mir kompetenter aus. Ich legte mein Buch auf den Kassentisch und fragte, während sie den Preis eintippte, nach Horsts Verbleib.
„Ja, der Horst.“, meinte sie zunächst nur, „ da müßt' ich mal überlegen.“
Mir war klar, was das bedeutete. Ich kenn' die Codes. Ich ließ mit einem Augenzwinkern einen Zehn Euro-Schein über die Theke wachsen. Sie nahm ihn, ohne die Miene zu verziehen.
„Wenn er hier arbeitet, macht er jedenfalls immer Mittag in der Grillstube um die Ecke. Vielleicht ißt er da ja sonst auch.“
„Die Grillstube um die Ecke, hm?“ Ich knetete mir nachdenklich das Kinn. Grillstube, das war immerhin eine Möglichkeit.
„Sie haben mir sehr geholfen. Schönen Tag noch.“ Ich nahm die Tüte mit dem Buch entgegen und wollte schon abdrehen. Doch da öffnete sie ein weiteres Mal die Lippen.
„Augenblick, ihr Wechselgeld.“
Sie gab mir die zehn Cent und ich tippte grüßend mit den Fingern an den Hut, bevor ich mich zur Grillstube aufmachte. Neunneunzig für ne Auskunft. Konnte man nichts gegen sagen. Und den Céline gratis obendrauf. Genial.

Die Grillstube war tatsächlich um die Ecke, der Bratfettdunst schlug mir gleich beim Eintritt auf den Magen. Ein halbes Dutzend Gäste standen um die Stehtische und stopften sich mit Friteusenfraß die Bäuche voll. Ich ließ mir ein Bier und eine mittlere Pommes geben und nutzte die Transaktion gleich für ein unauffälliges Investigativgespräch mit dem Grillmeister.
Ich: „Ein Bier und ne mittlere Pommes.“
Er: „Was drauf?“
Ich: „Mayo.“
Er: „Bier können Sie sich nehmen.“ Er wies auf den Kühlschrank. „ Pommes sind auch gleich soweit.“
Er schöpfte die Fritten aus einer Blechschüssel in eine Pappschale und quetschte Mayo aus der Plastikflasche auf die Kartoffelstückchen. Reichte mir die Portion über den Tresen.
Eine harte Nuß. Bislang stocherte ich noch im Dunkeln.
So komm' ich nicht weiter, dachte ich mir und ging aufs Ganze.

„Wer ja auch gern Mayo mag, ist der Horst.“ Geschickter Übergang. Ich hielt ihm das Photo vors Gesicht. „Kennen Sie den?“

Ha, den hatte ich schön überrumpelt, denn der Grillmeister gab unumwunden zu:
„Den Horst? Ja klar kenn' ich den.“ Nun runzelte er jedoch die Stirn.

„Aber der ißt nie Mayo. Der Horst is' doch ein Ketchupfan. “ Sein Blick wanderte nun zu einem Ecktisch, an dem ein Mann stand, der dem auf dem Photo zum Verwechseln ähnlich sah und der mir beim Eintreten bereits aufgefallen war. „Oder, Horst? Du nimmst doch immer Ketchup?“ rief er ihm zu.

Der nickte nur desinteressiert und wischte sich mit einer Serviette über den Mund, bevor er lässig winkend die Grillstube verließ.

Mir kam ein Verdacht: „War das der Horst?“ fragte ich den Grillmeister.
„Ja sicher. Der Horst ist ja fast jeden Tag hier“, meinte der kurz, bevor er mich abkassierte.

Zu ärgerlich! Die Gedanken in meinem Hirn rasten aufgeregt umher. Das Puzzle setzte sich langsam zusammen. Da hatte ich ihn ja nur um Sekundenbruchteile verpaßt. Wenn ich nicht die blöden Pommes gekauft hätte, wäre der Fall schon gelöst gewesen! Mir war der Appetit gründlich vergangen.
Lustlos aß ich die Pommes auf und versuchte, die Zusammenhänge in ihrer Gesamtheit zu verstehen. Spülte die Mahlzeit mit dem warm gewordenen Bier runter. Ging nach draußen und steckte mir eine Zigarette an. Von Horst weit und breit keine Spur mehr. Er war wieder verschwunden.
Je nun, zumindest hatte ich einen kleinen Schritt in die richtige Richtung getan.
Ich suchte eine Telefonzelle auf und rief meine Auftraggeber an. Ich bekam den Vater an den Hörer.

„Wir haben Grund zum Optimismus. Eine Entführung können wir wahrscheinlich ausschließen.“ erklärte ich ihm, „alles weitere wird sich zeigen.“
Der Paps klang allerdings wenig beruhigt und fragte kurzatmig: „Aber wenns sich nicht um eine Entführung handelt, warum meldet er sich dann nicht bei uns?“
Ich dachte ein paar Minuten drüber nach.
„Tja, vielleicht hat er ja gerade keine Lust? Oder was anderes zu tun.“ Ich sponn den Faden weiter. „Ich meine, immerhin ist er ja 26.“ Doch ich wollte mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen:
„Wie auch immer, geben Sie die Hoffnung nicht auf: Ich bleib am Ball.“

Ich versprach noch, mich zu melden, sobald es Neuigkeiten gäbe und steckte dann mein Handy wieder ein.
An der frischen Luft wog ich die Vor- und Nachteile ab, die ein Hausbesuch beim Vermißten mit sich bringen könnte, entschied mich dann aber dagegen. Manchmal muß man halt seinen Instinkten vertrauen, zudem war mir etwas übel von den Pommes und so wie es aussah, würde ich die nächste Zeit täglich in der Grillstube essen müssen. Irgendwann würde Horst dort womöglich wieder auftauchen. Der Grillmeister hatte ja sowas angedeutet. Ich hoffte nur, daß das noch diese Woche geschah, denn sonst würde ich den Fall abgeben müssen. Schließlich gings am 13ten auf Monsterstour, das hatte nun mal Priorität.

Ich beschied dennoch, daß der Tag nicht vollkommen im Eimer war, denn erstens hatte ich doch so einiges herausgefunden und zweitens konnte ich mich auf frisch gewaschene Gardinen zuhause freuen.
Naja, Leute, letztlich muß man alles so nehmen wie es kommt und das Beste daraus machen. Das gilt für einen Detektiv genauso wie für alle anderen Menschen.

Und ich sag Euch: Es kommt immer anders als man denkt. Immer! Merkt Euch meine Worte.

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