Tourtagebuch

Schuhekauf, Big City

29. Mär. 2013

von the dirty MoL Man

Ich habe heute beschlossen, gegen eine meiner Urängste anzugehen. Viel zu lange habe ich den emotionalen Ballast mit mir rumgetragen, ich muß etwas tun.
In Aktion treten, tätig werden, raus aus der Opferrolle, die mich lähmt und peu a peu von allen entfernt.

Eigentlich begann die Wandlung schon gestern. Ich flegelte mich wieder mal auf meiner Couch und sah mir DVDs mit alten '21 Jump Street'-Folgen an. Dabei murmelte ich gelangweilt alle Dialoge und Fahrzeuggeräusche mit und löffelte abwesend Nutella. Der Grund dafür:
Mein Kühlschrank war leer und andere DVDs befanden sich im Nebenraum. Zu weit weg für meinen matten Körper. Seit einer Woche rotierte nun schon diese ''21 Jump Street'-Scheibe im Recorder, die ich inzwischen so gut kannte, daß ich schon wusste, wer der Mörder war, sogar wenns bloß um Autodiebstahl ging. Mein Ernährungsplan hatte sich von Reis mit Zwiebeln über Reis ohne Zwiebeln über Brot mit Nutella zu Nutella ohne Brot geschmälert, kurz gesagt: Es war nicht besonders viel los, zur Zeit.
Tranig schaute ich auf die Topfpflanze, die den Kampf gegen die lange Dürreperiode längst verloren hatte. Flehend, doch vorwurfsvoll zeigten die toten Zweige wie skelettierte Zeigefinger auf mich.
Ich starrte und löffelte also, löffelte und starrte. Dann aber erstarrte ich: Nutella löffeln? Nutella löffeln??! Das ist ja übelstes Neunziger Jahre- Klischee! Der neue deutsche Film! Katja Riemann und bewegte Männer! Nö, sorry, damit wollte ich nichts zu tun haben! Ein schmerzhafter Punkt der Selbsterkenntnis war erreicht.
Schluß mit diesem Rumgehänge! 'Die Sonne scheint und ich war mal jung!', rief ich voller Enthusiasmus Johnny Depp entgegen, und 'Der Mörder ist der Klassenprimus, du Pfeife!'
Na ja, er würde noch drauf kommen. Und ich hatte jetzt auch besseres zu tun.
Es war nicht ganz leicht, mich von der Couch zu lösen, die ersten Wurzeln waren bereits gesprossen, aber ich nutzte den Löffel als Werkzeug und hebelte mich vorsichtig aus. Befreit. Ich stand frei im Raum! Hurra!
'Jetzt muß es aber auch weitergehen!', motivierte ich mich lauthals und sah mich um. Ein Plan, ein Plan, ein Königreich für einen Plan!
Säuberung. Genau, denn auch jeder spirituellen Reinigung sollte eine physische vorausgehen. In früheren Jahren hatte ich schließlich einige Zeit in der berühmten Hippie-Kommune von Freckwinkel verbracht, wo ich schnell lernte, daß die Seele nicht mit sich ins Reine kommt, wenn die getragenen Socken alle Räume vollstinken.
Also ab zu Dusche.
Ich verlief mich ein paar mal auf dem Weg und landete so immer wieder an der Couch, die mich sirenengleich zum Darniederliegen zu betören versuchte. Aber niente, ich blieb hart - einen ganz kleinen Mittagsschlummer mal ausgenommen. Dadurch hatte ich aber auch wieder genügend Kraft getankt, um mir den Grundriß meines Palastes noch einmal genau vors innere Auge zu führen: Erst Couchraum, dann Küche, dann Bad. Sonst noch was? Mir fiel nichts ein, außer, daß ich viel Mitleid mit den inneren Augen aller Menschen habe, denn alles was sie ihr Leben lang zu sehen bekommen, ist unappetitlich. So von wegen: Das Auge ißt mit. Arme Augen, arme Augen.
Zur Dusche: Sah eigentlich alles ganz schön aus, warum war ich so lange nicht mehr hier gewesen?
Natürlich war das duschen überhaupt kein Problm, Leute, ich sag' Euch, es gibt Dinge, die verlernt man nie. Wie Fahrradfahren. Obwohl Fahrradfahren so eine Sche ist: Man lernt es ja erst zögerlich, erst mit, dann ohne Stützräder, dann traut man sich zuviel zu und fällt aufs Maul und dann muß man seinen Mut zusammennehmen und wieder rauf auf den Drahtesel. Also quasi wieder lernen. Duschen ist einfacher.
Hach, hach, schön, das Wasser. Erfrischend und belebend. Ich wäre gerne in einem Duschgelspot. Dann hätte ich nämlich auch den entsprechenden Körper.
Denn jetzt gerade besah ich mich im Spiegel und empfand meine Physiognomie eher passend für den 'Vorher'-Teil einer 'Vorher/Nachher'-Werbung. Wovor war eigentlich egal.
Doch jedem Schreck folgt Adrenalin. Bei mir äußerte sich das in einem Ideensturm: Ich würde mich schon wieder voll auf die Höhe bringen! Ab jetzt galt: Action, Sport, Fußball, Jogging, Tennis und so weiter.
Ich entschied mich für einen Schuhkauf. Die Grundlage jedes Leistungsports ist gutes Schuhwerk. Gute Ernährung ebenfalls. Drum Schuhe und Lebensmittel einkaufen gehen.
Außerdem käme ich so automatisch vor die Tür und an die frische Luft und das wäre ja auch schon irgendwie ein bißchen sportiv. Man soll auch nicht zu schnell das Tempo anziehen!
Anziehen war aber auch ein gutes Stichwort für mich, nach einem raschen Nutellafrühstück warf ich mir ausgewählte Straßenkleidung über. Ging total einfach, ich besitze nur Straßenkleidung. Was ist überhaupt andere Kleidung als Straßenkleidung? Ein blöder Begriff. Soll wohl leger doch seriös klingen. Klingt aber blöd. Ich hasse die Menschen! Egal.

Die Stadt hatte sich kaum verändert, seit ich das letzte mal hier gewsen war. War ja auch kein Wunder, war ja noch nicht so lange her. Menschen bummelten scheinbar ziellos durch die Cafes und Geschäfte, Autos fuhren mit mir unbekannten Zielen durch Cafes und Geschäfte, ich trank einen Kaffee und war geschäftig. Mein Ziel: Schuhladen.
Eine Bauernregel besagt ja, daß Frauen immer Schuhe kaufen wollen. Viele Frauen sind leider so dumm und folgen zombieesk jener Bauernregel und geben sich drum regelmäßig der Marter des Schuherwerbs hin. Man erkennt sie an den verkniffenen Blicken, denn Schuhe kaufen ist sehr schlecht für Psyche und Wirbelsäule. Meine Theorie, doch ich glaube ihr, denn man muß dabei immer auf den Boden gucken und die Zehen wackeln. Kann gar nicht gesund sein. Nur ein aufrechter Gang ist gesundheitsfördernd, so die Devise. Aber Männer sind ja genauso bescheuert, die quälen sich mit Vin Diesel-Filmen, weil in amerikanischen Comedyserien Männer dergestalt persifliert werden, daß sie nur Vin Diesel-Filme mögen und XXL-Schnitzel fressen. Prompt glauben Männer das wirklich und ziehen sich Actionquatsch und Formfleisch in großen Mengen rein. Die Folge: Geist- und Darmverstopfung. Und die Welt wird davon auch schlechter, weil die Formfleischvorlagen nicht artgerecht gehalten werden und Vin Diesel ganz viel Geld bekommt. Bald eröffnet er wahrscheinlich eine Vin Diesel-Schnitzel-Kette und macht aus dem übriggebliebenen Leder Schuhe für die doofen Frauen, die glauben, sie müssten noch mehr Schuhe haben. Ein Teufelskreis.
Vielleicht irre ich mich aber auch, könnte ja durchaus sein.
Im Schuhgeschäft stand ich erstmal rum und kam nicht klar. Das ist bei mir immer so, kaum betrete ich einen Laden, hab ich vergessen, was ich eigentlich wollte. Die Gedanken purzeln, inputüberlastet, umher und ich muß innerlich tasten und greifen, bis ich die richtigen Zusammenhänge wiedergefunden habe. In Supermärkten ist das ganz schwer, denn da gibt es ein enorm breit gefächertes Produktsortiment, fast unmöglich ist es mir da, mich auf meinen ursprünglichen Plan zu besinnen. In Spezialgeschäften wie beispielsweise einem Schuhladen geht das aber schneller, da die Einseitiggkeit des Warenangebots die Transaktionsziele recht eindrücklich bebildert.
Schuhe also.
Hm, hm, ich schlich an den Regalen vorbei, denn schleichen ist in einem Schuhgeschäft wichtiger als in Bibliotheken. Lesen tut nämlich keiner mehr, Schuhe kaufen aber sehr wohl, weshalb man dort eher Gefahr läuft, störend aufzufallen. Zumal Schuhe ja auch nach verursachenden Gehgeräuschen ausgesucht werden, nicht nur nach Farbe oder so. Allerorten also leises Sohlengequietsche, gemurmelte Diskussionen über Profilvorteile etc. Da kam mir ein Gedanke zur Entkrampfung der Situation und um die Stimmung aufzulockern:
'HaHa, hier entstehen also die ganzen Profilneurosen!', rief ich, mitten im Raum stehend und wurde verständnislos angeschaut. Kein Wunder, schließlich konnte ja keiner meine vorangegangenen Gedanken lesen und einen Sinn für auf der Hand liegende Wortspiele hat eben auch nicht jeder.

Egal, meine innere Anspannung hatte das jedenfalls nicht gelöst, im Gegenteil. Ich errötete rasant und wollte nun endgültig nur noch schnell raus. Ich greife mir ein paar Turnschuhe in meiner Größe und begab mich gehetzt zur Kasse.
Kurz noch versuchte der Rebell in mir einen Ausfall, bevor die Kassiererin fragen konnte, bombardierte ich sie mit Wünschen nach: Imprägnierspray, Schuhpflegeset, Einlegesohlen, Ersatzschnürsenkeln und allem Pipapo, der mir sowieso von ihr aufgeschwatzt worden wäre.
Dergestalt ihres Angebotsmonologs beraubt, suchte sie angewidert die gewünschten Extras und fand aber nur Ersatzschnürsenkel. Aha, also sind diese Angebote immer nur leere Worte. Ich bekam Oberwasser: 'Der Preis spielt keine Rolle!' röhrte ich und dachte dabei, daß sie hoffentlich keine Rolls Royce-Imprägniersprays oder Vin Diesel-Luxuseinlegesohlen hervorzaubern würde, denn der Preis spielte in Wirklichkeit sehr wohl eine Rolle. Eigentlich spielte der Preis sogar die Hauptrolle.
Aber ich hatte Glück, der Vortäuschung der Vorrätigkeit ihrer armseligen Extra-Produktpalette enttarnt, war jede Verkäuferarroganz einer tiefen Scham gewichen und ich ließ versöhnt mit der Welt Gnade walten:
'Danke, den Karton benötige ich nicht.' sagte ich abschließend hoheitsvoll, schnickte mir mit einer Kopfbewegung die Locken aus der Stirne und verließ das Geschäft. Ha, kein Karton, auch noch was gutes für die Umwelt getan.
Ich fühlte mich heroisch, und spurtete - nun meines Schnöselgetues überdrüssig - um die Ecke zur nächsten Parkbank. Wechselte die Schuhe.
Schön waren die. Sehr sportlich. Hm, bequem. Der Tag war mein Freund, die Stadt so schön.
Ich wandelte ein wenig durch die Fußgängerzone und besah mir all die anderen armen Kreaturen, die keine neuen Schuhe ihr eigen nennen durften. Sie taten mir leid.
'Man muß nachsichtig mit ihnen sein.', so sprach ich zu mir, 'sie können ja nichts dafür.'
Wer wofür nichts konnte und warum man nachsichtig sein muß, konnte ich leider nicht mehr herausfinden, denn ich spürte nun ein unangenehmes Stechen und Zwirbeln an meinen dicken Zehen. Verwundert blieb ich stehen. Ich wackelte mit mit den Zehen, klopfte die Hacken zwecks Freiraumschaffung des Schuhhecks gegen die Bordsteinkante und ging wieder ein paar Schritte. Aua.
Gleiche Prozedur noch einmal. Aua!
Kein Zweifel, die Schuhe passten nicht. Schockschwerenot, das war ja ein Mist.
Was war das doch für eine Dreckswelt und eine Dreckskonsumgesellschaft, in der man so beschissen, enttäuscht und immer wieder aufs Neue vorgeführt wurde? Was war das doch für ein Schweinegott, der immer wieder stillschweigend zuließ, das sowas passierte???!
Langsam watschelte ich zur Bahn zwecks Heimreise
Fand keinen Sitzplatz. Ich blickte böse durchs Abteil: Und die Menschen hier! Ich besah mir heimlich die Treter von jedem einzelnen. Wie selbstzufrieden die hier rumstehen und saßen! Wie selbstverständlich sie jenen Fuß-Komfort genossen, um den sie mich heut gebracht haben! Sie, die Welt, die Schuster, der Laden, Gott, sie, die ich allesamt zur Hölle wünschte.
Ein paar Menschen vergab ich aber, denn ich entdeckte an den Ausbeulungen einiger Schuhe sehr wohl, daß ihre Zehen sich, den meinen gleich, in ihren Gefängnissen krümmten und nach einem Ausweg suchten. Diesen Menschen vergab ich, fühlte mich zutiefst solidarisch mit ihnen und schloß sie in meiner Phantasie in die Arme. Sie, die Leidensgenossen, die den Schmerz und das Ausgestoßensein aus der Welt der Bequemgänger mit Sicherheit genauso tief empfanden wie ich, ich lächelte sie breit und voller Wärme an. Aber Menschen mit zu engen Schuhen gucken hat immer nur verzweifelt auf ihre Schuhe, drum ist ein Austausch von Blicken leider unmöglich. So vereinsamt der Mensch und das ist grausam, finde ich.
Daheim angekommen, warf ich die Schuhe in die Ecke, warf mich entmutigt, einsam und entkräftet auf die Couch und versuchte, zu vergessen.
Apropos vergessen: Ich hatte völlig vergessen, Lebensmittel einzukaufen.
Und das - wie eingangs erwähnt - habe ich mir für heute vorgenommen! Es wird nicht leicht, denn - obschon ich ein optimistischer und grundpositiv eingestellter Mensch bin: Ich habe meine Vorbehalte. Gleich werde ich mich auf den Weg machen.
Ich geb' Euch dann Bescheid, wie's lief.