Tourtagebuch

Confusion is next, Daheim

10. Apr. 2013

von the dirty MoL Man

Hey Leute, heute hab' ich echt zu tun: Ich will mich mal an einen neuen Song setzen!
Immerhin beginnt dieses Wochenende unsere Tour! Und ich hab ja im Vorfeld allen gegenüber groß getönt, mit super Songmaterial aufzuwarten. Mit einem Hit der Extraklasse!
Alle gegenüber waren übrigens nur eher semiinteressiert, sie meinten, Tür an Tür mit mir zu wohnen und ständig Lieder über Türen zu hören, sei enervierend genug, sie bräuchten jetzt nicht unbedingt auch noch neuen Kram, der die ganze Zeit durch den Hausflur dröhnt.
Man kann es wohl nicht allen recht machen, dachte ich mir nur.
Ist auch so, ich habe festgestellt, daß die Menschen ganz schön unterschiedlich drauf sind. Ich krieg zum Beispiel gerne Pakete in die Wohnung geliefert. Ist einfach schön, die Tür zu öffnen und lieb gewickelte Präsente entgegenzunehmen. Aber bekomme ich welche? Eben nicht. Da scheinen also potentielle Paketverschicker das ganz anders zu sehen und senden ihren liebevoll verpackten Scheiß woanders hin. Apropos, noch ein Beispiel: Ich wohne gerne im Dachgeschoß, ich liebe es, über die Stadt zu blicken. Mein Briefträger findet Parterrewohnungen viel besser, aus anderen Gründen.

Die Menschen: Das ist schon ein Thema für sich. Ist aber auch ein Thema für mich. Und ich brauche ja eh gerade ein Thema für ein Lied, da kann ich ruhig auch gleich die Menschen nehmen.

Heute also kreatives Arbeiten.

Hochmotiviert bin ich schon früh aufgestanden, habe mich geduscht und mir einen Kaffee gekocht. Mit Kaffee kann ich besser arbeiten. Ich meine, klar kann ich auch sehr gut ohne Kaffee arbeiten, aber er schmeckt mir eben. Er hilft mir einfach. Und wenn ich doch welchen da hab', warum dann einschränken?
Oje, oje, ich schweife wohl gerade ganz schon ab. Das passiert mir oft, wenn ich ein Ziel fokussieren will. Da purzeln die Gedanken umher wie die Steine beim Domino-Day. Gibt’s den eigentlich noch? Seit drei Jahren spare ich mir nämlich das Fernsehen, denn erstens ist Fernsehen eine Wurzel allen möglichen Übels, andererseits habe ich aber sowieso schon Jahrzehnte vor der Glotze verbracht, also netto. Ich glaube, ich hab' alles schon gesehen. Außer Domino-Day. Domino-Day ist wahrscheinlich gut, aber irgendwo muß man ja auch eine Grenze ziehen. Und da ich mir nun wirklich schon extrem viel Unsinn begeistert reingezogen habe, verzichtete ich eben auf Sportereignisse wie Domino-Day.
Ist das eigentlich eine neue Erkenntnis, daß im Fernsehen viel Schrott läuft? Viele können das zumindest noch nicht mitbekommen haben, sonst wäre Fernsehen ja wegen Zuschauermangel bereits eingestellt worden. Andererseits: Ich kenn' das ja von Konzerten. Manchmal kommen eben nicht soviele Menschen. Aber gerade jene Abende sind oftmals exquisit! Vielleicht sehen die TV-Menschen das ja genauso: Nicht die Masse machts, sondern die Qualität. Eventuell sollte ich ja doch wieder mal fernsehen, könnte ja sein, daß die Programmgestaltung inzwischen ganz hervorragend ist, weil es nicht um die Quantität der Zuschauer geht, sondern um gezielt grandioses Entertainment für Minderheiten mit Geschmack.
Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht. Aber ich merke erfreut, daß ich mir selbst schon komplett uneins bin und das ist eine interessante Erkenntnis, die gut zum Thema Menschen paßt. Also ganz im Sinne meines heutigen Songthemas. Und es verstärkt noch die Theorie vom Anfang, nämlich daß Menschen ganz schön unterschiedlich drauf sind. Ich komme langsam auf Touren.

Ach ja, Touren: Muß dringend noch Wäsche waschen. Rock'n'Roll muß dreckig sein, die Unterbuxen aber sauber! Wirklich. In der tollen Biographie über die Ramones stand wiederum zu lesen, daß Joey seine Unterbuxe stets so lange trug, bis nur noch der Gummizug übrig war.
War aber auch eine andere Zeit.
In der mindestens genauso guten Biographie über Sonic Youth steht nichts über Unterbuxen, textilmäßig konnte ich da nur was über T-Shirts und Button Down-Hemden finden. Ist aber vielleicht auch nicht das Wichtigste, was man über Bands berichten kann. Ich schau trotzdem noch mal rasch nach, bevor ich mich an die Arbeit mache.
So, bin zurück. Hab tatsächlich nichts über die Unterbuxen von Sonic Youth gefunden. Dafür aber eine alte Socke, die ich wohl mal als Lesezeichen benutzt habe. Was mich zu meiner Wäsche zurückbringt. Ich muß wirklich noch dringend waschen. Meinen Hausgeist kann ich leider nicht fragen, wie mal erwähnt hasst er es, die Wohnung zu verlassen. Ich hab keine Waschmaschine und muß immer in den Waschsalon. Da paßt der Geist, das paßt mir zwar nicht aber was will man machen? Dämlicher Geist!
„Koch wenigstens einen frischen Kaffee!“, brülle ich deshalb in die Küche, denn da sitzt er gerade und liest die Lemmy-Biographie und er kann ruhig auch mal was tun und mein Kaffee ist wegen dieser Sonic Youth-Unterbuxen-Sache inzwischen kalt geworden.

Er werkelt gehorsam am Herd, da kann ich ja zurück zum Computer und endlich ab an die Arbeit. Vorher nur noch eine Runde „Bubbles“ spielen. Ist sehr schwer: Man muß immer mindestens drei gleichfarbige Bubbles zusammen wegballern, während sich die Bubbles vermehren und hin zum Boden wachsen. Andere Menschen ballern am Computer ja lieber auf Aliens oder andere Invasoren. Ich nicht. Mir reichen Bubbles. Wobei mir just einfällt, daß es eine Enterprisefolge gibt, in der Aliens genauso aussehen wie diese Bubbles und sich auch extrem schnell vermehren, was zum Problem für die Enterprise-Crew wird. Ich google das mal gerade. Die Folge heißt: „Kennen Sie Tribbles?“.
Parallelen zu meinem Spiel sehe ich schon. Bubbles, Tribbles, verrückte Welt!

Das Lied, das Lied, ich brauche ein Lied. Jetzt aber. Die Sonne scheint auf meinen Rechner, der Geist hat mir eine Tasse frischen Kaffees gereicht, es kann losgehen. Dummerweise machen die Sonnenstrahlen den ganzen Staub sichtbar, der hier rumflirrt.

„Wann wurd' hier eigentlich das letzte mal Staub gewischt?“ rufe ich vorwurfsvoll zur Küche, denn das ist nicht meine Aufgabe, hier Staub zu wischen.
„Letzte Woche oder so.“ nölt der Geist unwillig zurück, „mach ich morgen, ich les' gerade was.“
„Das war aber eigentlich anders abgesprochen!“
„Da war überhaupt nix abgesprochen!“

Ach so, stimmt.

„Ach so, stimmt!“ rufe ich deshalb entschuldigend.

Aber so kann das nicht bleiben, das lenkt mich ab.

Drum ich: „Das kann aber so nicht bleiben, das lenkt mich ab!“

Geist, genervt: „Wovon denn überhaupt?“

Der spinnt wohl!

„Von meiner Arbeit!“

„Du spielst doch bloß wieder Bubbles!“

„Ja, aber danach will ich arbeiten!“

-Stille-

„Ich sagte, danach will ich arbeiten!“

Geist, noch genervter: „Ja dann mach doch!“

„Bei dem Staub hier? No Way!“

Dumpfes Poltern in der Küche. Er hat wohl das Buch durch den Raum geworfen.

„SCHON GUT, SCHON GUT! DANN WISCH ICH EBEN JETZT STAUB!“, schreit er gereizt.

Das Geräusch knallender Küchenschranktüren.

Der Geist streckt den Kopf in Zimmer: „Dann mußt du aber einkaufen, wir haben keine Staubtücher mehr!“

Mann, mann, mann! Ich steck auf:

„Ja, ja, dann laß es halt! Ich hol sie morgen. Werd's schon so hinkriegen!“

Ich weiß, er rollt hinter meinem Rücken mit den Augen. Aber ich muß mich konzentrieren und behalte jedes weitere Kommentar für mich. Der Klügere gibt bekanntlich nach. Schreiben, schreiben, schreiben. Aber ständig werde ich abgelenkt!

„BEI DEM KRACH KANN ICH NICHT ARBEITEN!“

„DANN MACH DEINE MUSIK DOCH EINFACH LEISER!“

Ach ja. Hab ja Sonic Youth aufgelegt. Diese Unterbuxensache hat mich wieder draufgebracht. Ist aber auch eine tolle Band. Nur als Hintergrundmusik unpassend. Auch für romantische Stunden eher nicht zu empfehlen. Ich erinnere mich, anläßlich eines Kerzenlichtabends mit einer potenziell interessierten Dame das Album „Confusion is Sex“ aufgelegt zu haben. Ich hielt das für einen dezent subtilen Hinweis. Wurde aber nur als Signal zum überstürzten Aufbruch gewertet. Manchmal reicht es wohl nicht, auf die erotisierende Wirkung des Wortes „Sex“ zu vertrauen. Hm. Ist das ein gutes Songthema?
Mal den Geist fragen. Der spült gerade, wie ich den scheppernden Klängen entnehmen kann.

„Ist aufgrund falscher Platten verhinderter Geschlechtsverkehr ein gutes Songthema?“ ruf ich fragend in die Küche. Geist antwortet umgehend.

„Nee. Hattest Du außerdem schon mal! Aber trotzdem: Nee.“

Mist. Dann wieder zum Ursprungsthema zurück. Huch, jetzt klingelts auch noch.
„Die Tür, die Tür!“ rufe ich auffordernd. Keine Reaktion. Es bimmelt weiter. Ich seufze und geh selber.
„Na, wie geht’s?“
Hoppla, da steht ja Michael Paul, der Autor unserer ersten Monsters-Tourberichte, der samt Frau Estelle vor Jahren nach Madagaskar gezogen ist. Breit grinsend und strahlend wie eh und je. Hat sich kaum verändert.
„Herrjeh, du bist es.“, stoße ich aus, „Wie schön.“
Ich bitte ihn herein, erkläre ihm aber auch gleich, daß ich echt im Streß bin und keine Zeit für einen Plausch habe.

„Kannst mir ja alles mal mailen, was so passiert ist, ja?“

Er redet eh nicht gerne, drum paßt ihm das bestimmt gut. Ich führe ihn in die Küche und stelle ihn dem Geist vor.
„Geist? Michael. Michael? Geist.“ Michael nickt grüßend, der Geist, noch beim Geschirrtrocknen, winkt kurz mit dem Spültuch. Ja, haben die denn beide ihre Zungen verschluckt? Egal, ich muß arbeiten.
„Ich muß leider weiterarbeiten. Aber machs dir bequem und bedien dich einfach selbst.“ biete ich Michael freundlich an, „ich habe Kaffee und Blattspinat da.“
Michael lehnt dankend ab und zieht ein paar Flaschen Gin aus seiner Reisetasche. Da leuchten sogar des Geistes Augen, der gleich ebenfalls Platz am Küchentisch nimmt.

Ich begebe mich wieder zurück an den Schreibtisch und versuche erstmal, zur Ruhe zu kommen. Mich zu sammeln.
Aus der Küche höre ich nun Gemurmel und dann schallendes Gelächter. Na, da haben sich wohl zwei gefunden. Kein Wunder, Michael ist schließlich auch Ghostwriter. Haha. Ich überlege kurz, doch nochmal rüberzugehen und ihnen den Gag zu erzählen, lass es aber. Ich muß arbeiten.
Der Monitor flimmert blöde. Der Kaffee ist wieder kalt. Ich glaub', ich koch noch mal welchen. Ich kann das ohne schlechtes Gewissen, ist fair gehandelter.

„Ist das eigentlich fair gehandelter Kaffee?“ frage ich sicherheitshalber in die Küche. Ich muß schreien, weil die beiden da total laut mit einander quasseln und rumblödeln. Reagieren auch erstmal nicht.
„IST DER FAIR GEHANDELT???“ wiederhole ich, drei Dezibel lauter.

Die beiden verstummen kurz.

„Wer?“

„Wer, wer? Der Kaffee! Ob der fair gehandelt ist, hab ich gefragt!“

„Der ist von Penny!“ antwortet der Geist nach einer kurzen Pause.

Auweia! Mit Sicherheit nicht fair gehandelt. Das ist ja mal eine schlechte Nachricht. Und ich aase hier so rum mit dem Zeug. Das kann ich nicht verantworten. Dann trink ich vielleicht lieber nur eine Milch.

„Und die Milch?“ rufe ich.

„Was? Ob die auch fair gehandelt ist?“

Wieherndes Lachen aus der Küche. Geist verarscht mich wieder. Die haben ja schnell getankt.
Ich werde genauer.
„Ich will wissen, ob das Bio-Milch ist!“

„Bio-Milch?“ Ich höre sie prusten. „Die ist auch ausm Penny. Kannst ja nachfragen!“

Doppel- und dreifach-Oje. Ich verschwende hier absolut unkorrektes Massentierhaltungszeug! Geht ja gar nicht. Die armen Kühe!
Allein aus ökologischem Bewußtsein muß ich also auch auf Milch verzichten.

Jetzt hab ich aber wirklich Durst bekommen.

„Äh, wie ist das denn mit dem Gin?“ frage ich nun zögerlich.

„Jaaa, der is' natürlich total Bio.“ lallt es aus zwei Kehlen zu mir.


Damit endet an dieser Stelle das ganze Arbeitsunterfangen. Außerdem kann ich mich bei dem Gejuchze von nebenan sowieso nicht konzentrieren. Extrem ärgerlich, wo es gerade doch so gut lief. Kann ich ja genausogut auch mal nachschauen, was die beiden in der Küche treiben.

Und wenn ich schon mal dort bin, kann ich auch ein Gläschen mit den beiden zusammen trinken. Man will ja auch guter Gastgeber sein. Michael war schon lange nicht mehr hier. Und bis zur Tour ists ja auch noch etwas Zeit.

Bevor ich mich aber nach nebenan begebe, noch ganz kurz eins: Zugegeben, der Text hier ist etwas unaufgeräumt und ein thematischer Bogen kaum erkennbar. Aber so ist das mit der Kreativität. Mal kommt da was, mal geht da was. Diesmal geht’s halt so. Außerdem - das fällt mir gerade ein – gibt’s zum Thema „Menschen“ schon ein ganzes Album. Es ist von 'Foyer des Arts' und heißt bezeichnenderweise „Die Menschen.“ Es ist enorm gut. Hört's Euch mal an, ich such ab morgen lieber ein anderes Thema für meinen Song.
So ist das eben, wenn das Leben plötzlich der Kunst ins Handwerk pfuscht. Nämlich nice. Prost.