Tourtagebuch

Der Spuk, Daheim

25. Mär. 2013

von the dirty MoL Man

Bei mir zuhause spukt es neuerdings.

Es war so: Ich kam neulich abends vom Einkauf heim, schloß noch die Wohnungstür hinter mir und stand plötzlich einer schwebenden, schemenhaften Gestalt gegenüber.

„Oh Gott, ein Geist!“ entfuhr es mir und ich ließ erschrocken alle Einkaufstüten fallen.

Das wabernde Wesen schlug nun seinerseits die Hände über dem Kopf zusammen:

„Oh Gott, ein Monster!“ äffte es mich nach.

Alles klar, dachte ich mir, ich werd' hier von einem Gespenst verarscht.

„Ich hab gerade Kaffee fertig, willst du auch einen?“

Er breitete einladend die Arme aus nickte in Richtung Küche.

„Mhm...“ bejahte ich zögernd.

Ich sammelte meine Einkäufe auf und tappste hinter der Gestalt her.
In der Küche schenkte mir der Geist Kaffee in eine Tasse ein.
Was soll man tun? Ich setzte mich an den Tisch.

„Milch? Zucker?“ fragte er.

Nein danke. Aber...“, ich zeigte auf die Uhr der Mikrowelle, „jetzt noch Kaffee?“
„Kein Ding“, er nahm mir gegenüber Platz und blies in seine Tasse, „kann nachts eh nicht schlafen.“
„Hm, klingt nachvollziehbar. Hat das psychische Gründe?““ fragte ich neugierig. Wenn man mal die Gelegenheit zum Austausch hat, sollte man sie nutzen, oder?

„Nee, Kaffee.“ Er grinste und nahm einen tiefen Schluck.

Ich muß zugeben, der Geist hatte Humor.

Man konnte den Weg des Heißgetränks durch seine durchscheinende Gestalt übrigens eine Zeitlang verfolgen.

„Darf ich?“ Er deutete auf meinen Tabak und zog fragend die Brauen hoch.

„Aber gern.“

Er bediente sich und auch ich drehte mir eine Zigarette. Ich muß das tun. Wenn andere rauchen, will ich auch sofort. Ist so.


Eine Zeitlang rauchten wir schweigend und tranken unseren Kaffee.

Irgendwie muß das jetzt hier weitergehen, dachte ich mir, und suchte nach einem Gesprächsfaden:

„Sag mal, ohne unhöflich sein zu wollen, aber dürfte ich wissen, was du hier eigentlich machst?“

Er blickte erstaunt auf: „Soll das heißen, daß dir dein Vermieter nichts erzählt hat?“

„Erzählt? Was...“

„Na, von mir? Von dem, was hier passiert ist??“

Er schien schockiert.

„Ich wüßte nicht, was... äh, nein...?“ stotterte ich

„GAR NICHTS????“

Er sprang auf. Lautlos aber aufgebracht. Gänsehaut überzog mich binnen Sekundenbruchteilen.

„ÜBERHAUPT GAR NIX !???!!! NIENTE????“

Er funkelte zornig. Ich war vor Angst fast vollkommen starr. Bibbernd konnte ich nur leicht verneinend den Kopf schütteln.

„Aha. Na ja“. Von seiner Wut urplötzlich keine Spur mehr. „Gibt ja auch nix zu erzählen.“

Er blinzelte mir grinsend zu und klopfte mir dann lachend auf die Schulter.

Schon wieder verarscht. Ich atmete auf. Er setzte sich wieder.

„Nein, nein, wollte nur mal raus.“ Er zuckte mit den Schultern. „Luftveränderung, verstehst du?“

Nicht im geringsten, dennoch nickte ich zustimmend.

Er fuhr fort: „Ich war schon viel unterwegs. Mal hier.“, er machte eine konspirative Pause, „Mal dort.“

Langsam dämmerte es mir: Geister sind halt mystische Wesen. Da nach Logik zu suchen, ist komplett zwecklos.

Im Verlauf unseres Gesprächs lernte ich damit umzugehen und wurde auch selbst zunehmend lockerer. Es ging um Gott und die Welt .

„Apropos: wegen Gott jetzt mal: Bist du denn gläubig?“

Durchaus eine gute Frage, wenn man mal einen Geist da hat, finde ich.

„ Glaub' nich'.“ nuschelte er nur.

Spitzenantwort, alle Achtung.

Nach einer Weile wechselten wir dann ins Wohnzimmer und schauten DVDs. Horror mochte er nicht so gerne - „Zu geistlos“, meinte er nur. Wirklich klasse, der Kerl – auf die surrealistischen Filme von Bunuel fuhr er total ab. Allen voran „Das Gespenst der Freiheit.“ Natürlich.

„Aber nicht wegen des Wortgags“, so er, „sondern wegen der Klo-Szene.“

Da konnte ich nur beipflichten.

Es wurde noch eine lange Nacht und seitdem leben wir als Wohngemeinschaft zusammen.

Mir gefällt das sehr gut, denn er ist ziemlich ordentlich und kümmert sich gern um alle haushaltlichen Pflichten. Halt so Sachen, die mir vom Naturell her total abgehen. Er staubsaugt zum Beispiel mit Hingabe, auch aufs schlierenfreie Fensterputzen versteht er sich hervorragend.

Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich hin und wieder vorschlug, vermittels seiner Spukfähigkeiten auch diverse finanzielle Löcher zu stopfen. Aber er verfügt über keinerlei kriminelle Energie und weigerte sich stets.

Na ja, nicht schlimm. Gehe ich eben weiter auf Tour mit den Monsters, macht ja auch Laune.
Ich würde ihn auch gerne mitnehmen und Euch vorstellen, anderen Menschen gegenüber ist er allerdings ziemlich scheu, muß ich sagen.
Außerdem – so der Geist – müsse ja schließlich auch während meiner Abwesenheit jemand nach der Post schauen.

Da hat er recht.

Um's kurz zu sagen: Ich bin begeistert. HaHa.

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