Tourtagebuch

Die Muse, Superrestaurant

27. Mär. 2013

von the dirty MoL Man

Heute war ich mit meiner Muse verabredet. Schließlich geht es bald auf Tour und ich brauche dringend neues Material.
Dazu muß ich erklärend anfügen, daß seit meine Muse seit einiger Zeit nur noch auf Teilzeitbasis bei mir arbeitet. Die Dame hat nämlich festgestellt, daß sie ihre Talente auch viel lukrativer einsetzen kann. Sie arbeitet nun als Werbetexterin und freie Sprachtherapeutin. Viel Zeit bleibt da nicht mehr für mich, drum ist es immer eine höllisch schwierige Aufgabe, sie mal abzupassen.
Heute passe es ihr ganz gut, gähnte sie überarbeitet ins Telefon: „Du kannst mich ja schick ausführen.“
„Schick ausführen?“ Ich blickte ungläubig in den Hörer. „ Schick ausführen?“
„Na logo: Wein, Kerze, das ganze tamtam. Das beflügelt meine Kreativität.“

Au weia, zuviel Werbespots. Ihrer Konventionsfreiheit hatte das gar nicht gut getan.
Doch was tun? Tour in ein paar Wochen, keine Ideen, die Rezession, die Zeit, die Zeit.
Ich knickte also ein.

„Na gut. Um sieben? Das kleine superromantische Restaurant um die Ecke, dessen Name mir jetzt gerade aus Gründen der Storyauthentizität nicht einfällt?“

„Also gut, Cherie“, flötete sie, sie steht voll auf diesen Ladyvamp-Style und frankophile Einsprengsel. Das hat sie aber auch schon vor ihren neuen Jobs getan. Vielleicht fürchte ich mich auch deshalb ein bißchen vor ihr. „Ich bin dann ganz für dich da.“

Klick. Kein „Tschö“ oder so. Dame von Welt eben.

Na ja, um sieben trafen wir uns in dem Superestaurant. In angenehmes Licht getaucht, bei Kerzenschein und Geigengedudel prosteten wir in unserer Ecknische einander zu. Außer uns waren nur wenig Gäste da – Insidertipp eben. Seit bekannt geworden war, daß hier auch Hunde bedient wurden und oftmals pärchenweise auf Hackspaghetti Mega-Meals vorbeischauten, hatte das Superrestaurant zudem noch einen Umsatzeinbruch zu verzeichnen. Schade, aber habt ihr schon mal Hunde essen sehen? Widerlich, die benutzen nicht mal Löffel.

Ich will an dieser Stelle mal etwas näher auf meine Muse eingehen. Kennengelernt hab ich sie über Rüdis Muse vor vielen Jahren. Ich war beeindruckt und sie noch neugierig auf die Welt.

Mit Musen ist das so eine Sache: Sie sind sehr hilfreich und betörend und jeder Kreativpool wird durch sie geflutet. Das ja, soweit stimmt die Sage. Aber auch an Musen ist der Zeitgeist nicht vorbeigegangen, belastet von sogenannten zivilisatorischen Verpflichtungen und Moralvorstellungen, hat die fordernde Klaue der Leistungsgesellschaft bei ihnen bleibenden Erfolgsdruck hinterlassen. Erschwerend kam dann natürlich noch die - sehr verständliche und definitiv wünschenswerte - Emanzipation hinzu.

Hatten die Musen bislang treu und fürsorglich absolut altruistisch über ihren Künstlern gewacht, entstand im Laufe der Zeit ein völlig neues Selbstverständnis. Die Musen bemerkten viererlei:
1. daß sie sehr wohl imstande waren, ihren Gedanken und Phantasien selbst eine Stimme zu verleihen , egal ob in Wort, Lied oder Bild,
2. daß sie nicht genug für ihre Arbeit gewürdigt wurden,
3. daß die meisten Künstler sowieso nur blöde Pfeifen waren, die lieber mal den Hintern hochkriegen sollten als bloß weinerlich selbstbezogen die Couch zu verknüllen, weil sie - die Musen - schließlich
4. kein Sozialamt seien und selbst gucken müssen, wo sie bleiben.

Inzwischen sind die meisten Musen hochbezahlte Businessdamen in allen kreativen Bereichen, nur einige wenige stellen sich noch an die Seite talentierter Genies, und auch nur, wenn diese Künstler so bekannt sind, daß sich auch auf diese Weise die Muse einen Namen machen kann. Oft denken sich diese Musen auch nur irgendeinen Quatsch aus, um mitzuverfolgen, wie der Künstler seine Karriere selbst vor die Wand fährt. Auf die Musen selbst wartet eh schon irgendein hochbezahlter Businessjob.
Für Leute wie Rüdi stellt so eine hohe Musenfluktuation kein Problem dar, er singt einfach seine tiefgründigen Songs und schon stehen neue Musen Schlange, reden von Seelenpartnerschaft und versorgen ihn fleißig mit Ausbauideen für sein Material.
Für Menschen wie mich ist das problematischer, meine Themen sind ihnen oft zu unschmuck und vordergründig. „Ich seh da kein Potenzial“ - der Satz fällt andauernd. „Perlen vor die Säue“ kam auch schon ein paarmal.
„Einem jeden Topf sein Deckelchen!“ Dieser Satz kommt nicht vom Volksmund sondern galt stets als Musenkodex. Kein Wunder, dem Volksmund fällt traditionell nur Blödsinn ein. „Von nix kommt nix.“ und ähnlicher Unfug.

So gesehen, kann ich mit meiner Muse noch echt zufrieden sein. Blöd ist allerdings, daß die inzwischen nur noch in verwertbaren Maßstäben denkt, absurde Themen sind ihr zu wenig rentabel, sie sagt stets:

„Da seh ich einfach kein“, sie macht dann mit den Fingern so eine Geldzählbewegung nach, „Tschi-Tsching drin.“

„Kann ja sein“, näselte ich diesmal, zurückhaltend und doch fast rebellisch „aber vom künstlerischen...“
Wie eine Furie fegte sie die Gläser vom Tisch und legte los:
„Vom künstlerischen? VOM KÜNSTLERISCHEN!?! SUCH DIR DOCH LIEBER GLEICH EIN GERMANISTIKMIEZCHEN AUSM DRITTEN SEMESTER! DA KÖNNT IHR DANN VOM KÜNSTLERISCHEN SCHWÄRMEN! ICH BIN HIER, UM ZU HELFEN! WENN DU 'KÜNSTLERISCH' BANKROTT GEHEN WILLST, BITTE, MACH NUR! ABER DANN RUF MICH NICHT WIEDER AN!“

Sie ließ sich wieder auf ihren Platz fallen und zündete sich eine dünne Zigarette an. „Vogue“. Bald verboten. Dämliche Welt.

„Wann kapierst du das endlich mal?“ fragte sie noch, wurde aber nun vom Kellner unterbrochen, der unsere Gläser vom Boden klaubte und leise auf das Rauchverbot hinwies. Das hätte er mal lieber nicht tun sollen.

Respekt, muß ich sagen: Ich kann und will hier nicht wiedergeben, was die Muse dem Kellner so alles an den Kopf schmetterte, aber das hatte dermaßen eine verbale Wucht, daß der Kellner betäubt zurücktaumelte und angeschossen in die Salatbar stürzte. Da war Poesie und Kraft drin. So wohlformuliert und blumig wurde wohl selten ein Mensch gefaltet. Wirklich, rein technisch ist meine Muse einfach spitze.

Vorsichtshalber versteckte ich mich hinter der Speisekarte und tat so, als säße ich nur zufällig mit dieser Frau an einem Tisch. Neue Kellner krochen bücklings an und versorgten uns mit frischen Gläsern und der gemischten Vorspeisenplatte. Auch ein Aschenbecher stand flugs auf dem Tisch. Im Boden eingraviert: „Für die beste Gästin aller Zeiten. Raucher sind supertoll! Wir sind Ihrer unwürdig! Verzeihen Sie uns bitte! Ihr Superrestaurant!“, stand da drauf.
„Gästin“ schnaubte meine Muse noch, drückte aber gnädig ihre Zigarette neben dem Aschenbecher aus und widmete sich endlich der Vorspeisenplatte. Zeitgleich begann sie zu erzählen.

Zum Arbeitsprocedere zwischen meiner Muse und mir sei noch rasch eingeflochten, daß wir uns seit einer ganzen Weile nur sporadisch treffen, sie mir dann frei von der Leber weg alles erzählt, was so in ihr vorgeht und was sie erlebt. Ich schreibe fleißig in einem Notizblock mit und mir kommen im Verlauf des Monologs dann zusätzlich die irrsten Ideen.
Eigentlich ganz gute Strategie, nur haben sich inzwischen Inhalte und Erlebnisse doch stark verändert. Früher ging es oft um Auenländer, Gnome und Abenteuer für sensible Beobachter, jetzt drehen sich die Geschichten fast nur noch um Geschäftsmeetings, neue Produkte, finanzielle Absicherung und Sex-Storys mit Praktikanten oder anderen Fuzzis aus der Werbebranche. Außerdem hat sich die Erzählweise sehr geändert.
Früher mit einer hypnotischen Wärme und Verve beseelt, hat sie sich inzwischen angewöhnt, in harten, abgehackten Sätzen zu sprechen und immer leiser zu werden, je wichtiger es wird. Außer, sie verfällt in den sirenenähnlichen Ladyvamps-Singsang oder bekommt einen ihrer cholerischen Wutanfälle, so wie eben bei dem Kellner.
Letzteres passiert eigentlich ständig, ist aber nicht aufschreibbar, weil beim Versuch mein Kugelschreiber schamvoll schmilzt, die Ladyvampstimme bringt mir aber auch nichts, weil ich dann geil werde und sie die außerdem nur nutzt, wenn sie schon ein paar Killing Zombies intus hat.

Heute hatte sie wieder den leisen Vortrag drauf und zudem noch den Mund voll Vorspeise. Ungünstige Mischung. Es ging irgendwie um ihren neuen Kollegen und sittliche Fragwürdigkeiten mit ihm. Aber wie gesagt, ich bekam kaum die Hälfte mit und hatte irgendwann – ich glaub nach den Scampis – keine Lust mehr, immer nachzufragen. Zumal mir die Synonyme ausgegangen waren. Man will sich ja nicht immer wiederholen.
Während sie also schwadronierte, fragte ich nur stets in die kurzen Atempausen „Wie bitte?“ und „Was?“und überlegte während ihrer Erzählungen bloß, wie ich noch anders nachfragen könne: „Pardon? Bitte? Entschuldige, wie war das noch gerade? Noch einmal bitte? Häh?“
Irgendwann war ich dann komplett raus. Da kam gerade die Pizza.
Ich konzentrierte mich lieber auf sie und achtete beim Verzehr pingelig darauf, daß ich zum Schluß noch den ganzen Pizzakern vor mir hatte. Mich nervt Kruste. Kruste immer zuerst essen. Der Kern ist die Belohnung für die Arbeit durch die Kruste. Ich hab mal die Kruste mit Käse belegt, weil ich dachte, dann schmeckt auch die. Aber nö, Kruste ist immer blöd. Der Kern ist das tolle an der Pizza. Der Kern!
Auweia, schon wieder nichts vom Sermon der Muse mitbekommen. Dabei ging es gerade um irgendwas. Was, weiß ich ja nicht, wegen der Krustenphantasie. Herrgott, hab ich denn gar kein Synonym mehr übrig für „Sprich bitte lauter!“? Oder wieder mit der Bitterei von vorn anfangen? Ist das zeitlich schon drin? Ich probiers mal. Ach nee, jetzt schaut sie so fragend.

Ich hatte überhaupt keine Ahnung, worauf, aber ich merkte,daß jetzt sofort eine Reaktion gefordert wurde.
Ich nahm mir durch vorgetäuschte Kaubewegungen noch etwas Zeit zur Vorbereitung, tupfte mir dann umständlich mit meinem Pulloverärmel die Lippen und setzte die Allzweckwaffe ein: „Also, wenn ich das richtig verstanden habe, dann...“
Toll. Ich kam gar nicht weiter. Denn wenn für meine Muse der Weltenlauf einem gemeingültigen Fakt untergeordnet ist, dann dem, daß ich nie richtig verstehe. Da brauchte sie auch gar nicht weiter meinen Erläuterungen zu lauschen, sondern konnte gleich mit der Richtigstellung beginnen.
Jetzt sogar in einer wahrnehmbare Lautstärke. Leider zu spät. Ich konnte mich schon überhaupt nicht mehr konzentrieren, hatte vollkommen das Interesse verloren. Ich stocherte in der Käseplatte rum, nickte abwesend zustimmend und ließ meinen Kopf von der Leine.

Vor kurzem hatte ich mir noch den Klassiker 'St. Elmos Fire' angeschaut, der mich nun beschäftigte. „Das ist eigentlich ein sehr guter und kluger Film. Er sagt ja letztendlich nichts anderes, als daß wir unseren Weg finden müssen. Echt klug. Und die dargestellten Charaktere sind ziemlich genaue Beschreibungen der unterschiedlichsten Lebensmodelle. Ich wär zum Beispiel echt gerne der Dichter, der die Frau kriegt. Leider ähnele ich in Sachen Lebensführung doch mehr der drogensüchtigen, Selbstmitleidsschlampe. Blöd. Aber wenn ich eventuell Saxophon wie Rob Lowe spielen lernen würde, dann könnte ich ja...“

„Sag mal, hörst du mir eigentlich noch zu?“

Ich schrak auf. Böse funkelten mich ihre Augen an. Ich war ertappt.
„Du bist ja völlig abwesend!“ Ihre Stimme nahm an Umfang zu, eigentlich die ganze Frau.
„Und was kritzelst Du da in den Block??“ Sie zerrte mir den Schreibblock für Musenideen aus den Händen und wedelte ihn vor meinen Augen.
Ich hatte wohl aus Langeweile angefangen, einen Cartoon zu zeichnen: ein Penis auf Beinen, der mit Pfeil und Bogen Büffel jagt.
Hm.

Es ist nicht schwer, vorauszusagen, was nun wieder kam. Poetische Haßkaskaden, die die Kerzen zum Erfrieren brachten, Schmähreden auf mich von der Wucht eines Villon, ein Toben, Brausen und alliterarisches Bombardement, welches meine Seele vor Explosionen erzittern ließ. Zwischendurch verabreichte sie mir – rhytmisch einwandfrei zu ihrer Tirade, Backpfeifen: „HÖRST DU MIR JETZT ENDLICH ZU??!“, schrie sie, „MUSS ICH DIR DENN IMMER ERST DIE OHREN FEIGEN???!“
Ohren feigen – ich steh schon sehr auf meine Muse.
Mir brannte das Gesicht vor Schmach und Schmerz. Die Belegschaft des Superrestaurants hatte sich kollektiv hinter der Bar verkrochen und betäubte die Angst mit Grappa.

Wir verzichteten auf eine Nachspeise. Ich hab seitdem Hausverbot in dem Superrestaurant, sie einen Freifreßgutschein auf Lebenszeit.
An ihrer Haustür reichten wir uns zum Abschied die Hände. Kein Kuß. Ich muß mir wohl künftig allein was ausdenken.