Tourtagebuch

Zugfahrt und Studio, Unterwegs

01. Apr. 2013

von the Dirty MoL Man

Dem ein oder anderen Monstershörer dürfte bekannt bekannt sein, daß ich – neben den Monsters – auch in anderen Formationen musiziere. Eins meiner Lieblingsprojekte davon dürfte wohl „Die Intelligenzia“ darstellen; zusammen mit Honey Kale erschaffe ich unter diesem Namen Klang-Collagen erster Güte.
Sicher nichts für den Massenmarkt, aber liebevoll zaubern wir im Kölner Studio „Bexton“ unter Hochgeschwindigkeit betörende und qualitativ hochwertige Lieder, die Geist wie Körper gleichermaßen anregen und neue Horizonte eröffnen.
Folglich wird unser neues Album ein Konzeptalbum, das sich um Hirnlandschaften dreht. Ein Forscher bereist sein eigenes Gehirn, um sein wahres Wesen zu erfassen und entdeckt dort vieles.
Für weitere Aufnahmen fuhr ich drum nach Köln.
Zugfahren ist interessant, diese Erkenntnis aber inzwischen wohl derart ausgereizt, daß ich mich vor Berichten sträube.
Dennoch:
Ich erinnere mich, dereinst mit Kollege Labörnski von Münster gen Hamburg gereist zu sein und Börnski wurde von der Schaffnerin extrem gedisst. Kaum hatten wir Platz genommen, stand sie vor uns, forderte unsere Tickets und kommentierte unser suchendes Taschengenestel barsch mit den Worten:
„SIE HÄTTEN SICH RUHIG SCHON AUF MICH VORBEREITEN KÖNNEN, SIE HABEN MICH DOCH KOMMEN SEHEN!“
Mich schüchtert ja gesprochener Großdruck immer sofort ein, drum verkniff ich mir jeden Kommentar, Börnski aber – bestens geschult in Sachen 'erregte Konversation' – straffte seinen Rücken und frug freundlich, wie diese Vorbereitung hätte aussehen sollen, ob er ihr zuliebe hätte Liegestützen machen sollen oder was?
Eine Antwort war er ihr nicht wert, dafür riß´sie ihm die Fahrkarte aus den Händen, knippste sie ab und ließ sie – bereits im Weitergehen – achtlos auf den Boden fallen.
Konsterniert blickten wir ihr nach und das war das. Hoffen wir, es geht der Dame inzwischen besser.
Auf dieser Fahrt nach Köln kamen wir Passagiere nur in den Genuß einer Durchsage, daß wir – ich zitiere - „wegen Kabelklau leider nicht Bremen anfahren können.“
Ich stellte mir das folgendermaßen vor: Zwei Jungspunde hatten wahrscheinlich die vorherige Nacht durchgefeiert, dabei aber leider keine fruchtbaren Bekanntschaften mit holden Wesen gemacht. Prompt taten sie, was unausgewogene Jungspunde unter Alkohol tun. Sie stellten Unfug an, kletterten auf dem Bremer Bahnhof rum und stahlen Kabel, was das Zeug hielt. Folge: Alles stand still.
Was Jungspunde aus Übermut fast routinemäßíg schaffen, erzielen autonome Rebellen nicht mal alle Schaltjahre, weil sie immer nur mit Rum- und Eventualitätenplanung beschäftigt sind.

Ich bin ja, lokalpatriotisch betrachtet, ein totaler Blindgänger. Wo Dörfer sich bekriegen, seh ich nur einen schönen, verbindenden Fluß. Zumeist unterscheiden sich Ortschaften überhaupt gar nicht, weil sie selbst historisch zu gleichen Zeiten nach ähnlichen architektonischen Trends von vergleichbar strukturierten und ausgebildeten Menschen zu identischen Zielen (Wohnen z. B.) erbaut worden sind. Ich seh' da einfach nie die Unterschiede.
Drum wollte ich mich einerseits nun nicht den „Ole, ole, scheiß auf Bremen!“-Chören anschließen, empfand andererseits auch nur wenig Trauer ob der weiträumigen Umfahrung. Ich aß einmal ein Pizzabrot in Bremen, das schmeckte mir gar gut, andererseits wurde besagtes Pizzabrot von einer Pizzabrotkette feilgeboten, die auch in Nürnberg, Köln oder Kiel die sympathischen Kleinbetriebe tötet, weshalb ich das leckere Munden nicht alleine auf die traditionellen kulinarischen Eigenheiten der Hansestadt zurückführen möchte. Mag sein, das Brot war etwas voluminöser als in anderen Städten, gemessen habe ich es nicht. Vielleicht war es auch etwas knuspriger, ja, ich glaube, mich erinnern zu können, daß es sehr viel knuspriger als jenes gewesen ist, das ich einst in Gera verzehrte. Mit Sicherheit war es aber nicht so knusprig wie das Pizzabrot aus der gleichen Kette einer anderen Hansestadt, was aber daran lag, daß ich genau dieses Pizzabrot noch mit heim genommen und in meiner Küche ein weiteres mal extra angebacken hatte. Dieses Pizzabrot gilt also nicht. Nein, nein, das tut es ganz und gar nicht.

Während ich dergestalt über Bremen nachdachte und mich auch etwas ärgerte, weil ich mich mit dem Pizzabrotnachgebacke um eine Vergleichsmöglichkeit gebracht hatte, wurde es im Zug langsam kalt. Zudem hatten sich mittlerweile noch drei Gestalten ins Abteil begeben, die auch bei näherer Betrachtung einen beunruhigenden Eindruck vermittelten. Besonders bei genauerer Betrachtung. Sie möglichst unauffällig beobachtend hockte ich nun schon eine ganze Weile auf dem Tisch inmitten ihrer Vierersitzgruppe und prägte sie mir genau ein, falls es auf der Fahrt mit ihnen noch Ärger geben sollte. Zudem streute ich unauffällig Investigativfragen in ihr Gespräch, was gar nicht leicht war, weil sie sich erstens nur über Automobile und zweitens nur untereinander unterhielten. Ich mühte mich also, das Gleichgewicht zu halten und warf beiläufig Köderfragen in ihre Runde, denn ich hatten den leisen Verdacht, daß die Drei was mit dem Kabelklau zu tun hatten. Da ich ja auch Detektiv bin, regen sich häufig schon da Schnüfflerinstinkte, wo andere noch triebmäßig im Traumland schlummern. Ich hab ein Gespür für Dreck am Stecken anderer, kein Zweifel!
Zunächst, das muß ich zugeben, hielten sie sich ganz wacker und überspielten die Situation gekonnt. Anerkennend pfiff ich durch die Zähne: Da waren wohl echte Profis am Start. Aber ich war ja auch nicht von gestern und blieb eisern am Ball.

Gestalt 1: „...Aber die PS- Zahl ist nicht alleine ausschlaggebend.“
Gestalt 2, kaffeetrinkend: „Schon richtig. Aber letztlich eben doch ein Merkmal, oder?“
Gestalt 3, sich meinem Fingergestochere gegen seinen Brustkorb erwehrend: „Ich finde aber schon, daß...“

Ich, weiterhin fingerstochernd: „Sagt mal, man braucht aber schon viel Kabel für solche Karren, stimmts?“

Sie versuchten, mich zu überhören, was nicht leicht war, weil ich inzwischen das Stochern aufgegeben und meine Hände zur Lautverstärkung wie eine Muschel um meine Lippen gelegt hatte. Es entstand leichte Unruhe unter ihnen, die ich verstärkte, indem ich mit einem schnellen Tritt den Kaffeebecher vom Tisch und in den Schoß von Gestalt 2 kickte. Sie sprangen auf und waren rasch sehr erregt. Äußerst verdächtig.
Doch auch mir kamen langsam Zweifel: Womöglich war ich etwas zu naßforsch vorgegangen. Die Kerle hatten noch kein Geständnis abgelegt und waren jetzt zu aufgebracht für sanfte Rhetorik.
Bedrohlich näherten sie sich mir. Es wurde eng.
Da kam mir der Zufall zuhilfe, denn plötzlich öffnete sich die Tür zum Abteil und der Schaffner stand da.
Ich sprang ihm entgegen und deutete auf die überraschten Gestalten: „Da haben Sie ihre Jungs!“, rief ich ihm zu. Er schien nicht zu verstehen.
Ich wurde deutlicher: „Kabelklau? Bremen? Klar?“
Bei jeder Frage knuffte ich ihm unterstützend auf die Schulter. Fragezeichen über seiner Stirne.
Langsam wurds eng. Die Kerle hinter mir, gefährlich verärgert, vor mir ein begriffsstutziger Schaffner. Dumme Sache.
„Hallo?“ ich klopfte nun gegen seine Stirne, „Jemand zuhause?“
'Was für ne lange Leitung', dachte ich bei mir und fand das aber thematisch so komisch, daß ich laut auflachen musste: Kabelklau. Lange Leitung. Witzig!
Schaffner wie Verdachtspersonen waren scheinbar sehr irritiert, weil ich mich plötzlich hysterisch lachend mit Tränen in den Augen auf dem Boden wälzte, ich nutzte die Ablenkung, rollte mich kichernd an ihnen vorbei und verließ fluchtartig das Abteil, nachdem ich mein Gepäck aus dem Gepäcknetz entnommen hatte.
Nicht schlecht. Man muß immer den Überraschungsmoment auf seiner Seite haben, da müssen die Asse aus den Ärmeln purzeln wie Blätter im Herbst, sonst fährt man rasch vor die Wand.
Auf meiner Flucht machte ich nur kurz Halt im Bordbistro, wo ich eine erhitzte Diskussion mit dem Bistrokellner führen musste, weil er keinen Kamillentee vorrätig hatte. Kamille ist aber notwendig, gerade in Streßsituationen wie diesen kann nur Kamille den Magen beruhigen.
Meine Verfolger hatten inzwischen ganz schön aufgeholt, zumal sie nur Kaltgetränke bestellten, die man leichter transportieren kann als diese Becher mit Heißgetränken.
Es wurde also ganz schön eng, glücklicherweise kenne ich jeden Zug wie meine Westentasche und nach einigen Finten und ausgelegten falschen Fährten, bog ich schließlich - wieder überraschend - links ab und meine drei Verfolger guckten in die Röhre. Bzw. aus dem Fenster, denn ich stand am Gleis und winkte ihrem nun wieder anfahrenden Zug triumphierend nach. Puh, nochmal gut gegangen. Sollte die Bahngesellschaft doch selbst sehen, wie sie mit den Kabeldieben klarkam.

Ich hätte übrigens sowieso hier aussteigen müssen, denn ich stand am Kölner Hauptbahnhof. Womit auch gleich eine neue Mission begann: Die Intelligenzia.
Ich wühlte mich durch die Menschenmassen zur Treppe und schubste dabei beiläufig ein paar Trolleybesitzer um. Trolleybesitzer sind das Allerletzte. Aus Bequemlichkeit und um ihre armseligen Rücken zu schonen, benötigen sie mit ihren Scheißrollkoffern das Dreifache des normalen Platzes, sie machen sich breit und aufgrund der Trolleystütze sind sie zudem noch äußerst schwer umzuschubsen.
An Treppen müssen sie ächzend stehen bleiben, Griffstangen einklappen und wie in Zeitlupe ihr Gepäck luftschnappend jede einzelne Stufe Stück für Stück hinunterwuchten. Immerhin sind sie dann leicht umzuschubsen. Das ist ein Vorteil und man sollte ihn nutzen. Merke: Vorteile immer nutzen, keiner schenkt Dir was.

Vor dem Bahnhof stand eine schwarze Limousine. Daneben wartete Honey Kale bereits ungeduldig auf mich. Ich trat zu ihm und schloß ihn freudestrahlend in die Arme.
„Heißer Schlitten!“ bemerkte ich, „Neu?“
„Kann sein.“ Honey zuckte mit den Schultern. Dann nahm er meinen Trolley und wir begaben uns zur U-Bahn.
Auf dem Weg zum Studio berichtete er mir von den neuesten Arbeiten: Er hatte in den letzten Wochen die Studioräume unterkellert und Soundlaboratorien eingerichtet, die uns eine viel genauere Aufnahmearbeit ermöglichen würden. Cool.
Kaum dort angekommen, führte er mich dorthin: Wir mußten durch eine kleine Falltür im Bad des Studios und gelangten in beeindruckenden Räumlichkeiten: Mit einer Gondel gelangten wir über einen Fluß an eine Zugbrücke, die von Umpa Lumpas bewacht wurde.

„Die waren aber schon vorher da.“, meinte Honey und runzelte die Stirn, „ die gehen einfach nicht weg. Naja, stören tun sie ja nicht.“

Da konnte ich ihm nur beipflichten.

Wir betraten die neuen Laboratorien: Wow!
Das hier war was ganz Tolles! Überall blinkende Lampen, Dioden, Schaltkreise undundund. Riesige, dampfende Kessel standen in der Raummitte, hunderte Knöpfe, Hebel, Verbindungsdrähte.
„Sieht echt gut aus.“, bemerkte ich anerkennend, „wofür sind die Lampen und der restliche Kram?“
„Optik.“
Honey war kurz angebunden. „ Benötigt unheimlich viel Kabel.“ Er sah mich verschmitzt von der Seite an. Konnte ich nichts mit anfangen. Ich meine: Na und?

Honey seufzte und fuhr dann fort: „Aufgenommen wird aber eh weiterhin oben. Hier unten geht’s um was anderes. Hier!“
Er zeigte auf die dampfenden Kessel.
„Crystal Meth?“ fragte ich. Ich fühlte mich unangenehm an vergangene Zeiten erinnert. Erst letzte Woche hatte ich schließlich über meine Methkocherei berichtet.
„Unsinn, Scherge!“ Manchmal verpassen wir uns liebevolle Kosenamen. Er nennt mich dann 'Scherge' oder ' Faktotum', ich kontere mit 'Honey' oder 'Herr Kale'.
„Hier färben wir heute Eier.“
„Eier?“ Ich schmunzelte. „Ostergag oder was?“
„Ach was.“, herrschte er mich ungeduldig an und winkte dann ab, „ Industriebetrug. Leute wollen braune Eier. Gibt zuviel weiße. Wir ändern das nun.“

Mit einem Siegerlächeln schaute er mich jetzt an.
„Zudem machen wir noch unseren Schnitt, weil wir den Färbesound gleich fürs neue Album aufnehmen können. Genial, oder?“

War es. Ist es noch.

Gesagt getan, wir stürzten uns euphorisch auf die Arbeit. Eier färben, Sound aufnehmen. Die spannende Welt der Intelligenzia.

Das Ergebnis kann man übrigens schon bald auf unserem nächsten Tonträger hören, beziehungsweise steht es womöglich bereits längst auf Eurem Frühstückstisch.





.

Podcast