Ach, das schöne Hotel in Bad Sooden-Allendorf. Wir kennen uns ja inzwischen schon sehr gut und die letzten Male bin ich auch vorbildlich den Berg hochgejoggt. Vorgenommen hatte ich mir das für heute eigentlich auch, aber das Bett bleibt dann doch mein bevorzugter Vierzeiler und ich dreh mich noch ein paarmal, bevor ich geduscht zum Frühstück stolziere, wobei mein Stolzieren eher einem Watscheln gleicht. Alles eine Sache der inneren Einstellung, das ist ja gerade der Pferdefuß im Tanzkurs des Daseins.
Am Frühstücksbuffet treffe ich die werten Kollegen und da die Veganauswahl sich auf Gurke und Tomate beschränkt, wird mein Mahl sehr kalorienarm und magenfreundlich.
Pünktlich um 9:30 Uhr sammelt uns Niko, der sehr freundliche Shuttlefahrer vom Flair ein und geleitet uns bravourös zum Bahnhof, wo er zur Belohnung beim Aussteigen noch einer kurzen slapstickhaften Verbalrangelei voller Pointen wird. Die Sonne ist nachsichtig sanft zu uns, der Zug kommt alsbald. Umstieg in Göttingen und im Bordbistro schreibe ich nun diese Zeilen, womit ich derart in der Gegenwart angekommen bin, dass mir das Weiterschreiben unmöglich wird, will ich nicht in zukunftsorientierte Spekulation verfallen. Darum später mehr, jetzt erstmal dem Dialog eines Vaters mit seinem Sohn lauschen, deren Ansichten über Schokolade zum Frühstück noch unterschiedlicher nicht sein könnten.
Es passieren noch wilde Dinge, Zugumzüge, Triebwerkschäden, Streckensperrungen und Bahnbiere, als wir dann doch noch das Ziel erreichen dürfen. Aber Fred und ich sind uns einig, auch das schönste Bahnbashing wird auf Dauer redundant und wir überlassen das lieber für heute den Comedians Deutschlands. Stattdessen sind wir lieber erfreut erstaunt, wie ruhig und unwütend achselzuckend schicksalsergeben alle Fahrgäste inzwischen jede weitere schlechte Nachricht akzeptieren und folgsam von Wagen zu Wagen zu Bahnsteigen wechseln. Wäre die Welt insgesamt so, wäre viel besser. Wäre die Bahn besser, wäre auch das besser.
In Otterndorf angekommen holen uns die Taxifamilie Stephan und Stephanie ab und geleiten uns zum „Scholien rocks“- Festival, das in einem schönen Bauernhof aufgebaut und liebevoll mit Bierständen, Imbissbuden und einer Bühne in der offenen Scheune hergerichtet ist. Das Team um Tore empfängt uns herzlichst und on stage singt erst ein Shanty Chor, bevor es thematisch ähnlich mit hartem Metall weitergeht, das Duo Drag You Along brettert mit Bass und Drums nach vorne und lässt den Boden beben. Beides sehr beeindruckend, das eine schunkelig, das andere energetisch kraftvoll. Ich bin leider inzwischen etwas müde, denn ich habe Pommes gegessen, aber genieße die Musik im Backstage, während ich diesen Bericht schreibe. Sechs Stunden Bahnfahrt machen sich eben doch in den Knochen bemerkbar. Wir machen wahrscheinlich alle einen etwas bräsigen Eindruck und sitzen ein wenig lethargisch in der kleinen charmanten in den Bauernhof integrierten Kneipe, wo wir liebevoll versorgt werden mit allem, was das Herz begehrt. Um ehrlich zu sein, schäme ich mich ein bisschen ob des VIP-Bonus, den wir hier offensichtlich genießen, aber ich befinde mich gerade gefühlstechnisch in einem derart müde-introvertiereten Zustand, dass ich das als Geschenk gerne sehr eigennützig, unverdient annehme. Zwischendurch kommt aber doch noch etwas Leben die Monstersbude, zuerst durch Burgers Ankunft, dann durch einen Korn-Ahoi, zu dem wir von der sehr reizenden Damengang Mochito Girls zu ihrem kanariengelben VW-Bus geladen werden. Kurz darauf packt Pensen die Gitarre aus und Labörnski „kann nicht anders und muss einfach rappen“, wie er sagt. Ich verschütte versehentlich den Sekt, das kommt eben davon, wenn man nicht schnell genug trinkt, und schulde dem Festival nun ein Papiertischtuch. Auf der Bühne rocken inzwischen die Space Raptors poppunkamtlich und halten die Menschen in Bewegung, und jedesmal, wenn ich draußen spazieren gehe, stelle ich fest, wie unaufgeregt herzlich alle sind. Ist das der Norden, ist das der Spirit? Auf jeden Fall dufte. Auch dufte die Toilettendisco, die ich erstmals erlebe, als ich gerade sitze. Eine Discokugel taucht den Raum in Stroboskoplicht, die Fat Boys wollen den Twist mit mir und Chubby Checker tun, und zuerst denke ich, ich sei vielleicht der 1000ste Besucher und hätte jetzt was gewonnen. Aber nein, es nur ein weiteres dieser vielen Details, die hier liebevoll installiert wurden und überall überraschen.
Nach den Space Raptors spielt eine weitere Punk Band verheißungsvolle Melodien in die gutgelaunte Welt, allerdings weiß ich leider ihren Namen gerade nicht, und da sie eingesprungen sind, finde ich ihn auch nicht in der Running Order. Pardon dafür.
Ein klein wenig Besorgnis herrscht indes inzwischen hinter den Kulissen bei uns, denn wir sind heute zeitlich ziemlich eng gestrickt, wir müssen den letzten Zug nach Hamburg bekommen, zuviele Verpflichtungen und zu ungünstig gestrickte Fahrpläne (letzte Verbindung 22:21 Uhr) sorgen für eine gewisse Bedrängnis, und das kollidiert ein wenig mit dem Bühnenzeitplan, der inzwischen eine Stunde hinterherhinkt. Normalerweise wäre uns das ziemlich egal, denn Feiern könnte man hier prima, doch heute…
Egal, wir haben es jetzt kurz vor acht und nun kommt Bewegung in die Sache. Rasch wird die Bühne mit Barhockern und Mikros vorbereitet, und Marcel, Rebecca und Hendrik machen mit uns einen rasanten Soundcheck vor einem zahlreichen Publikum, das glücklicherweise von unserem Soundcheckgelaber recht amüsiert scheint. Tore regelt das Licht und drei, zwei, eins, um 20:10 Uhr wird gemonstert.
Es wird ein wilder Ritt, Scheunenrock deluxe, als wäre ein Schalter in uns umgelegt worden, ist alle Trägheit weg und der Energiepegel auf Anschlag. Das Publikum ist voll mit uns und feiert den Anlass, so wie er halt kommt. Der Moshpit besteht aus tanzenden Kids, ab der zweiten Reihe dann die Menschen mit Wahlberechtigung und Trinkerlaubnis, und es fühlt sich alles an wie eine Mischung aus Rockshow, Familienfest und Dorfkirmes, und das ist ein sehr belebender guter Mix, soweit wir das beurteilen können. Irgendwo weit hinten zünden Konfetti- und Luftschlangenkanonen und plötzlich hängt das Scheunendach darum voller Luftschlangen. Schön bunt, und bunt ist gut. Eine weitere Überraschung: Direkt vor mir ist eine Nebelmaschine installiert und bläst mich immer wieder wuchtig in die Unsichtbarkeit. Da hinter uns noch ein Schlagzeug für die anschließenden Auftritte steht, sitzen wir heute nicht im Halbkreis, sondern wie die Hühner auf der Stange, aber es sind glückliche Hühner, die gerade mit sehr viel Laune im Gemüt in die Welt hinaus gackern. Fred zieht es zwischendurch spontan hinters Drumset, um Songs mit etwas Beckengeschepper zu verzieren, ich falle beim Versuch, auf den Barhocker zu klettern, beinahe von der Bühne und der Rest prostet euphorisch dem Publikum zu. Ausgefeilte, lang geprobte Choreographien eben. Die HörerInnen heben ihre Hände und klatschen fröhlich mit, hören aber auch gerne zu. Natürlich sind nicht alle dauerhaft konzentriert, aber wie auch? Ich selbst quatsche ja auf Festivals auch gerne mal mit Freunden, hole mir zwischendurch eine Pommes oder ruh mich mich kurz am Bierstand aus. Aber es ist doch toll, wie gemeinschaftlich sich heute der Auftritt anfühlt, und zwar über die Bühnengrenze raus über den ganzen Platz.
Wir spielen ein klein wenig rasanter und fassen uns ansagentechnisch ein bisschen knapper, denn die Zeit drängt nun doch und wir wollen keine Lieder einsparen. So wird das Ganze tatsächlich zu einer Punktlandung, um 21:40 Uhr verabschieden wir uns mit einen hymnisch vom ganzen Platz mitgesungenen „Cola Korn“ und verlassen berauscht von den Eindrücken die Bühne, um sie fünf Sekunden wieder zu betreten, um schnell unser Equpiment abzubauen, einzupacken und uns, nach einer leider sehr kurzen, aber ernsthaft innig Verabschiedung von Tore und allen Teammitgliedern, die wir noch zu fassen bekommen, in Stephans Taxen zu schmeißen und abzudüsen. „Monsters has left the building.“ Puh, das war eine Nummer. Fred trifft es ziemlich genau auf den Punkt, als er sagt, dass das eigentlich heute dort genau der richtige Ort gewesen wäre, um nochmal zusammen bis zum Morgengrauen weiterzufeiern. Blöde Sache. Aber wenn wir wiederkommen dürfen, dann planen wir einen Offtag im Anschluss ein, das ist völlig klar. Und dann werde ich hoffentlich auch mit der Band „Impulz“ ein gemeinsames Kaltgetränk nehmen können, denn das musste ich jetzt gerade leider auch aus Zeitgründen ablehnen.
Und wir bitten den Herren um Verzeihung, der gerade bei Stephan anruft mit der Bitte, ihn vom Festival noch rechtzeitig für den letzten Zug nach Hamburg zu kutschieren, was Stephan leider nur noch verneinen kann. Wir sind der Grund und wir hoffen sehr, du bist noch gut untergekommen, unbekannter Anrufer. Glücklicherweise klangst du jedenfalls ziemlich gelassen.
Wir kommen rechtzeitig am Bahnhof an, verabschieden uns von Stephan und sitzen bis zur Zugeinfahrt noch mit Julia zusammen, einer guten Freundin der Band, die ebenfalls vor Ort war und nun auch nach Hamburg zurückfährt. Im Zug dann das, was so in Zügen am Wochenende nachts los ist. Junggesellinenabschiede, müde Heimkehrer und, aufgrund der Uhrzeit, auch vorfreudiges Partyvolk. Allerdings insgesamt sehr wenig von all dem. Da vorne leuchten bereits die Lichter der Stadt, da hinten klingen noch die Erinnerungen nach. Dazwischen wir. Immer dazwischen.
Vielen Dank, liebes „Scholien rocks“-Festival, es war ganz wundervoll. Sahnehäubchen samt Zuckerguss auf dem schmackhaften „Dude“-Cocktail des Weekends. Bzw. der Strohmanns in der Cola. Wie auch immer: Prost auf euch.