von: Totte

Also, wie beginne ich den Bericht? Zunächst klopft mich Kater Bernie quietschend wach, denn ich habe das Frühstück vergessen und es ist bereits 5:14 Uhr morgens. Raketengleich springe ich darum auf und nehme an, dass das von außen eher nach Jabba the Hut in Zeitlupe wirkt. Eine Woche null Sport und das große Fressen, aus Frust, aus Lust, aus blöder Typ-Gründen. Ich bin und fühle mich aufgeschwemmt und seelenklebrig. Es gibt Gründe.

Gleichzeitig geht’s mir auch gut, denn gestern kam Lina endlich von ihren Verpflichtungen zurück und der Abend war schön, wenn auch kurz. Dass dafür ich heute los muss, ist wiederum Müll. Und dass die Bahn nicht nur eine, sondern alle meine geplanten möglichen Verbindungen kurzerhand gekappt hat, lässt den Druck nicht gerade entweichen.

Fakt ist, diesmal musste ich mir wirklich meine gesamte Fahrt von Bahnhof zu Bahnhof einzeln zusammensuchen, sonst wäre meine von der Bahnapp alternativ vorgeschlagene günstigste Fahrtzeit bei ungefähr dreieinhalb Wochen, Umstiegszeiten nicht mit eingerechnet. Enteignung, wann kommst du? Ich weiß, ich wiederhole mich, andererseits tun das die Weltentscheider ja auch und könnten statt dessen gerne mal überraschen und der Welt was Gutes tun. Ich bin Machtmenschen so leid. Doch wegen der paar Jahre macht wohl keiner mehr den Finger krumm.

Die Zugfahrt führt mich über Halle, keine Ahnung, wieso, aber bitte, fahrt voran, ich setz mich rein.

In Bielefeld habe ich eine Weile Aufenthalt und genieße einen veganen Cappucino. Kurz vor Abfahrt erinnert mich mein Magen daran, dass es Gründe gibt, warum ich unterwegs nie Kaffee trinke, darum haste ich zu den Toiletten. Der Herr vor mir ist mit der Schranke überfordert, weils aber eilt, geb ich ihm einen Klogang aus. Er dankt und verschwindet in der letzten freien Kabine. Auf dem Rückweg ist ein Teenager mit der elektronischen Toilettenmtür überfordert, nur zögerlich folgt er meinem Ratschlag, einfach durchzugehen, aber der Dank in seinen Augen, als er in Freiheit steht, entschädigt jeden Argwohn.

In Schloß Holte holen mich Labörnski und Gattin Inga ab, schenken mir ein Bier aus und zusammen fahren wir zum Holtermeeting. Wir werden vom Team um Jessie und Guido liebevoll empfangen, und auch die anderen Monsters trudeln nach und nach ein. Außer Pensen, der leider heute unabkömmlich ist.

Wir basteln uns eine Setliste und genießen das hervorragende Vegangulasch von Janine und Lars, das schon absolutes Highlight des letzten Jahres war und auch heuer wieder jeden Kulturbeitrag toppt. Meine Lieblingskunst ist eben kulinarisch. Und wer nun nölt „Veganes Gulasch gibt es nicht!“, ist argumentativ unter meiner Diskussionsniveaugrenze und darf sich gepflegt zum Schämen zurückziehen.

Vor uns spielen heute Jack Pott, und ich muss schon sagen, so langsam entstehen echte Freundschaftsgefühle, denn jede Begegnung mit diesen famosen Menschen ist ein herzliches Unterfangen. Dass sie vor uns spielen finde ich indes eher mau, denn sie sind einfach zu gut. Mit Feuer und Power begeistern sie das Holter Meeting, und mir ist etwas mulmig, danach unsere drei Bierbänke auf die Bühne zu tragen, um dann unseren Altherrenstammtisch einzuläuten.

Glücklicherweise finden sich viele Menschen ein, die auch für uns ein Herz haben. Natürlich möchte ich an dieser Stelle auch Julia und Sandrine erwähnen, die uns again die Ehre erweisen, uns aus der ersten Reihe anzulächeln.

Wir machen ein bisschen Quatsch für den Soundcheck, dann heißt es: Ab dafür.

Das Holter Meeting feiert mit uns eine famose Sause. Sie schunkeln, singen, klatschen und lachen mit uns, mit Sicherheit aber auch hier und da über uns, denn besonders kompakt professionell sind wir heute nicht. Oft haben wir Texthänger und die Gesamtperformance ist irgendwo zwischen atemlos und konfus. Auch meine Anmoderationen sind schon arg prätentiös. Nichts, was ich nicht auch heute sagen oder meinen würde, aber viel zu ausufernd und pointenlos. Ein Grund dafür ist aber auch, dass die Bühnenuhr, die countdownmäßig unsere Spielzeit runterzählt, irgendwann stehenbleibt, und wir denken, dass wir viel zu wenig Lieder eingeplant haben. Fred sagt im Nachhinein, er hätte es sofort gecheckt und ein Trottel sei, wer das nicht tat, aber bitte, selber Trottel, er hätte uns Trottel ja schließlich auch darauf hinweisen können.

Burger flüstert mir vor Türen jedenfalls noch zu „Trödel ein bißchen.“ und das tu ich dann auch etwas zu exzessiv, denn beim Solo flüstert er „Hör auf zu trödeln!“, aber da ist es schon zu spät, denn Lied und Spielzeit sind fast um.

Immerhin dürfen wir nach dem abschließenden Seefahrerlied noch eine Zugabe spielen, dank der Kulanz der Band, die nach uns auftritt. Aber das eingeplante „Vier Meter“ entfällt leider. Ich bitte um Pardon, es war diesmal ein Zeitunfall, und ich gelobe, mich künftig kurz zu fassen.

Trotzdem machen die Menschen wundervoll mit und wir haben uns alle ernsthaft lieb. Auch nach dem Konzert, wo wir mit FreundInnen, Team und den Jack Potts noch die ein oder andere Schale Sekt leeren, bevor alle überraschend rasant auseinandergehen, denn irgendwie haben alle anscheinend Privatpläne. Das ist schade, aber manchmal läuft es eben so. Burger und ich fahren jedenfalls ins Hotel, vor das ich mich noch auf ein letztes Bier und die Hoffnung setze, eventuell doch noch nachzügelnde Festivalkollegen zu treffen. Die Hoffnung bleibt unerfüllt, darum schließe ich die Augen und kille die Stille durch Musik vom Handy, und zwar „Unsichtbar“ von Mauli, denn das ist eventuell einer der besten Songs aller Zeiten.

Holter Meeting: Ihr seid alle ganz grandios und euer Gulasch ist kaum zu schlagen. Und wenn sogar das Wetter mitspielt, dann spielen wir gernstens mit. Hofknicks und Metalgruß.