Und täglich grüßt das Monstertier: Der Wecker klingelt wüst in meinen Traum rein, kaum hörbar, aber doch quälend. „Leistungsgesellschaft my ass!“ denke ich noch, aber wache dann trotzdem auf, denn zweimal in Folge Fred mitwecken könnte sich suboptimal auf unsere freundschaftliche Verbundenheit auswirken.
Möglichst leise tapse ich durch die Dunkelheit, suche mir meine Joggingklamotten zusammen und laufe los. Wir haben gleich an der Autobahnausfahrt zu Quickborn genächtigt, und ich tu mich etwas schwer, eine schöne Strecke zu erlaufen, denn das lockende Waldgebiet entpuppt sich als eingezäunte No Go-Area, also weiter auf der Straße lang, der Sonne entgegen, den Autos möglichst nicht. Ich lande am Bahnhof Quickborn, drehe dort eine Runde um die Kirche, atme die morgendlich frühlingshafte Verschlafenheit ein, und werde von allen, die ich unterwegs grüßend anlächle, ignoriert. Darob etwas verärgert laufe ich leise auf die Quickborner Bewohner schimpfend wieder zurück und lande beim Michelin-Männchen. Den mochte ich schon immer, darum versuche ich, ein Selfie zu machen, kriegs aber nicht hin, da stürmt mir ein freundlichst lächelnder Herr entgegen und bietet mir herzlich seine Hilfe an. Ich werfe augenblicklich alle Quickbornressentiments reumütig über Bord und behaupte ab nun das Gegenteil. Zurück im Hotel rutsche ich beim Versuch, mir die Füße einzuseifen aus, greife nach der Kabinentür, um Halt zu finden, die geht folgsam nach außen auf, und ich lieg kurz darauf mit blutendem großen Onkel vor der Dusche. Türen, Leute, Türen.
Kurz darauf ist Abfahrt, durch sonnige Auen und verstopfte Städte geht’s nach Wolfsburg, im Hallenbad waren wir schon oft, freundlich werden wir von Rosa, Ashley, Tom und Alex begrüßt, die bereits den Club für uns sorgsam herrichten.
Wir sind alle etwas übermüdet, inwendig ein wenig käsig und driften rasch auseinander, bis der Soundcheck ansteht. Lasse und Claudio sind fleißig wie stets, wir anderen beschäftigen uns mit Kaffee, Fußball im Radio und/oder gedehnten Powernaps.
Der Soundcheck ist heute etwas aufwändiger, Claudio bat zurecht um etwas mehr Ruhe und Geduld, um für uns den optimalen Klang zu erschaffen, und wir sind folgsame Monsters, darum lassen wir ihn drehen und zaubern, bis der Sternstaub auf unseren Melodien funkelt.
Zum Abendessen gibt es vietnamesisch, ich kenne mich mit der vietnamesischen Küche nicht aus, aber sie scheint sehr zurückhaltend zu sein, was Gewürze betrifft. Scheint aber nur bei den veganen Gerichten so zu sein, Burger und Rüdi schwärmen von ihrem formidablen Curry, das ihnen gar den Schweiß aus den Poren trieb. Ich glaube, iuch bin einfach unleidlich heute. Jetzt beginnt wieder die rastlose Zeit des geparkten Daseins, aber immerhin erfinden Claudio und ich eine neue Version von „Wannabe“, mit dem neuen Superrefrain „If you wanna Marihuana!“ und gackern darob wie Schuljungen beim Bäuerchenwettbewerb. Pünktlich um fünf vor 20 Uhr vermissen wir unseren Busschlüssel und suchen uns hektisch durch die Garderoben, bis irgendwer „Entwarnung“ ruft, und die Schlüssel triumphierend hochhält. Sehr gut für den Adrenalinschub.
Rasch zum Konzert: Wolfsburg is in the house. Ein ausverkauftes Hallenbad, wenn auch die meisten BesucherInnen gar nicht aus Wolfsburg stammen, sondern aus „Saure Liebe“, jedenfalls klingt es so, als wir sie darum bitten, zeitgleich ihre jeweiligen Wohnorte zu rufen. „Saure Liebe“ bekommt darum rasch sein gebührendes Lied, und dann geht’s wild weiter im Programm. Das Publikum ist wochenendlich, aber konzentriert und überhaupt absolut monstersprofessionalisiert: Sie singen, schunkeln und schicken viel Liebe in den Raum. Apropos: Der Club ist heiß, der Schweiß tropft mir von der Stirn, es fühlt sich zunehmend nach Rockshow an. Natürlich sind wir auch etwas aufgeregt, das ist klassischer Bestandteil der Aufnahmetouren, aber das erzeugt auch wieder besondere Momente. Burger glänzt mit seinem neuen Song „Gegen den Wind“ heute ganz besonders, und Rüdi verwandelt sogar einen irreparablen Texthänger in einen Moment der interaktiven Souveränität, aber man muss eben dabei gewesen sein, um das zu verstehen, darum, liebe Leute: Geht auf Gigs, sonst verpasst ihr was. Pensen und Börnski spielen ebenfalls zauberhafte Versionen einiger Neulinge ein und bei Freds „Nicht unser Tag“ hab ich gar etwas Wasser in den Augen.
Wir punken, quatschen und klatschen uns durch den Abend, verlieren aber auch nicht das Gespür für die ruhigen Momente, Monsters und MonstershörerInnen gleichermaßen sind ganz in der Musik und bei der Sache. Wunderschön. Zu den Zugaben tanzen alle, und die glänzend leuchtenden Augen auf beiden Seiten der Bühne könnten eine ganze Großstadt erhellen. Glücksgefühle deluxe.
Nach der Show treffen wir viele Menschen, alte FreundInnen wie Lare, Sandrine samt Mutter, Micha von Lekker/Lagerfeuerotz samt Gattin, und ich merke gerade, dass ich diese Liste endlos weiter schreiben könnte und dennoch irgendjemand vergessen würde, darum seht mir bitte nach, dass ich stattdessen einfach liebevolle Luftküsse an euch schicke. Es gibt Geburtstagskinder, und dass sie diesen Ehrentag bei uns verbringen wollen, rührt mich sehr, das Superteam vom Spar-Podcast ist auch vor Ort, und wir trinken noch ein Bier zusammen, dann wird’s leider Zeit, sich loszureißen, um zum Hotel zu marschieren. Abschiede sollte man nicht zu sehr rauszögern, sondern mit ihnen so verfahren, wie mit Pflastern.
Der Hotelportier ist sehr freundlich, darum tut es mir leid, dass ich ein klein wenig ungeduldig bin, aber er nimmts mir zum Glück nicht übel, hernach sitzen wir noch, Burger ausgenommen, der sich aufgrund extremer Müdigkeit verabschiedet hat, vor dem Hotel. Und uns wird gewahr, dass Lasse heute seinen letzten Monstersabend für diese Tour hat. Abschied ist eine schartige Schere. Auch Claudio verlässt uns vorerst, wird aber in Osnabrück wieder zu uns stoßen. Auf bald und vielen Dank, ihr beiden großartigen Herren. Und wo wir schon dabei sind: Vielen Dank, ihr großartigen Hallenbadenser und Hallenbadenserinnen: Es war uns erneut eine Riesenfreude, für und mit euch zu monstern. Bleibt bitte so toll. Auf bald.