Es ist acht Uhr früh und ich schrecke schweißgebadet aus einem Alptraum, der exakt so verfilmt werden könnte. Waldlauf, wilde Tiere, Hooligans, die zu Kannibalen mutieren, Eli Roth hätte seine wilde Freude dran. Bei mir geht’s so, Torture Porns sind nichts für mich. Folgerichtig bin ich ganz froh, wieder in der Wirklichkeit zu wandeln, wenn auch gleich Wirklichkeitsprobleme damit einhergehen. Der Ruf der Natur drängt, und unserr Get In ist erst um 11 Uhr. Ich streune los, finde eine Tankstelle, kaufe sinnlos eine Cola, um zweckmäßig den Toilettenschlüssel zu bekommen, auf dem Rückweg finde ich ein herrenloses Handy direkt an der Ampel vor der Tankstelle. Ich trag es min den Laden und hinterlasse eine hoffentlich ausreichend große Notiz an der Ampel. Ordentlich was los heute. Es ist diesig und grau und Labörnski hat sich offensichtlich klugerweise für Ausschlafen entschieden, also laufe ich, nachdem ich den Tourbericht getippt habe, alleine eine Runde zur Zoobrücke und über die andere Rheinseite am Dom vorbei. Ich atme die kalte Luft, die mit Bapzitaten versetzt ist, Zeilen aus „Bahnhofskino“ vermengen sich mit „Sendeschluss“, „Helfe kann dir keiner“ und „Südstadt verzäll nix“, eine melancholische Mischung, die meine Eremitageemotionen poetisch zusammenfassen. Ich habe lange in Köln gewohnt und bin auch heute noch oft hier, hier habe ich Freunde, Familie und Geschichte, für die Monsterstouren ist mir das allerdings eher abträglich, denn die Welten kollidieren immer ein wenig, und ich taumle zwischen Monster- und Gastgebersein zwischen Vergangenheit und Aufgabe. Die letzte Show in der Essigfabrik habe ich furchtbar in Erinnerung, kalt, gehetzt, laut, es gab Unstimmigkeiten auf der Bühne, und bis auf die Knochen verunsichert ob meines Nutzen verließen wir die Stadt und ich hatte das Gefühl, diesmal die Schlacht verloren zu haben.
Ich weiß nicht, ob ich betonen muss, dass ich hoffe, diesmal einen besseren Eindruck erwecken zu können.
Zurück am Bus treffe ich erst Frische Mische, dann Rüdi und Mark, dann, als die Toiletten official eröffnet werden, auch alle anderen. Frühstück und Duschen gibt es ab 12 Uhr, noch eine Stunde hin, die wir in der Sonne mäandern, ein bisschen schweigen und ein wenig reden. Kurz vor 12 öffnen sich dann die Pforten, Pascal und Melissa begrüßen uns herzlichst und haben ein wunderbares Frühstücksbüffet gezaubert, das alle Wünsche erfüllt, auch die, von denen wir noch gar nichts wussten. Nach der Dusche ist auch mein Stimmungsbarometer wieder obenauf, ich wechsle zwischen Kaffee und Tee und unterhalte mich mit Bernd über seine Vergangenheit als Chemiker. Da ist man schon so lange zusammen unterwegs und weiß so wenig übereinander. Wir beschließen, dass wir womöglich D-Markstücke in einer Eurowelt sind, aber unsere Oase zeitlos und voller Liebe ist, und mit dem Gefühl kann man arbeiten und träumen.
Börnski spielt dazu Mundharmonika und die Sonne scheint zustimmend träge auf den Innenhof des Gebäude 9.
Die Zeit schlendert heute, Börnskis Cousin kommt zu Besuch und die beiden nehmen erste Weinschorlen zu sich, Rüdi hat Energiereserven und trägt extra Stühle für uns zur Bühne, leider stellt sich heraus, dass es sich bei den Strühlen um Erbstücke handelt, also Kehrt Marsch und Alternativen organisieren. Am Rande gibt es auch noch kurze Verwicklungen mit Burgers Fotomodell, die er hier heute fotografiert, wovon der Club aber nichts weiß und verständlicherweise not amused ist, dass da jetzt wildfremde Leute durch den Club turnen, ein bisschen ungeschickt das alles. Manchmal verirren sich eben auch Großtiere in Meißnerfachhandlungen. Aber die Sonne lässt die Gemüter rasch wieder sanft erstrahlen.
Zwischenzeitlich parkt ein großer schwarzer Nightliner neben unserem kleinen weißen Nightliner, es ist die Band, die morgen hier spielen werden und heute Offtag haben. Sie heißen „The Twilight Sad“, und ich finde, das passt inhaltlich eigentlich ganz gut zu uns Monsters.
Jetzt wird’s aber langsam Zeit für den Soundcheck. Er geht ratzfatz, allerdings auch, weil ich gerade etwas angenervt bin und wenig Geduld habe. Langsam steigt die Kölnnervosität. Wie schön, dass Ablenkung in Form von Abendessen naht. Herrliche Asiafood, Tofu mit Gemüse in Erdnusssoße, dazu Frühlingsrollen, ein Fest, und ich lange ordentlich zu, bevor mir einfällt, dass es bei meinem Stressmagen vielleicht nicht die allerklügste Entscheidung ist, viel Kohl in mich reinzustopfen. Eine halbe Stunde später bin ich ein Dampfkessel auf der Herdplatte.
Wie unangenehm, schnell zum Konzert. Aufgrund der großen Nachfrage können wir heute nur teilbestuhlen, und zwar nur äußerst minimal, drei Reihen Bierbänke, der Rest der Leute muss stehen. Eigentlich wie früher. Und als wir auf die Bühne steigen, merken wir gleich, dass es heute ein besonderer Abend wird. Vom ersten Moment an, ist das Publikum voll bei uns, singt, schunkelt, prostet und pogt. Aber es hört auch zu, die ruhigen Lieder werden konzentriert verfolgt, beide Seiten der Bühne schwelgen, und zelebrieren ein großes liebevolles Miteinander. Es ist Freitag Abend, aber auch Sonntag Mittag, um es atmosphärisch irgendwie zeitlich zu umschreiben. Auch wir sind ganz gut drauf, auf der Bühne, lachen viel, bauen einen spontanen musikalischen Toleranztest zum Mitsingen ein, den Köln mir Bravour besteht, und verlieren das große Ganze nur ansatzweise aus den Augen. Ein wunderschönes Konzert, und wir verabschieden uns aufgedreht, glücklich und dankbar unter – Obacht, Klischeebegriff, aber hier treffend- stürmischem Applaus. Ganz wundervolle Sache.
Nach dem Konzert treffen wir viele Menschen, Freunde, Bekannte, derart viele, dass jede Aufzählung unvollständig wäre, machen aber auch neue Bekanntschaften, so zum Beispiel eine Düsseldorfer Reisegruppe, die gar mit einem 4 Meter/Türen-Wunschwendekarton erschienen sind, was mich derart rührt, dass ich sie bitte, mir ihre Namen zwecks Verewigung aufzuschreiben. Freudiger Hofknicks und ein „Helau!“ an dieser Stelle nun darum an: Lewin, Leander, Leo, Antonia, Martha und Lenny.
Schwer wird es allerdings für mich, die ganzen Freunde gesellschaftlich zu verknüpfen, ich will mit jedem reden und mache darum das falsche, ich versuche nämlich, allen gerecht zu werden, was zur Folge hat, dass wir alle letztlich etwas ratlos in einem Kreis stehen/hocken, und ein echter Gesprächsfluss nicht entstehen mag. Ich bitte um Verzeihung, dafür, bin mir aber recht sicher, dass ich alle lange genug kenne, dass sie mir diese Smalltalkpleite nachsehen werden.
Das Busladen habe ich natürlich auch verpasst, in Karlsruhe werde ich wohl durch etwas Extrafleiß glänzen müssen, um das wieder auszugleichen.
Irgendwann sind alle weg, und ich sitze mit Patte und Rüdi im Bus, ersterer verabschiedet sich allerdings auch bald Richtung Heimat, nicht ohne mir ein Köpfchen Pflanze dazulassen, weil ich befürchtete, heute nicht einschlafen zu können. Ich ziehe, huste und dann wird mein Hirn zu einem taumelnden Wandergesell, der mich an die seltsamsten, aber auch lustigsten Orte führt. Rüdi und ich unterhalten uns über Gesichtsgedächtnis, besonders darüber, wie schlecht wir darin sind, aber seine Story toppt jede mögliche, die hätte liefern können, und mir tränen die Augen vor Lachen. Ich hoffe, ihr werdet auch mal in ihren Genuss kommen, sie zu hören.
Jetzt wird’s aber Zeit für die Koje, es ist zwei Uhr durch und alle Tucs sind gegessen. Ich kuschel mich zu Teddypard und verzichte auf Lektüre. Für heute reicht das Kopfkino. Dank Köln ist es ein sehr freudvolles, buntes. Vielen Dank dafür, es war grandios.