von: Totte

Es ist kurz vor neun Uhr und ich wache durch ein wildes Geruckel auf. Bernd hat gerade vor dem Karlsruher Club „Stadtmitte“ eingeparkt, und das verlangte absolute Millimeterarbeit, wie ich staunend feststellen kann. Beeindruckend.

Erfreuliche erste Botschaft des Tages: die Toiletten sind bereits benutzbar. Lasten fallen. Ich schreibe den gestrigen Tourbericht und sinke dadurch wieder etwas in konträre Gedankenspiele, da erlöst mich Labörnski, der – trotz langer Nacht mit seinem Cousin – bereits laufready in der Bustüre steht. Ich hüpfe hinterher und wir erlaufen uns Karklsruhe auf der Suche nach einem grünen Fleckchen. Vom letzten Besuch weiß ich, es gibt welche, wir landen indes heuer immer an Autobahnen oder in Fußgängerpassagen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich den Weg vorgebe, aber ich sehe immer nur Türme, die ich als Hoffnungsträger für Parkanlagen anpeile. Nach einer guten Stunde haben wir uns dadurch derart verlaufen, dass wir beinahe in einen kleinen Zwist geraten, auch weil das Handy offensichtlich Schabernack mit uns treibt und ständig den Heimweg verändert. Es stellt sich raus, dass der Club aufgrund von Baustellen etc. derart einem Nadelöhr gleicht, dass zwei Kamele es kaum finden können. Irgendwann reicht es Labörnski und er klettert über Mauern und Zäune und erreicht so das Ziel als erster. Ich hingegen bin zu feige, laufe noch eine Extrarunde und verlaufe mich dabei gleich ein zweites Mal.

Frühstück, Clubchef Alex begrüßen, Duschen, Nickerchen, die Sonne scheint, der Bus wird ausgeladen, und diesmal bin ich wieder fleißig dabei.Dann wieder Nickerchen. Ich bin heute ziemlich kraftlos und so langsam spannt durch die ständige Sonne meine Stirn schon ganz ordentlich.

Auch Lektüre kommt heute zu kurz, ich finde mich nur schwer in des Buch rein, es ist gut geschrieben und spannend, aber auch zu düster, und ich brauche wohlige Kuscheligkeit, denn mein Heimweh nach den Katzen zwickt langsam ein bisschen.

Rüdi hat heute ein Interview mit Buddy und Holly von „Querfunk“ ausgemacht, das ist mal eine schöne Abwechslung im medial unbeachteten Kultur-Underground, es wird ein schöner Plausch, und auch der Soundcheck hernach gelingt uns allen flockig locker. Etwas problematischer ist die Sache mit dem Essen, Karlsruhe scheint – wenn man unseren letzten Besuch mit einrechnet – eine Verzögerungstradition aufbauen zu wollen, auf unsere viertelstündlichen Nachfragen hin erhalten wir stets die kryptische Antwort „in zwei Minuten fertig“, aber was ist schon Zeit und wie will man sie messen? Es wird kurz vor 19 Uhr, das ist besonders für Leo blöd, denn um 19 Uhr ist auch Einlass, und er muss am Merch stehen. Aber es schmeckt sehr gut, das gebe ich gerne zu.

Der Club ist randvoll mit Menschen, damit alle reinpassen, mussten wir die Bestuhlung auf drei kurze Bierbankreihen beschränken, doch die BesucherInnen sind voller Vorfreude und strahlen uns so glücklich an, dass wir bereits im Vorfeld adrenalitisch hüpfen.

Es wird ein großartiges Konzert mit einem großartigen Publikum, das tanzt, singt, zuhört, lacht und zu einem Teil des Movements schmilzt. Der Boden bebt und die Wände wackeln. Ein bißchen in der zweiten Hälfte auch wegen des DJs im Nebenraum, und man könnte glatt darüber streiten, ob es besonders geschickt und einfühlsam ist, zeitgleich mit einem Liedermacherkonzert, das mitgeschnitten wird, einen Techno-DJ zu buchen, aber das ist nur ein minimaler rhythmischer Wermutstropfen im süßen Cocktail der Freude. Ausgelassen singen wir voller Energie, erzählen und interagieren, der Bühnengraben verschwindet und wir werden eins. Es sind auch viele Kinder heute hier, die staunen und mitsingen, und das ist nochmal extra schön. In meine abschließende Dankesrede singt mir Burger ungeduldig ins Satzende, darum an dieser Stelle nochmal in aller gebührenden Ruhe: Vielen Dank, dass ihr uns einen derart schönen Abend beschert habt. Bleibt, wie ihr seid und uns gewogen. Love.

Mit Standing Ovations und Monsterschören werden wir beinahe ekstatisch verabschiedet, und auch die vielen netten Unterhaltungen am Merchtisch nachher sind Balsam fürs Ego, alle sind so freundlich. Unter anderem lerne ich eine Gruppe kennen, deren Whatsapp-Name (Gedächtnisprotokoll) „Monsters: egal, wo!“ lautet, und darum empfehle ich ihnen gleich, morgen doch München anzuvisieren, denn da könnte der Vorverkauf gerne etwas anziehen.

Was ich wieder verpasse, ist das Busladen, ich habe aber auch einfach niemanden Kartons tragen gesehen, sonst wäre ich sofort dazugestoßen, Ehrenwort. Morgen also neuer Versuch zur Besserung.

Wir fahren heute recht zügig weiter, im Bus sitzen wir aber noch eine Weile zusammen, ich bekomme eine Fressattacke und schmiere Tortilla-Chip-Häppchen mit Tabasco und Mango-Curry-Aufstrich, was auch besonders bei Leo sehr gut ankommt. Als ich mich endlich in Richtung Koje verabschiede, übergebe ich ihm das Messer und sehe beim Hinausgehen noch, dass er anscheinend vorhat, zusätzlich mit Aiolicreme zu experimentieren. Ein Genie, dieser Teufelskerl. Beinahe so genial wie das Publikum heute. Man ist ja quasi umzingelt von Genialität. Davon kann die Politik nur lernen. Würde sie fragen, wäre ein erster Tipp zum Beispiel: immer einen Tropfen Tabasco obendrauf. Gute Nacht.