Es ist eben ein ewig ähnelnder Ablauf auf Tour, jeder wacht irgendwann auf und tut dann, was er eben so tut. Es gibt Aufgaben und noch mehr Leerlauf, und jeder baut sich seine kleine Privatsphärenhöhle. Ich für meinen Teil bin ganz froh, mit dem Jogging ein klein bisschen punktuelle Struktur in den Morgen gebracht zu haben, und weil fast immer Labörnski mitläuft, macht das noch mehr Laune. Wir laufen über Brücken und unter Unterführungen, bis wir im Hirschgarten Natur tanken und Rehe bestaunen dürfen.
Wir spielen ja regelmäßig in München, aber es ist immer ein Roulettespiel: Wird es voll? Wird es gut? Alles ist möglich, das letzte Konzert im April 25 war prima, wir spielten an einem Freitag vor gut gefülltem Hause und alle waren in Bestlaune.
Heute ist Sonntag, das bedeutet leider auch direkt weniger Vorverkauf, und dummerweise sind wir heute im größten Raum des Backstage, dem Werk eingeplant, was dann das Publikum optisch noch weiter minimieren wird. Ich bin heute zudem ein nervöses Wrack, denn mein Onkel Helmut besucht uns samt Gattin Sabine, und wer möchte schon seiner verehrten Verwandtschaft ein realistisches Bild des wirtschaftlichen Scheiterns bieten? Außerdem zeckt heute tourmittig traditionelles Heimweh, ich habe den Fehler gemacht, frische Bilder unserer Katzen anzugucken, und ich will nur noch zum Soundtrack ihres beruhigenden Geschnurrs durchatmen, während sie mich als Matratze nutzen.
Das Catering ist dafür heute grandios und ein echter Stimmungsaufheller, und die Kollegen wirken alle aufgeräumt genug, um mich heute durch den Tag zu tragen. Ich übe nochmal die Melodica, weil ich meinen Part die letzten zwei Abende in Folge versaut habe, keine Ahnung, warum. Jetzt geht’s wieder perfekt, aber ich ahne schon, dass ich’s trotzdem heute Abend verbocken werde.
In Ermangelung an spannenden Touranekdoten an dieser Stelle ein Buchtipp: Alex Capus‘ „Das kleine Haus am Sonnenhang“ ist so wundervoll, dass ich es direkt wieder vergessen möchte, um es nochmal neu erstlesen zu dürfen.
Nun zum Soundcheck.
Alles ist schmuck, und inhaltlich passt gerade auch, dass heute unser Freund und ehemaliger Soundmann Werner hier ist, er ist mit der Kölner Band „Miljö“ vor Ort. Da ich ihn allerdings bislang immer verpasst habe, weiß ich nicht mehr und hoffe darum auf die kommenden Stunden.
Ich übe nochmal die Melodica und Rüdi filmt das, damit zumindest „er war stets bemüht“ in mein Abschlusszeugnis geschrieben wird.
Das Abendessen ist auch bereits fertig, das ist mal perfektes Timing. Es gibt neben vielen anderen Leckereien ein veganes Curry, das mir derart gut schmeckt, dass ich mich nicht zügeln kann und eine zweite Portion hinterherschiebe. Eventuell fatal. Warten wir’s ab.
Kurz vor der Show lerne ich Rebecca kennen, die heute alles im Backstage organisiert, was bei vier zugehörigen Clubs sicher eine Menge Logistiktalent benötigt. Bemerkenswert ist dabei sowieso, dass heute quasi alles wie von Geisterhand ausgeführt scheint. Kurz treffe ich Carlos, der die Bühne betreut, und den ich schon vom letzten Besuch in sehr guter Erinnerung habe, aber ansonsten treffe ich weder Köchin, Koch, noch sonst irgendwelche MitarbeiterInnen, aber sie sind da, denn für Essen, Getränke, Licht und Sicherheit ist gesorgt. Zauberstadt Backstage.
Konzertbeginn:
Es ist nicht ganz leicht, immer ehrlich zu sein, und womöglich auch unnötig, aber ein dauerndes Superlativenfeuerwerk abzufackeln ist eigentlich noch bescheuerter. Das heutige Konzert wird keins unserer besten. Wir sind alle etwas fahrig, leicht nervös, und die Fakten, dass wir – im Gegensatz zu den letzten Konzerten – erstens viel weiter auseinander sitzen, und zweitens viel weiter vom Publikum entfernt sind, die irrerweise auch noch einen Wellenbrecher vor ihrer Nase haben, machen das ganze nicht einfacher. Der Abend ist besser besucht als erwartet, aber dennoch weit von ausverkauft entfernt. Kein Wunder, die Werkhalle ist riesig, Sonntags geht es sich schwerer vor die Tür, zudem fallen solche Konzerte für die meisten aus, die nicht direkt aus der betreffenden Stadt kommen. Aber die Leute sind sowohl in Feier-, als auch Zuhörlaune und tragen uns durch den Abend.
Ich probiere zur Auflockerung ein paar Freestyles, aber die gehen heute auch in die Hose, zudem ist ab der zweiten Hälfte meine Gitarre plötzlich auf meinem Monitor so leise, dass ich nicht mal mehr sicher bin, ob sie überhaupt eingeschaltet ist. Melodica: Vergiss es, wieder verkackt. Auch Börnski muss sein „Punkermädchen“ darum heute nach Gefühl singen, nicht nach Gehör. Zum Glück ist das draußen, also fürs Publikum, nicht zu merken. Rüdi schiebt mitten im Song seinen Kapodaster auf einen anderen Bund, und auf so eine Idee muss man auch erstmal kommen, wir stehen alle etwas neben uns, aber dafür klingen einige neue Songs heute absolut fehlerfrei und schön temperiert. Aufnahme, ick hör dir trapsen. Und der Energiepegel steigt auch mit jedem Lied, die Menschen schunkeln, wir schunkeln, es fliegen Dutzende Bonbons und Damenschlüpfer, der Knoten löst sich mehr und mehr und irgendwann strahlen wir alle und werden gar mit Standing Ovations belohnt. Wir haben sie vielleicht heute nicht so recht verdient, aber wir nehmen sie sehr freudig an und geben sie gerne sofort als Dank an euch zurück, denn heute habt in erster Linie ihr den Abend zu etwas besonderem gemacht, liebes Publikum, nicht wir.
Auch sonntäglich normal ist, dass sich das Stelldichein am Merchtisch nach dem Konzert etwas schneller auflöst, alle müsdsen letzte Bahnen kriegen oder morgen früh raus, trotzdem führe ich noch eine schöne nostalgieträchtige Unterhaltung über die Waltons (die Band, nicht die Serie, obschon letztere mit Sicherheit was mit meinem Schriftstellerwunsch zu tun hatte), bevor ich Helmut und Sabine einsacke und in den Backstage (vom Backstage) verfrachte, um zumindest noch zwei Kaltgetränke in gemütlicher Atmo genießen zu können. Beide loben übrigens unser Publikum in höchsten Tönen, für seine Freundlichkeit, denn sie wurden, als sie kurz ratlos im Raum standen, gleich herzlich in eine Sitzreihe eingeladen. Auch für eure Herzlichkeit darum nochmal ein großes Merci an euch.
Es wird indes keine lange Feierei mehr, ich verabschiede die beiden und begebe mich dann müde in den Bus, wo immerhin noch ein Großteil unserer Truppe bei Musik und Kartoffelchips beisammensitzt, die dritte Fressattacke naht, und ich kann ihr nicht ausweichen. Mit vollem Bauch und leerem Kopf liege ich irgendwann in der Koje, lausche noch den Restgesprächen aus der Lounge und versinke darob in einen Schlaf, der mir wieder was von seltsamen Verfolgungsjagden vorgaukeln will. Was würden Traumdeuter dazu sagen? Ein Leben auf der Flucht vorm Alltag? So sei es.
Liebes München, ihr wart, seid und bleibt (hoffentlich) eine Bank im steten Wellengang unserer Musik, und das immer wieder neu spüren zu dürfen, ist ein großes Geschenk.