Guten Morgen, Nürnberg!
Es ist 08:30 Uhr und ich rutsche bereits seit einer halben Stunde unruhig in der Koje hin und her, um die Zeit bis zum Get In voranzutreiben. Jetzt reicht’s damit aber auch und ich hüpfe ins Leben, schnappe mir den Rechner und treffe in der Buslounge auf Labörnski. Es ist alles wie immer. Tourbericht fertigschreiben, Toilettengang, Jogging mit Jan. Wir kommen wieder am Fluss vorbei, wo ich letztes Mal schwimmen war, und da ich gestern allerorts getönt habe, ich würde das natürlich wieder tun, muss ich in die Brühe. Die Enten schimpfen, die Fische ducken sich weg. Wir laufen eine gute Stunde und treffen pünktlich zum Frühstücksbüffet ein, und das hat sich im Hirsch immer gewaschen: Vegane Würstchen, Rührei, Melone und Ananas, Säfte, Gemüse, Kartoffeln, und ich könnte immer weiter aufzählen. Herrlich. Ich frühstücke zusammen mit Bernd, der gerade seine Liste der Bands, die er bislang gefahren ist, aktualisiert. Beeindruckend. Er erzählt mir ein paar Anekdoten, über die wir zu unseren Tourtagebüchern kommen, und beiläufig bemerkt er, dass unser Karlsruher Kickermatch dort gar nicht auftaucht. Das ist wieder typisch: Da macht man ausnahmsweise mal was, was nicht zur täglichen Routine gehört, und prompt vergesse ich, dass für die Nachwelt festzuhalten. Eventuell war’s auch unterbewußt, weil er mich tormäßig plattgemacht hat. Aber wie schön, dass er unsere Berichte so interessiert verfolgt, das freut mich wirklich.
Ich telefoniere ein bißchen mit Lina, das blöde ist aber immer, dass mir auf Tour die Worte für alles fehlen, die den Alltag beschreiben könnten. Außerdem mache ich mir Sorgen um meine Gitarre, die gestern gesponnen hat, was mich endgültig zu einem unbrauchbaren Gesprächspartner macht.
Wir haben heute eine kleine Besprechung über alles kommende, was zwar ertragreich ist, aber mich auch komplett müde zurücklässt. Ich habe gerade keine Lust mehr auf Sonne, sondern lege mich nochmal hin.
Zum Soundcheck testen wir und finden keine Fehler, alledings ist die D-Saite derart angerissen, dass ich sie sicherheitshalber wechsle, auch wenn dadurch die Verstimmungsgefahr deutlich erhöht ist. Um sie möglichst spielfertig zu bekommen, dehne und zerre ich an ihr rum, bis sie entnervt reißt und ich von vorn beginnen kann.
Das Abendessen ist ebensoeine Offenbarung wir das Frühstück, der Koch heißt Moritz und gehört in den Himmel gelobt, aber auch Sebi, Bernie und der Rest der Hirsch-Crew ist toll und man fühlt sich wirklich willkommen. Jetzt wird’s aber langsam auch Zeit für unseren Beitrag zum gelungenen Abend.
Der Hirsch ist beeindruckend gefüllt, als wir ziemlich energiegeladen auf die Bühne stürmen. Wir haben im Backstageraum „Walking on sunshine“ gehört, und unsere Hufe schwingen noch nach. Gut möglich, dass das sogar etwas zuviel Power für ein montägliches Nürnberg ist, denn zunächst kriege ich den Eindruck, alle sind noch etwas couchkartoffelig laid back. Erst nach und nach begreife ich, dass wir es heute einfach mit einem sehr konzentrierten Publikum zu tun haben, dass sehr aufmerksam unser Programm verfolgt. Überall äußerst wache Gesichter. Wir spielen eine leicht umgestellte Setliste, um ein paar der neuen Lieder in den sicheren Hafen der Aufnahmequalität zu schippern, was dazu führt, dass wir etwas weniger ansagen, um den Kollegen nicht in die Songs zu pfuschen. Aber trotzdem bleibt noch Raum für Nonsense, die Bayern/Franken-Frage bleibt für mnich unbeantwortet, darum gibt es einen Freestyle, der Nürnberg in Niedersachsen verortet, hernach aber wird wieder konzentriert in die Saiten geschlagen und Qualität geliefert. Es sind einige schöne Versionen heute dabei, und das Licht, das der Hirschlichtherr zaubert, ist wunderschön stimmungsvoll.
Wir haben heute die Antennen erfreulich weit ausgefahren, sind sensibel füreinander da und unterstützen uns nach allen Kräften. Und im Saal steigt die Stimmung ebenfalls von Lied zu Lied, die Mitmachfrequenz erhöht sich, die Menschen klatschen im Takt und beim Sitzpogo ist der ganze Hirsch in Bewegung. Wir werden zum Abschluss wieder mit stehenden Ovationen beschert, und alle Augen leuchten. Ein Traum.
Nach der Show führe ich einige interessante Unterhaltungen, es ist bemerkenswert, wie sich doch alle Sorgen ähneln. Es geht um Zukunft, Kinder und ein System, dass genau diese Zukunft bereitwillig aufs Spiel setzt. Wir bemühen uns um Optimismus, und Oasen sind wichtig im Sorgengrau, aber langsam wird’s auch Zeit, dass die Vernunft die Gier über Bord spült.
Mir fällt wieder auf, wie freundlich und aufgeschlossen unsere HörerInnen sind, und das macht mich glatt ein wenig stolz.
Freunde sind heute ebenfalls da, Benny, Peggy, Tim Diggler, Yase, Sandrine, wir laden alle kurzerhand in den Backstage ein und sitzen noch ein Stündchen beisammen, allerdings sind die Batterien etwas leer und viel mehr als eine Buchempfehlung und ein paar matte Ulks bekomme ich leider nicht mehr hin, obschon es so viel Stoff für Unterhaltungen gegeben hätte. Pardon dafür, aber eine Woche Busfahrt übermenscht dann doch langsam ein bisschen. Apropos: Wir fahren recht zeitig vom Hof, im Bus herrscht ordentlich Trubel, Pensen und Labörnski sind DJs und die Kartoffelchipstüten werden zu Rap und Pop geleert. Ich komme aber auch hier nicht mehr so recht in den Groove rein, und verabschiede mich alsbald in die Koje. Der letzte, der zurückwinkt, ist Teddypard, während er mit leuchtenden Augen Tortillas verschlingt.
Heute war unser Bergfest, und es war ein sehr schönes Fest, wofür wir herzlich danken möchten. Unserem Kühlschrank hat es indes eine Glasplatte rausgehauen, nach all den Jahren. Aber das ist nur eine Tournarbe, er steht weiter wie eine Eins. So wie wir alle. Gute Nacht zusammen.