von: Totte

Mir geht`s nicht dolle. Eigentlich müsste es das aber, die Tour läuft sehr erfüllend, der Abend gestern war äußerst lustig, und zu spät wurde es auch nicht. Aber trotzdem liege ich nun im Bett, sehr über mir die To Do-Liste dee Tages wie ein Damoklesschwert und will nur die Decke über den Kopf ziehen. Es dauert endlos lang, bis ich mich endlich an den Tourbericht gesetzt habe, und noch länger, bis ich in den Laufschuhen stecke. Heiß ist’s draußen, ich laufe eine kleine Runde, bin sofort schweißgebadet, und die Hunde bellen mich aus. Viel Volk ist unterwegs, mit Bierdosen und KIZ-Beschallung. Ich beende meine Runde, dusche und gucke ängstlich, wie sich die Zeiger zum Auftritt ticken. Per Bujs und Bahn zum LOGO, dort sitzen bereits die Monsters zusammen mit unserem Superbooker und Idol Nico, trinken einen Prosecco, Claudio ist superfit und checkt den Sound, das LOGO-Team ist family, hat aber leider auch zu berichten, dass gestern eine Gruppe seltsamer Gestalen da waren, die ständig „Hass können wir!“ grölten. Sowas in Verbindung mit einem sehr unangenehmen rechtsextremistischen (als gäbe es angenehme rechtsextremistische) Aufkleber, den Gunnar just von der Herrentoilette knibbelt, gibnt mir zu denken. Vielleicht sind wir immer noch zu missverständlich, darum nochmal eindeutig: Wenn ihr rechtsextrem seid, habt ihr nichts bei uns verloren. Ihr habt jederzeit die Gelegenheit, euch zu ändern, aber solange ihr menschenfeindliche Ideologien vertretet, seid ihr nicht willkommen und müsst bekämpft werden.

Jetzt aber zu was schönem: Fredi hat uns tolle Becher getöpfert, und (bislang) anonyme Fans haben uns gar eine Lampe mitgebracht, die nun stolz auf der Bühne leuchtet.

Ich treffe die bezaubernden Summer und Leonie, Michael, der heute unsere Merch macht, stößt dazu, Mark von Dein Topf e.V. ist auch bereit, es kann bald losgehen. Einlass.

Nico fragt, was ich da mit meiner Einhandsuchtechnik am Rechner vorhabe, tja, so schreibe halt ich die Tourberichte. Da gleich das Konzert beginnt und Nico schon wieder kritische Fragen zu meiner Tipptechnik hat, stoppe ich an dieser Stelle und melde mich nach dem Auftritt wieder.

Wir besteigen die Bühne pünktlich as hell, das Publikum war allerdings schneller und hat sich bereits eingesungen und ist total im Groove. Die Katerkonzerte sind – ich weiß, ich wiederhole mich- immer Wohnzimmerpartys mit vielen alten Freunden, natürlich auch ein paar Leuten, die uneingeladen kommen. Ein wildes Gewusel, bei der manchmal vor lauter Klassentreffen die Musik in den Hintergrund fällt. Wir wissen darum und verstehen das völlig, aber natürlich sind ruhige Songs hier immer etwas stressiger zu spielen. Nichtsdestotrotz gehen die HörerInnen mächtig mit, haben Tröten, Seifenblasen und Bonbons im Gepäck, die die Kinder später während ds Konzerts von der Bühne klauben. Überhaupt sind viele Kinder da, und manchmal durchzuckt mich der Gedanke, ob das für mich als Kind ein Fest oder eher gar etwas beunruhigend wäre, so viele Erwachsene, die laute Lieder singen und ihre Gläser hochhalten. Wie gings Wickie auf den Wickingerfeten? So ungefähr.

Das Konzert birgt einige Hioghlights, wunderschöne Pannen, die wie getimed wirken, Chöre von brachialer Urgewalt und Wunschsongs außerhalb der Liste, so zum Beispiel der Herzblatthubschrauber. Erfrischend. Rüdi und ich battlen uns um den ältesten eigenen Song, er gewinnt gegen mein Tequila aus Manila mit seiner Hymne 1981, ein großer Spaß, das alles.

In der Pause gibt es saure Gurken und Baguette, beides vom LOGO gestiftet, und alles ist neu und doch sehr vertraut.

Da alles verschwimmt, kann ich nicht mehr genau sagen, was für kleine Besonderheiten geschehen, aber dass wir sehr glücklich sind, als wir von der Bühne gehen, sieht sicher jeder. Wir wissen um das Privileg, dass wir mit euch sowas tolles machen und haben dürfen, vielen Dank dafür.

Nach der Show geht die Party weiter, meine Kollegen sind in Spiellaune und musizieren vor dem LOGO weiter, ich hingegen mag es eher, mich ein bisschen in Ruhe auszutauschen, außerdem will ich heute früh den Absprung schaffen, um morgen fit zu sein. Das gelingt nur halb, zudem endet der Tag mit einem kleinen Ärgernis: Als ich meine Sachen aus dem Backstage hole, sehe ich, dass irgendwer den Sekt, den ich extra für das Publikum geholt habe, ausgetrunken hat. Ich kaufe seit ein paar Jahren als kleines Dankeschön Sekt, den ich an jedem Tag vor den Shows an die stets picknickenden treuesten HörerInnen vor dem Club verteile. Um ihn gekühlt zu halten, lagert er im Backstagekühlschrank, extra als Publikumssekt ausgewiesen, damit genau das nicht passiert, was jetzt passiert ist. Es ist nichts großes Ultraschlimmes, denn mal ehrlich: wer hat nicht schon mal was einfach aus einem Kühlschrank gegriffen, und es ist auch nur eine günstige Flasche Rotkäppchen, aber mir schnürt es gerade das Herz zu, dass da irgendjemand aus dem eigenen Kreis einfach drauf gepfiffen hat, denn das zerknickt gerade meine ganze Utopie. Ich verziehe mich rasch aus dem LOGO, denn ich will da jetzt Abstand haben. Meine gute Freundin und Kollegin Janina, die auch vorbeigeschneit ist, begleitet mich, und wir sitzen noch eine Weile bei Bier auf einer Parkbank, wo mich ein junger Herr zunächst als Femdgeher enttarnen will, dann als Peach beschimpft. Interessanter Ausklang eines sonst so harmonischen Tages. Um 22:30 Uhr sitze ich daheim und stopfe mir Pizza rein, im düsteren Wissen, morgen wohl das Jogging ausfallen zu lassen.

Aber das alles ist letztlich nur ein kleines Salzkorn im Eisbecher der Wonne, den das Katerkonzert uns gereicht hat. Ein köstliches Vergehen gegen die Vernunft und für die Seele, und das ist einfach zauberhaft.