Unsere sehr geschätzten Kollegen von Le Fly mussten leider krankheitsbedingt ihren Auftritt beim Ackerfest in Schöppenstedt absagen, und wir wünschen natürlich rasante Komplettgenesung.
Wir bekamen indes dadurch das Angebot, kurzfristig einzuspringen. Sehr kurzfristig, es blieben gerade noch 24 Stunden bis zum Auftritt.
Normalerweise sind unsere Bandentscheidungen zäh wie Sätze von Germanistikprofessoren, aber diesmal gab es – oh Wunder – einen spontanen Schnellschuss. Allerdings war es nur drei Monsters zeitlich möglich, einzuspringen, ein absolutes Novum, das uns keineswegs lockerer machte.
So sitzen nun Labörnski, Rüdi und ich in separaten Gefährten gen Schöppenstedt, und konferieren via eigens dafür erstellter Whatsappgruppe über Setlisten und Zugverbindungen. Letzteres klappt bei Labörnski und mir zunächst gar nicht, alle Anschlüsse scheinen wegen „Verspätungen aus vorheriger Fahrt“ unerreichbar. Rüdi, der bequem von Kumpel Superklaus im Auto chauffiert wird, kommentiert das gewohnt mitfühlend, so dass wir Zugvögel kurzerhand eine Setliste ohne Rüdi planen. Aber es wird alles gut. Mein laut Bahnapp unerreichbarer Anschlusszug verspätet sich genügend, um noch mitreisen zu können, in Labörnskis Anschlusszug muss noch eine „Außenscheibe neu verklebt werden“, darum schafft auch er noch, hereinzuhüpfen.
Um 15:26 Uhr erreichen wir beide Schöppenstedt, und bevor wir uns verlaufen können, hat eine Dame namens Karina unsere Planlosigkeit erkannt und geleitet uns sicher zum Festival.
Hier schließen wir auch Rüdi endlich in die Arme, bequatschen noch letzte Unklarheiten und üben rasant Labörnskilieder. Das Ackerfestteam um Micha ist enorm sympathisch und für alles Leibliche ist bestens gesorgt. Ich trau mich nur nicht, vor dem Auftritt Chili sin Carne zu genießen, denn ich kenne mein Ballonverhalten nach Bohnenverzehr zu gut.
Statt dessen ein vorsichtiges Bier und ein kurzer Spaziergang zur Bühne, wo wir überraschend auf alte Freundinnen und Weggefährten treffen, die hier fleißig am Werke sind. So zum Beispiel Dirk und Momo und natürlich Majimbi, eine Freundin aus dem Schrödersumfeld, die einst auch mehr als kompetent meinen MC-Posten bei UKB übernommen hatte. Wunderschön, dazu scheint die Sonne sanft und rockverständnisvoll, und dann legt das Damentrio „Quiet Girl“ los, und eine wahre Wucht an Sound zwischen Punk und Metal und Stonerrock treibt das Ackervolk zusammen, und nicht erst zu ihrer Zugabe „Ghostbusters“ spüren wir alten Herren der Monsters, dass wir hier gerade eine sehr wünschenswerte Rock-Zukunft erlebt haben.
Hernach bin ich noch nervöser, Abbau, Umbau, das bedeutet bei uns dreien: Wir tragen eine Bierbank und ein paar vorgezapfte Becher Bier auf die Bühne, stöppseln uns ein und hoffen das Beste. Die Audienz, die erfreulich zahlreich erscheint, schaut aufmunternd erwartungsvoll zu uns, immerhin ersetzen wir nun die Superdancekapelle Le Fly, da fühlt sich so eine Bierbank noch etwas behäbiger an, als sowieso schon. Der Soundcheck beginnt ziemlich verworren, wir hören von überall her Stimmen, die allerdings nicht mit uns reden. Von uns selbst hören wir aus den interessantesten Ecken der Bühne was, nur von den eigenen Monitoren leider nicht. Immerhin sind wir bereits vor der Bühne zu hören, darum können wir etwas rumjuxen und spontan unter anderem die Seifenblasenpistole besingen, während Labörnski kurzerhand zum Moderator zwischen Technik und Monsters wird, und sich der Klang wie von Feenhand gezaubert von selbst klärt. Weil wir keine Zeit verschwenden wollen, monstern wir drei uns direkt auf der Bühne ein und dann geht es hochoffiziell los:
Wir starten mit den Zwergen, Labörnski und Rüdi schlittern sofort tanzanimateurisch genial auf den Laufsteg, und das Ackerfest feiert märchenhaft mit. Beim letzten Refrain geht plötzlich meine (Nylonsaiten)Klampfe nicht mehr, normalerweise würde ich jetzt, denn so will es mein Charakter, weinen und wegrennen, aber das geht nicht, denn nun ist das Punkermädchen dran, dazu leih ich mir Rüdis Western-Gitarre und stahlgewittere zu Labörnskis Punkpoesie.
Wir schunkeln und das Publikum macht herzerweichend herrlich mit. Hernach rockt Rüdi seinen Evergreen zur moralischen Stützung der ArbeitnehmerInnen, dann zaubern die beiden einen Antistress-Squaredance-Pit samt Mundharmonika, ich nutze derweil die Zeit, um bei der Technik eine neue DI-Box zu erbitten, denn ich habe plötzlich die Eingebung, dass mein Gitarren-Aus damit zusammenhängen könnte. Zurück auf der Bierbank stöppsele ich alles notwendige um und singe dabei schunkelnd mit, und – oh Wunder!- die Gitarre will auch wieder mitmachen.
Von nun an geht’s störungsfrei, von selbst umgeschmissenen Bierbechern bei spontanen Bankumbesetzungen abgesehen, wir spielen ein wirklich kurzweiliges Set und schrecken dabei auch vor den neuen Nummern „Namenstag“ und „Wasserturm“ nicht zurück, und wir können kaum glauben, wie liebevoll und euphorisch das Ackerfest mit uns singt, tanzt, pogt und schwelgt. Darunter auch erfreulicherweise ein paar alte FreundInnen, Sandra aus Lübeck und Jan, sowie Adri von Nullbock bzw. Muschikoffer (ich empfehle, bei beiden Bands zumindest mal auf Youtube reinzuhören), doch vor allem sehr viele Menschen, die uns offensichtlich noch gar nicht kennen, bei denen aber unsere textlichen Kleinode auf sehr offene Ohren treffen.
Wir landen zeitlich punktgenau den letzten Akkord, erfreuen uns völlig rockstaruncool hopsend über die „Zugabe“-Chöre, und darüber, dass wir das zu dritt gestemmt, und vor allem, mit soviel Spaß gestemmt bekommen haben, und machen rasch Platz für „The Pinpricks“, deren Riot Girls-Punkrock mir extrem gut gefällt. Leider müssen Labörnski und ich recht rasch unseren letztmöglichen Zug erreichen, deshalb verpassen wir das ganze Restprogram, das heute mit u. a. Mandelkokainschnaps, Drei Meter Feldweg und Ignite ziemlich highlightreich ist. Immerhin reicht es noch für funkelnde Menschmomente mit tollen Leuten, Tanja (the Namenschamäleon), die wir erst unlängst beim adriAkustik getroffen hatten, und den hinreißenden Damen und Herren von MKS (wir werden sehr gerne für euch in Röcken rocken) zum Beispiel, aber auch den Ackerfestkids, deren Aufgabe ich nicht so ganz verstanden habe, die aber toll sind, und uns, nachdem ihnen Chef Micha glaubhaft versichern konnte, dass wir wirklich auch eine Band sind, einen egoschmeichelnden Autogrammwunschansturm bescheren. Ich vergesse gerade sicher wieder viele Menschen, aber alle waren herzlich herrlich, ohne Quatsch.
Dann wird’s leider auch schon Zeit für den Abschied, Rüdi bleibt zwar da, begleitet uns aber noch zum Bahnhof. Auf dem Weg am Campingplatz vorbei viele liebe Rufe und Grüße, die wohltun, dann auch noch das Angebot auf Whiskey-Cola, was ich in meinem Adrenalinüberschuss als Selfiewunsch missverstehe, und darum um Eile bitte, weil ich den Zug nicht verpassen will, während der arme Herr deshalb nun gehetzt alle Zutaten für die Drinks zusammensucht. Das ist mir jetzt noch peinlich, darum bitte ich auch hier nochmals aufrichtig um Pardon und danke für das Getränkeangebot.
Am Bahnhof wartet bereits der Zug, der Abschied von Rüdi ist kurz, aber liebevoll vorfreudig aufs nächste Treffen, und bereits eine halbe Stunde später trennen sich auch Labörnskis und meine Wege, denn er fährt zurück nach Hamburg, während es mich nach Erfurt zieht. Auch hier heißt es: Liebevoll befreit ein „Ciao“ und auf bald.
Dass in Braunschweig ein ICE Verspätung hat, sorgt dann noch für einen weiteren magischen Überraschungsmoment, denn dadurch kann ich diesen nehmen und komme eine Stunde früher als geplant am Zielort an.
Es war ein Tag voller Zauberkraft, und davon zehre ich noch heute. Und ich danke allen, die Teil davon waren, dem Publikum, der Crew, allen Menschen drumrum, und natürlich besonders Labörnski und Rüdi (Wer sagt’s jetzt den andern?).
Le Fly wünsche ich auch an dieser Stelle nochmal alles Beste, und ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.
Und wenn du, liebes Ackerfest, uns mal komplett erleben möchtest, dann eilen wir gernstens wieder nach Schöppenstedt. Hashtaglove