Lina weckt mich nach vier Stunden Schlaf, ein Glück, ich hätte verpennt. Allerrdings bleibt kaum noch Zeit, sich anständig von ihr und den Katzen zu verabschieden, weil mein Zug um kurz nach acht Uhr abfährt. Meine Laune ist medium, denn ich bin müde und mein Problemzahn macht immer noch das, womit er sich seinen Namen verdient hat. Wahrscheinlich werde ich künftig mit einer Lücke leben müssen. Na ja, vielleicht wird’s eine Charakterlücke, und die Zeiten sind, was das betrifft, glücklicherweise eher zum Schmunzeln, denn zum Lachen. Wir Monsters spielen heute unser letztes Festival für 2026 und alle kommen per Bahn, Frische Mische und Fred aus Hamburg, Rüdi aus, ich weiß gerade gar nicht, woher er anreist, Berlin, Mars, Rockolymp, nur Burger, das weiß ich, kommt leider gar nicht, weil terminlich irgendwas nicht geklappt hat. Es ist derzeit ein Glücksroulette, wenn man uns komplett erleben will.
Wir spielen auf dem Pell Mell Festival in Obererbach bei Montabaur bei Limburg in der Nähe meines Geburtsortes, da wollte ich morgen eigentlich vorbei, doch da meine Eltern verreist sind und deren Nachbarin Annegret in ihrer Funktion als Haushüterin nervös wird, wenn dann jemand dort nächtigt, habe ich den Besuch verworfen und bin nun hin- und hergerissen, wohin es mich morgen treiben wird. Aber ist auch egal, denn heute ist erstmal das Pell Mell, das übrigens heuer sein 20jähriges feiert. Happy Jubiläum.
Wir Monsters treffen uns alle bei Sonnenschein am Zielbahnhof und werden umgehend von Superfahrer Dennis eingesackt und kompetent zum Festival chauffiert, wo wir herzlichst von Florian und dem gesamten Team empfangen werden. Die Monsters fliegen rasch in alle möglichen Himmelsrichtungen, ich spaziere mit Kaffee über den Platz, der mit tollen Menschen gefüllt ist, während die Crossoverband „Left Betrayed“ beeindruckend abreißt und ich mich in meine Judgement Night-Zeit zurückversetzt fühle. Chapeau. Außerdem treffe ich überraschend Hannah, eine alte Freundin wieder, darf mit dem freundlichen Monstersfan Björn ein Selfie machen und kehre emotional gestärkt in den Backstage zurück. Hier sitzen die Kollegen ausgelassen beisammen, trinken Weinschorle und wirken ein bißchen wie Tick, Trick und Track in ihrer Adoleszenzerstbegehung. Es wird viel gelacht und geulkt, Labörnski, Fred und Pensen haben eine Setliste erstellt, die mir bedingt schlüssig erscheint, und weil ich heute noch nichts zum Geschehen beigetragen habe, vervielfältige ich sie, bevor ich mich im Cateringzelt an diesen ersten Teil des Konzertberichts setze, während die fleißige Crew das Büffet beständig aufstockt. Dass Wetter ist top, die Bands sind energetisch, das Publikum ist ausgelassen. Um 16:30 Uhr haben wir unseren Soundcheck, nachdem wir Stagemanager Björn mit der Info erfreuen konnten, dass wir weder eigenes Schlagzeug, noch das Set des Festivals benötigen. Dass in diesem Dialog seit langem erstmals wieder der traditionelle Begriff „Schießbude“ fällt, macht mich „Jungens von Burg Schreckenstein“-Leser glücklich.
Unser Konzert beginnt pünktlich um 17:20 Uhr, und das, obwohl ich dachte, wir seien erst um 17:30 Uhr dran. Wir spielen 45 Minuten, die wie ein einziger Rausch sind. Der Platz ist voll, die Menschen sind euphorisch, laut, lächelnd und herzlich. Eine Dame crowdsurft wohlbehalten im Rollstuhl, eine Gruppe Sombreroträger tanzt Polonaise, bevor sie eine Cheerleaderpyramide bilden, zwischenzeitlich bildet sich gar eine Sitzrudererbelegschaft im Moshpit. Es macht einen unglaublichen Spaß, die Energie des Publikums übeträgt sich auf uns und wir geben sie wieder zurück. Ein Rockperpetuum Mobile. Zu „Prädikat Punk“ breiten ein paar Menschen in der Audienz eine „Fck AfD“-Fahne aus, also holen wir sie spomtan auf die Bühne, dankbar, dass es soviele stabile Menschen gibt. Niklas und Tim haben uns einen schönen Sound gemischt und wir schwelgen freudvoll und begeistert. Einziges Manko: Es ist zu kurz. Von uns aus hätten wir ewig weiterspielen können. Andererseits wären wir dann nicht in den Genuss des famosen Rantanplan-Auftritts nach uns gekommen, den vor allem Labörnski und ich tobend und pogend vor der Bühne genießen, während wir viele erfreuliche Bekanntschaften machen. Ein Fest, das alles.
Zurück hinter der Bühne haben es leider plötzlich alle Monsters eilig, ins Hotel zu kommen, mir ist das aber zu früh, um unser letztes Festival zu beenden, wer weiß schließlich, ob es nochmal dazu kommen wird. Außerdem will ich endlich mal wieder ein bißchen mit Torben quatschen, zu lange haben wir uns nicht mehr getroffen. Also bleibe ich, helfe Rantanplan ein wenig beim Abbau, erfreulicherweise ausnahmsweise mal, ohne dabei was kaputt zu machen, außerdem ist Carmen samt Spross Rio vor Ort, der voller Energie den Laden am Laufen hält, und wir machen uns kollektiv Klebetattos, dank Michelle vom Team, die Schere, Schwamm und Motivation griffbereit hat.
Vor Freude vergesse ich zu essen, aber das macht nichts, es ist ein buntes Miteinander auf dem Pell Mell, Steffi vom Team hat Fragen zu Wassermelonen, die meine Kompetenz übersteigen, aber das tut ja eh fast alles. Es ist wunderschön und herzlich, ich trinke noch ein Bier mit Torben, Eva und Co, trotzdem ist es gar nicht so spät, als Carmen, Rio und ich von Holger lieberweise heimgeshuttelt werden, da wir im selben Hotel nächtigen. Im Innenhof ist noch Party, wir hören aber lieber noch etwas Mauli, Edgar Wasser, Timelapse, Pogues und Hard Ons und tauschen uns über die unbekannten Neuigkeiten und Nostalgiestories aus, bevor wir gegen halb eins das Ende des Abends einläuten, uns voneinander verabschieden und ich schlussendlich zu den Klängen von Maulis wunderbaren Album „Cinepop“ in eine Traumwelt voller Stofftiere reise.
Die Nacht wird kurz, und alles, was folgt, ist Sonntag, aber das ist eine Geschichte, die kein andermal erzählt werden wird.
Liebes Pell Mell, es war ein uns Ehre und Freude und ihr habt da ein wirklich ganz zauberhaftes Festival erschaffen. Ein Hoch auf eure 20 Jahre und ein sechsfach gedrückter Daumen, dass es nach eurer Pause 2027 mit frischer Energie und genügend Rückhalt weitergehen wird. Wir sehen uns indes aber hoffentlich alle bereits auf unserer November-Clubtour wieder, um nahtlos an die heutige Ekstase anzuknüpfen.