von: Totte

Die Zeit ist ein Greifvogel auf Beuteflug. Nun feiert das Pack schon zwanzigjähriges Bestehen. Ein wildes Rockkarussell voller Hits, und nun ist auch Timmey wieder zurückgekehrt, womit ein weiteres Puzzlestück der Bandgeschichte sich wieder eingefügt hat. Herrlich. Ich bin bereits am frühen Morgen unterwegs, denn ich will Blätterteigschnecken mit Spinat fürs Publikum backen, bin aber gestern Nacht erst wieder aus Erfurt heimgekehrt. Der Pennymarkt strahlt hollywoodeske Hallooween-Darkness aus, und ich überlege kurz, ob ich diesmal wirklich die Zombieapokalypse verschlafen habe, aber dann fällt mir ein, dass heute ja auch noch unter anderem Reformationstag gefeiert wird, zumindest in Hamburg, denn nirgends sonst feiert man den, ausgenommen auf Social Media, wo ständig mäkelige Traditionalisten an diesem Tag gegen Halloween wettern, mit der Begründung, es sei schließlich Reformationstag. Aber lassen wir die Kirche ruhig im Dorf, denn in der Stadt gibt’s zum Glück noch einen Edeka, der heute geöffnet hat. Er befindet sich in der Wandelhalle am HBF, und ich eile per pedes und Bahn schweißgebadet hin,durch den völlig überfüllten Laden und finde tatsächlich alles, was ich brauche.

Wieder daheim, geht’s langsam ans Werk, und da ich es als multimedialer Profilneurotiker natürlich gefilmt habe, springe ich über Dusche und Anfahrt direkt ins LOGO. Hier versammelt sich eine unglaublich illustre Schar dufter Protagonisten, denn wenn das Pack ruft, eilen gerne alle, und das beschränkt sich nicht nur auf die Bühnenakteure, sondern gilt asuch für das werte Publikum. Es ist ein Familienfest, und jetzt Namen hervorzuheben, würde bedeuten, andere zu vergessen, darum fühlt euch alle herzlich umarmt und bedankt. Es gibt „Timmey“ und „Pensen“-Schilder, Seifenblasen und Bulliullis selbstgenmachten Eierlikör, und mir ist schon vor Startschuss ganz flatterig feierlich zumute. Der Backstage ist genauso voll wie der Club, um 17:15 Uhr startet KT Clue den Reign, besingt Bäume, Benny und changiert gewohnt superb zwischen Pop und Avantgarde, dass wir für seine Sprachneologismen kurzerhand den Begriff „helgisch“ erfinden. Heute drückt die Zeit aufgrund qualitativer Kunstmasse, darum reichen einnander heute alle quasi die Klinke in die Hand. Batzen aus Goslar spielen als zweites und das LOGO brodelt angesichts der farbenfrohen Funpunkportion, wobei ich besonders beeindruckt von Timmeys Moderationsfähigkeiten bin, die er neben seiner Funktion als Batzenbassist glänzend erfüllt.

Wir sind als nächste Kapelle dran und mir zieht sich unser Umbau zu sehr hin, vielleicht ists die Aufregung, vielleicht habe ich aber auch recht, denn die Uhr tickt erbarmungslos. Um Zeit zu sparen, verteile ich unsere Backwaren bereits vor der Show, und da ich als letzter soundchecke, behaupte ich einfach, das sei jetzt auch der Konmzertbeginn, und etwas kantig legt das Monsterschiff ab. Es macht aber großen Spaß, auch wenn wir etwas neben uns stehen, so schlittern ein paar Akkorde bei Cola Korn in ungeahnte Höhen, Burger macht bei Wasserturm lieber einen Spaziergang vor meiner Nase und ich freestyle völligen Unsinn, weil mir bei Türen einfällt, dass heute ja auch tatsächlich das Bo vor Ort ist. Wir werden allerdings sehr liebevoll gefeiert, sind aber auch viel zu schnell und haben somit noch Zeit für ein paar spontane Zusatzlieder. Was für ein Fest.

Im Anschluss kann man mich mit offenen Mund begeistert das Bo und Schmiddl feiern sehen, denn das ist alles dermaßen eloquent, lässig und energiegeladen, dass mir die Spucke wegbleibt. Nun habe ich ihn schon mehrmals mit Fünf Sternen deluxe live erleben dürfen, aber auch seine Soloalben, besonders „Best of Alleine“ begleiten mich nun schon über viele Zeitzonen meines Daseins, und ihn hier und heute auf einer sozusagen gemeinsamen Show zu erleben, bringt in mir etwas zum kollabieren, ich bin fast überfordert vor Freude. Hernach strahlen selbstredend Le Fly und zaubern Ekstase in den Raum, und bei Das Pack glüht die Luft, und alles kulminiert in überschwänglicher Euphorie. Es ist eine rauschende Ballnacht, ein Knallbonbon von grandioser Wucht, und alles glänzt in bunten Farben. Verzeiht mir die recht knappe Abhandlung, ich habe in der Zwischenzeit mit lieben Menschen ein paar ominöse Schnäpse getrunken, was meine Wahrnehmung etwas verflüssigt haben mag. Zudem moniert ein junger Herr, dass ich den Somg „Wasserturm“ gespielt hat, denn der sei mies, was mich zugegebenerweise etwas ratlos zurücklässt, denn ich werde nur selten mit einer Jukebox verwechselt, aber was solls? Manchen Menschen ist es nun mal ein Bedürfnis, anderen zu sagen, dass sie dick, alt, müde oder sonstwie schlecht aussehen, hier gabs eben mal die musische Version davon.

Den Spirit der Festivität kann das nicht schmälern. Wir feiern nach den Konzerten noch eine Weile weiter, dann entscheiden ein paar FreundInnen und ich spontan, den Abend noch in einer Kneipe ausklingen zu lassen. Leider eine dumme Idee, ich habe keine Ahnung mehr, wie der Laden heißt, aber er hat derartige Malle-Vibes, dass ich binnen Sekunden in Unglücksstarre verfalle und mich darum lieber unversehens verabschiede, am HBF noch Backwerk hole und dann heimwärts fahre. Mein Kopf sucht sich „Lullaby for London“ als Soundtrack zur Heimfahrt aus, und alles fügt sich wieder zusammen. Es bleibt nur, allen zu danken, dem Club, den Musikern, Nico, Urs, Soelve, den alten und neuen Freund- und WeggefährtInnen, dem Publikum, alle die hier nicht namentlich erwähnt wurden, fraglos ebenso. Happy Birthday, Pack.