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Monsters of Liedermaching

von:

Es ist 1:45 in der Nacht, um 6:15 Uhr klingelt mein Wecker. Wie immer vor Tourstart kann ich nicht schlafen, Rotorblätter zerhäckseln meine Gedanken und lassen sie als Konfetti durch mein Hirn flattern. Laut der Tourtagebücher des leider verstorbenen Ex-Ärztebassisten Hagen Liebing, von dem ich immer dachte, er heiße Hagen Liebling, ist Farin Urlaub ein Mensch der sich stets im eigenen Zentrum befindet, egal, wo er ist und was er tut. Solche Menschen haben es leicht auf Tour, denn sie fühlen sich quasi nie seeelenentkernt. Auch in unserer kleinen Kapelle gibt es solche Kollegen, und ich wünsche mir oft eine dicke Scheibe von ihrer unbegrenzten Selbstsicherheit. Andererseits wünschen sie sich bestimmt irgendwas von mir, zum Beispiel meine dufte MASH-DVD-Sammlung oder sowas. Jetzt gerade hindern mich am Schlaf aber auch primär die Nachbarn unter mir, eine Zeitarbeiter-WG, die oft ihre Belegschaft wechselt. Gerade scheint es sich um Osteuropäer mit viel Lust auf Kartoffelschnaps zu handeln, vielleicht spielen sie aber auch nur eine Szene des Trinkerbestsellers „Die Reise nach Petuschki“ nach, oder sie singen just eine Volksweise oder läuten eine Schlägerei ein. Irgendwann schlafe ich über meinen Überlegungen ein, dann fiept der Wecker und schickt mich auf den Deich zur ersten Joggingrunde seit langem. Eigentlich ists noch zu früh, ich habe erst vor kurzem ein paar Weisheitszähne verabschiedet, aber ich will die Tour nicht ohne Ehrgeiz starten. Sicherheitshalber beschränke ich mich auf eine halbe Stunde, geht ganz gut, dann wird’s auch bald Zeit, zum Lagerraum zu düsen, um Fabi, Labörnski, Pensen und Fred zu begrüßen und den Bus zu beladen, den Fred bereits in frühesten Morgenstunden besorgt hat.

Zur Fahrt gibt’s nicht viel zu erzählen, wir fahren durch den Nebel in die Sonne, tasten uns aneinander ran, tauschen News aus und trinken Kaffee. Frische Mische üben Songs und staufrei erreichen wir die ehrenwerte Musa, wo wir vom Superteam um Karla, Ole und Co so empfangen werden, wie sich Heimat anfühlt. Natürlich ist wieder ein formidables Büffet gezaubert worden, wobei: „Gezaubert“ klingt immer lässig und leicht, doch das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es harte Arbeit ist, die nur durch und dank Leidenschaft und Kompetenz so locker gemacht wirken kann, und unsere Backen wölben sich alsbald freudig kauend, während unsere Augen dankbar leuchten.

Ich will nun doch noch eine kleine zweite Runde laufen, die Strecke kenne ich ja inzwischen, es ist sonnig und frisch und Enten und Erpel kneippkuren in der Leine, derweil kulminiert die zeitgleiche Ankunft von Fred (40 Jahre stolzer Unfallfreier) und Claudio im Sprinter auf der einen Seite und Rüdi im Taxi auf der anderen in einer juvenil kollegialen Faustbegrüßung, leider nur der beiden Autos, an deren Ende dem Taxi jetzt ein Rücklicht fehlt. Zum Glück sind alle entspannt und das offizielle Procedere funktioniert reibungslos, und außerdem ist das fast der erste Unfall seit über 20 Tourjahren, und dann ein derart kleiner, dass er fast die Nacherzählung nicht lohnt. Aber sonst ist eben noch weniger los, alle machen ihren Kram, Burger trifft auch ein und nun ist das Ensemble komplett. Jetzt könnte man eigentlich Soundcheck machen.

Besagter Soundcheck gerät heute erstaunlich ausufernd und konzentriert, wir üben Lieder, stimmen ab, Claudio mixt und optimiert, Merz wäre stolz auf unsere Arbeitsmoral. Davon unabhängiges apropos: Fuck Merz, diesen sehrrechtskonservativen Kapitalismuskasper. Dier Welt benötigt sozialen Linksruck. Zurück zum Soundcheck: Man weiß nie, wie es dann klingt, wenn Leute im Saal sind, aber heute können wir uns vorbereitungsmäßig wirklich nichts vorwerfen. Während Claudio anschließend die famosen Blur als Einlassmusik auflegt, wobei ich aktuell nicht sagen kann, ob das nur ein Blursong ist oder ein ganzes Album, denn ich schreibe diesen Bericht just im Moment, in dem er läuft, genießen die Kollegen bestes Abendessen, ein indisches Opulenzmenu, das ich nur deshalb verschmähe, um nachher auf der Bühne nicht in Döserei zu verfallen. Aber ich weine leise ob der verpassten Möglichkeit, Kunst ist eben oft brotlos. Es läuft übrigens just Weezer. Auch toll. Lange verschmähe ich aber sowieso nicht, denn es duftet zu lecker, immerhin schaffe ich es, mich soweit zu disziplinieren, nur eine Portion zu verschlingen.

Rumms, da ist es 20 Uhr. Kurz zuvor gilt es allerdings rasch noch, die/den FahrerIn des grauen Audis mit dem Kennzeichen Gö**** auszurufen, da jener die Feuerwehreinfahrt zuparkt. Dann aber Monstertourstart:

Der Laden ist ausverkauft, die Menschen sind in bester Stimmung, das Konzert wird ein wilder Ritt durch alle möglichen Zustände. Wir sind energiegeladen, aufgeregt, lustvoll, bescheuert, chaotisch, kraftvoll, verpeilt, liebevoll. Viele Dinge passieren, den Wasserturm muss ich zweimal neu ansetzen, weil ich immer irgendwie durcheinanderkomme, leider ein Problem, dass sich auch bei einigen weiteren meiner Songs heute einschleicht. Ich zerfasere zusehends. Hilfreich aber die spontanen interaktiven Möglichkeiten, die sich uns bieten, wenn Menschen den Raum verlassen, um Getränke zu erstehen oder abzugeben, denn sie müssen gut sichtbar vor der Bühne langlaufen. Wir führen niemanden vor, das ist nicht unsere Art, aber da das Publikum das siebte Monster ist, wird es eben auch oft Teil der Show. Wir freestylen, quatschen, schlagen in dir Seiten, verteilen Bier und tanzen im Sitzen. Das Publikum, darunter auch viele bekannte Gesichter, feiert mit uns den Moment des Daseins, schwelgt zu den Klängen und klatscht, lacht feiert mit uns. Herrlich. Wir merken indes aber auch, dass es noch einigen Optimierungsbedarf bei unserer Setlist gibt, die Songs sind toll, nur die Reihenfolge werden wir noch etwas modifizieren müssen. Aber das ist eben auch das Spannende des ersten Tourkonzerts, alles ist neu und Abenteuer. Die Pause dauert heute auf Bitte des Clubs etwas länger, denn die Schlange vor der Threke ist enorm. Das supporten wir natürlich. Da Deutschland immer weiter Kulturförderungen streicht, muss diese eben durch Suff finanziert werden, was ja auch wieder sehr deutsch ist. Hossa. Die zweite Hälfte des Konzerts legt energietechnisch noch eins drauf. Beim Seefahrerlied indes merken wir überrascht, dass wir die Melodica einzupacken vergessen haben, also bläst Labörnski spontan ein zauberhaftes Mundharmonikasolo, und wir bekommen feuchte Augen zum Abschied, als uns die HörerInnenschaft verabschiedend Standing Ovations schenkt.

Ein Traum, das alles, danke vielmals.

Nach der Show und vielen Gesprächen am Merchtisch, sitzen wir noch ein bisschen mit Markus Stolle, Anna, Sterni, Sandrine, Daniela, Ingmar und den Kollegen von den Kneipenschuldigern im Backstage, aber ehrlich gesagt sind wir Monsters vom Tag viel zu erledigt, um noch wirklich gute Gastgeber zu sein. Etwas bleiern liegen wir mehr, als zu sitzen, glücklich aber erledigt, und sind auch nicht böse, als Fabi zum Busladen ruft. Dann geht alles schnell, Laden, Verabschieden, zum Hotel fahren, Schlaf.

Was wir nicht gemacht haben, war, den Backstageraum so ordentlich zu hinterlassen, wie es sich gehört, was uns leid tut, und wir geloben, das zukünftig wieder besser zu machen, denn das verlangt der Respekt. Was wir auch unbedingt noch machen wollen, ist, uns bei allen zu bedanken, die den Abend so zauberhaft gestaltet haben, dem Musa-Team, unserem Team und euch, liebes Publikum. Lasst uns Familie bleiben. Love.