Faust (ausverkauft), Hannover
29. Nov. 2018

Tourtagebuch

Faust (ausverkauft), Hannover

29. Nov. 2018

von Totte

Ach, Hannover: Wie oft waren wir schon hier? Es ist quasi Heimat und die Verbundenheit ist exorbitant. Das Wetter weckt ebenfall hanseatische Feelings, es regnet und plätschert, als wir ankommen, und Soelve beim Meisterstück zuschauen können, wie er den Nightliner gleich einem Kamel durchs Nadelöhr fädelt? Heißt das so? Also, der Nightliner ist das Kamel, nicht Soelve. Ihr versteht schon: Einfahrt supereng, trotzdem past der Wagen kratzerfrei durch. Hätt ich auch glich so schreiben können.

Aber ich bin eh in einer komisch verdrehten Stimmung, irgendwie gut gelaunt aber ohne Ventil. Ich hüpfe durch den Backstagebereich, begrüße die sehr libevolle Crew, dusche, esse, lauf hin und her und alsbald fahr ich mit Fred zu zwei Interviewterminen: Radio Hannover und Radio Leinehertz. Beides Livesendungen, in beiden spielen wir auch Songs live, beide werden von sehr sympathischen Damen moderiert. Man fühlt sich sehr prominent, hat man zwei solcher Termine nacheinander. Um die Bodenhaftung wiederzugewinnen, fülle ich mit Börnski nach unserer Rückkehr den Kühlschrank auf und entscheide mich für Bühnenbarhocker, damit man uns auch sehen kann, denn der Schock von gestern sitzt noch tief.

Danach kommt schon die KOKS-Familie vorbei, mit wundervollen Geschenken und vielen guten Ideen fürs nächste Jahr, die wir in einer Besprechung rasch erörtern, bevor das Abendessen kommt und wir uns darum kümmern. Der Backstage füllt sich, Subsounds treffen ein und es wird höchste Zeit für unseren traditioellen Startsekt. Um 19 Uhr geht’s heute schon los. Um 22 Uhr werden nämlich sonst die Anwohner bös. Ich finde ja, die sind eh schon bös. Und blöd obendrein, denn diese Art von Denunziantentum schadet letztlich auch der Kultur allgemein.

Aber statt Ärger im Bauch, klopfende Herzen,denn wir werden so wahnsinnig warmherzig und euphorisch empfangen, als wir auf die Bühne klettern, dass uns ganz wirr im Kopfe wird. Es geht direkt voll zur Sache: Die Leute drehen ab und Freds Gitarrre reißt vor Schreck direkt eine Saite. Egal, es wird gefeiert wie nix Gutes. Burger reißt schnell danach aus Solidarität ebenfalls eine Saite und lässt Arme schwingen und die Nordsee beben. Eine riesige Feier ist das. Soviele freudige Augenpaare vor uns, erhobene Hände, strahlende Gesichter. Und doch...irgendwie ist mir das alles nichts so richtig. Ich sehe, wie meine Band vor Rührung zittert, ich spüre die Herzlichkeit, die durch den Raum strömt, ich bekomme das alles mit, aber auch irgendwie eher abwesend, als sei ich gar nicht Teil des Ganzen. Meine Lieder kriege ich heute gespielt, aber mir fehlt heute schlicht das Rückgrat. Meine Ansagen sind lahm oder verquer, bei letzterem kann ich wenigstens lachen, aber insgesamt lässt das Gefühl nicht los, ein mitgebrachter Gast auf einer Privatparty zu sein. Ist natürlich Quatsch, aber sowas kann manchmal auf Tour passieren, andere kennen das auch. Man ist dünnhäutiger und spiralmäßig verzettelt man sich darin, nimmt sogar Technikfehler persönlich und dadurch den Drive aus sich selbst. Aber zurück zur Realität, denn die ist gerade verdammt gut zu uns. Pogo deluxe und erhobene Fäuste, Walchöre, epische Ansagen zum Glockenspel, Dezibelrekorde bei Tiefkühlpizza, Wunderkerzen in der Audienz, sogar ein Adventskalender für mich, das ist schon alles ziemlich herrlich. Selten wurde soviel kollektivgemonstert, da wissen wir gar nicht so recht mit umzugehen, denn das rührt uns wirklich.

Nach dem Konzert ist großes Hurra im Bandkosmos und wir mischen uns schnell unter die Leute, reden viel und freuen uns aneinander.

Im Backstagebereich geht es noch umtrunksmäßig ein bißchen weiter, nicht zu wild, ausgenommen ein Konfettibombenanschlag auf mich, aber wir kehren natürlich nachher noch auf.

Im Bus treffen wir uns alle in unserer Sitzecke, stopfen einen Apfel und hören Musik. Außerdem kichern wir sehr, sehr viel, besonders Börnski und ich fallen in eine Art kindliches Ungestüm zurück, ein wenig Irrsinn in einer wahnsinnig gewordenen Welt. Hannover: viele Berichte gabs über Euch, viele Erlebnisse, viele Eindrücke. Und viel Herzlichkeit. Manchmal doch schön, dass Dinge bleiben, wie sie sind. Vielen Dank und auf bald.

 

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