Im Wizemann, Stuttgart
04. Apr. 2019

Tourtagebuch

Im Wizemann, Stuttgart

04. Apr. 2019

von Totte

Was ist das eigentlich mit dem Wetter? Ich frage das die Kuh Elsa, die seit ein paar Tagen mit mir rumreist, um als Photomodel durchzustarten. Wer das kindisch findet, soll sich mal die Erwachsenen angucken. Wählen Trump und AfD, schreien gegen Greta, wüten gegen Ausländer und wollen unbedingt noch größere Autos. Dann lieber Stoffkuh. Auch Erich Kästner brauchte eine Kuh, um das fliegende Klassenzimmer“ zu schreiben. Allerdings antworten die nie, drum weiß ich auch nun nicht, was das mit dem Wetter ist. Ich weiß nur, dass es regnet und mich nichts aus der Koje bringt. Ich muss auf Toilette, also raus aus der Koje und ab in den Wizemann. Hier ist Fred schon fleißig und insgesamt schon einiges in Betrieb. Die Kaffeemaschine ist eines dieser Teufelsdinger mit Plastikkappe pro Portion, das spare ich mir und geh lieber gleich weiterschlafen. Ich träume von meiner Gitarre, die ich mal in Stuttgart auf Tour gekauft habe, was aber auch keinen großen regionalen Bezug zwischen mir und der Stadt herstellt. Um ehrlivh zu sein: Ich mag die Konzerte sehr gern und habe oft den Eindruck, dass hier insgesamt die Konzertkultur mehr gepflegt wird als anderswo, aber wenn ich tagsüber durch den Stuttgarter Alltag geschlendert bin, ist mir immer wer griesgrämig unfreundlich begegnet. Aber vielleicht treibe ich mich auch nur in den falschen Ecken rum, denn irgendwo müssen js auch die ganzen Superleute sein, die auf die Konzerte kommen. Heute Abend haben wir jedenfalls ein Date mit einer großen Anzahl von ihnen, im bestuhlten Wizemann bei Superlicht und Klang. Und es wird ein irrer Abend:

In der ersten Hälfte treffen wir auf einen vollen Saal großartig mitmachender Menschen, sie lachen und singen und hören gespannt und euphorisch unsere neuen Songs, absolut gut. Es gibt launige Ansagen, ich rede von Horst Hell und Horst Held und Fred wundert sich ob eines schwäbelnden Schwaben. Rüdi bringt Herzen zum Erleuchten und Burger lässt die Hände durch die Lüfte wirbeln.

Wir gehen mit breiten Lächeln in die Pause und bekräftigen einander permanent, wie aufmerksam das Publikum heute ist. Dann kommen wir zurück und starten in die zweite Halbzeit. Es beginnt ähnlich wie Teil eins. Sie hören und freuen sich. Wir singen und freuen uns. Reden viel Nonsense, Frische Mische macht eine dadaistische Zeitgleichmoderation und wir spielen schöne Mischungen aus alt und neu. Aber irgendwas ist in der Pause passiert. Vielleicht war etwas in dem Bier und das beginnt nun zu wirken, denn plötzlich, ab der Mitte der zweiten Hälfte, beginnt Stuttgart am Rad zu drehen. Erst leicht und punktuell, dann immer ausufernder. Und plötzlich bricht's es aus ihnen raus. Sie springen von den Stühlen, rufen Songs und schräge Slogans, tragen einander Huckepack und tanzen in einer Polonaise vor die Bühne. Ein Wahnsinn, ein Gemälde, eine Party im Hause Hieronymus Boschs. Toll. Wir sind baff, schütteln die Köpfe, sind aber auch absolut beeindruckt von den Vorgängen, heizen die Stimmung dann gerne auf und Ansagen und Gitarrenanschläge werden rasant rockiger. Alles tanzt! Ein gesetzter Herr steht neben der Bühne und schaut mich fragend an, ob er jetzt bitte die Bühnentraverse hochklettern kann. Ich rate kopfschüttelnd ab, er lässt es zunächst, probierts dann aber doch, mit sehr mittelmäßigem Erfolg. Die Ballnacht endet rauschend und unter standing Ovations auf beiden Seiten fpüreinander. Wir treffen nach dem Konzert noch auf Lars, dessen Geschichte uns ernsthaft anrührt und den wir an dieser Stelle nochmal winkend die allerbesten Grüße zukommen lassen wollen. Leider gibt es ein kleines Mißverständnis ziwschen Club und uns und plötzlich werden alle aus dem Club gekehrt, weil es „23 Uhr“ ist. Behördenscheiß. Aber eben ein Mißverständnis, keine Bosheit von irgend einer Seite. Trotzdem großes Sorry an alle, die noch gerne eine Unterschrift, ein paar Worte oder einen Handschlag mit uns ausgetauscht hätten. Wir hoffen sehr, wir können das alsbald nachholen.

Die Monsters feiern noch eine ganze Weile im Bus beisammen, es werden große Lieder gehört, Snacks vezehrt und Pinky Brohm rappt freestylemäßig ungeschlagen. Hashtagwurdeangefragt. Da wird was draus. Erst gegen fünfe, Soelve fährt das Koloss bereits seit zwei Stunden souverän über die Straßen, sinkt der Schlaf über unser Gefährt, Ich sag Soelve zum Abschied „Schlaf gut.“ und von dem Hörspiel der Nacht, „John Sinclair“ krieg' ich nur noch das Intro mit. Aber es ist gruselig.

 

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