Tourtagebuch

Kammgarn, Kaiserslautern

05. Nov. 2021

von Rüdi

 

Was zum Geier habe ich gestern eigentlich den ganzen Off-Tag gemacht? Wir mussten das Hotel wechseln – gut - ich war mit Burger und Pensen imbissen - auch gut - und wir haben viel Zeit damit verbracht, endlose Hotelflure zu durchwandern, um eine Zigarette zu rauchen oder uns in unseren Einzelzimmern zu besuchen. Aber sonst? Wirklich nichts?

Mit diesen Gedanken sitze ich mit meinen Mitmonsters im Sprinter auf dem Weg nach Kaiserslautern und komme zu dem Schluss: Stimmt. Der gestrige Tag hat sich offenbar vor Langeweile selbst verschluckt, dafür bin ich aber einigermaßen ausgeruht und auch der Rest der Mannschaft hat sich meines Wissens nach nicht durch die Darmstädter Sehenswürdigkeiten- und Museumslandschaft gearbeitet.

Nach anderthalb Stunden Fahrt und zwei Zigarettenpausen sind wir am Ziel: „Kammgarn“.

Wir erfahren von Andre, unserem heutigen Veranstalter, dass das „Kammgarn“ bis jetzt einigermaßen durch die Krise gekommen ist, was uns sehr freut, denn dieser toll ausgestattete Club bietet seit vielen Jahren für großartige und von uns bewunderte Künstler eine Spielstätte, der aushängende Spielplan zeugt davon, dass das zum Glück auch in den kommenden Monaten und hoffentlich Jahren der Fall sein wird.

Leider ist die uns nicht namentlich bekannte Chefin de la cuisine heute nicht da, ein klitzekleiner Wermutstropfen, denn wir dürfen uns an allerfeinst und liebevoll zubereitetes Essen erinnern, dass uns bei unseren letzten Besuchen hier aufgetischt wurde.

Heute werden es die Riesenräder aus der Pizzeria gegenüber tun und bis dahin dürfen wir uns an der kalten Platte laben, die für uns im Backstage bereit steht.

Urs begibt sich an die Knöpfe der wirklich total fetten Hausanlage, die sogar noch eine extra Beschallung für den oberen Rang hat, der heute tatsächlich genutzt wird, weil wir zum Glück genügend Karten verkauft haben. Ich lass mir ein bisschen sein Werkeln erklären, verliere aber beim ersten Fachbegriff den Faden und beschränke mich darauf, wenigstens keinen Knopf drücken zu wollen. Jedenfalls klingt Steely Dan tierisch auf der Anlage und ich freue mich aufs Konzert.

Beim Soundcheck stellt sich raus, dass mein Gitarrenkabel, dass ich eigentlich in Darmstadt kaputt gemacht habe, plötzlich wieder tut – eines der vielen Rätsel aus der Welt der Technik, das mein Leben durchwabert. Ich kenne technische Probleme, die es nach herrschender Expertenmeinung gar nicht gibt, weil sie schlicht unmöglich sind. Fragt mich mal. Ich gebe euch gerne mein Handy.

 

Aber kommen wir doch lieber zum eigentlichen Anlass unseres Besuchs – dem Konzert.

 

Wir werden sehr freundlich, fast schon euphorisch von dem gut besuchten und quicklebendigen Auditorium begrüßt – sogar „Monsters“-Chöre schallen durch den Vorapplaus – kann losgehen.

Ich habe das erste Wort, das ich nicht ergreife, weil ich von Natur aus eher maulfaul bin, also lasse ich meine Gitarre sprechen, wie es ein kitschiger Kritiker vielleicht beschreiben würde, allerdings nur wenn Eric Clapton auf der Bühne stehen würde.

Heute hört man sogar was von mir, weil wie gesagt das Gitarrenkabel......

Wir hatten im Vorfeld diskutiert, ob das erste Set nicht vielleicht ein wenig zu lang ist und waren einhellig der Meinung, dass das ganz klar der Fall ist, also machen wir es heute länger. An die anderthalb Stunden feiern wir uns wie zwölfjährige zur Pause, die längste „Weltklassemelodie“-Ansage der Welt – natürlich nicht von mir, ich bin mal wieder dabei, mir technische Probleme auszudenken – ist nur einer der Gründe. Nachdem Hang Labinski aus Hangsdorf mit dem Hang Kontakt aufgenommen hat, gibt Fred den aktuelle Tabellenhang des HSV bekannt, und das ist der Anhang einer schier endlosen Hangliste von Quatsch, der den Kollegen durch ihre ausgeschlafene Birne blitzt. Musik gibt’s auch, sehr gute sogar, die wir in der Pause auch fleißig verkaufen – vielen herzlichen Dank noch mal auch dafür.

Das zweite Set läuft tatsächlich ungefähr so ab, wie wir uns das vorgestellt haben, allerdings schleichen sich bei 12Jährigen nun mal ab und zu bei Liedern spontane Pimmelwitze ein, so was passiert, da kann man halt nichts gegen machen.

Dem Publikum scheint das auch ganz recht zu sein, als ich gerade mal nicht so recht weiß, ob das alles noch lustig ist, beobachte ich eine ältere Dame in strengkonservativem Look, die sich vor Lachen schüttelnd die Augen reibt. Ehrlich, liebe Leute – wir lieben euch! Danke, dass Ihr wieder bei uns seid und dass Ihr wieder bei uns seid – in beiden Sinnen dieses Satzes. Wir sind wirklich dankbar für euch.

 

Und dem „Kammgarn“ wünschen wir auch weiterhin immer mindestens eine Handbreit unter Kiel!

 

Im Hotel gibt’s noch Gin Tonic und ein Klavierkonzert von Fred und die coolste Rezeptionistin, die vorstellbar ist.

 

Danke, Kaiserslautern!