Tourtagebuch

78, Hannover

14. Aug. 2021

von der Eine da

Ich schwöre, ich höre den Wetterhahn krähen. Er sagt, es sei Zeit für mich, erwachsen zu werden. „Noch fünf Minuten, Mutti.“ zitiere ich Deichkind, um die Situation zu entkrampfen, aber das bringt nix, der Hahn bläht sich immer weiter auf und pustet plötzlich des Wolfs Häuschen zu den drei kleinen Schweinchen. Das wird sogar ir zu blöd, also entschließe ich mich, eben doch aufzuwachen und mich dem Kater zu stellen. Die Idylle der Gegend und die Freundlichkeit der Hotelier-Familie hilft aber sehr gut gegen Trübnis, ich laufe ein halbes Stündchen hechelnd um einen Berg rum und grüße alle Kühe, danach eine kalte Dusche und Kaffee, Saft und Fred Timm, der erstaunlich fit ist und ohne Umschweife die gestrige PUK-Sache aufnimmt. Dennoch: die O2-Hotline hat nur Roboterstimmen, die wiederholt erklären, dass alles kein Problem sei, man müsse nur die 8000stellige Kennzahl seines Uropas väterlicherseits eingeben, schon könne man an jeder Problemlösung arbeiten. Irgendwann platzt uns die Hutschnur und wir fahren zurück nach Eschwege, wo ich direkt im Laden dieses Supervereins einlaufe. Hier geht aber alles zackzack, nur ein herrlicher Hörer sorgt kurz für Skepsis, als er in den Laden stürmt, um ein paar freundliche „Headliner“-Gesänge zu skandieren. Derbe Aktion, ganz ehrlich, hat mich gefreut.

Zurück beim Hotel sammeln wir die Kollegen ein und dann geht’s weiter nach Hannover, stauumfahrenderweise, wir halten aber auf einen Big King XXL, weil der jetzt auch vegetarisch ist, und ich da einfach nicht nein sagen konnte. Leider sehr lecker. „Wird Zeit, erwachsen zu werden...“ interveniert der Hahn nochmal kurz, aber dann muss er dem Fresskoma weichen...

Hannover, da sind wir! Maschseefest, Fährmannsfest, Faust, Musikzentrum, Pavillon, wir kennen und lieben uns schon lange. Der Club 78, ein Biergarten mit Bühne auf einem Rugbyfeld, sofern ich das richtig verstanden habe, ist indes für alle außer Pensen, der hier bereits mit dem Pack rockte, Neuland. Die Sonne scheint aber, Veranstalter Dirk empfängt uns freundlich entspannt, es gibt Brötchen und Schorle, und Murray, der schottische Supermixer, mischt uns einen brillianten Sound. Das wird ja was. Heute feiert im gleichen Gebäudekomplex ein junges Paar seine Hochzeit, wir teilen unsere Backstageterasse somit mit den Partygästen, klappt aber locker, eher problematisch ein Sportclubspacko, der darauf besteht, dass er jetzt in unserem Backstageraum massiert wird. Wir lassen ihn schließlich herein, weil er nicht aufhört, zu nerven, locken ihn in den Keller, wo wir ihn mit seinen eigenen Trainingssocken in einen Umkleidespind sperren, und hoffentlich sitzt er da heute noch.

Sandrine, Berit, Ingmar, ach, so viele langjährige Monstersbegleiter*innen, sind heute da, aber auch Neulinge, es ist ausverkauft, und nach etwas Trampolin und Sektchen gehen wir auf die Bühne, wo die nächsten Stunden zu einem absoluten highlight für uns werden. Irgendwelche Drogen müssen in der Luft sein, denn so viel gelacht, gequatscht, interagiert, rumgesponnen, haben wir schon lange nicht mehr. Natürlich ist die Hochzeitsfete ein wiederkehrendes Thema, wir besingen das Paar, aber sie sind uns nicht gram, sondern laden uns Monsters anschließend sogar noch zum Mitfeiern ein. Aber auch Hecheln vs. Schnipsen, trauernde Trinker, nicht eingestöppselte Gitarren und vieles mehr, sorgen für Luftschnappmomente bei uns und dem Publikum. Ein absolut fantastischer Abend, dem wir zum Abschied natürlich gerne noch eine Extrazugabe spendieren, weil wir unter standing Ovations hartnäckig zur Bühne zurückgeklatscht werden. Es ist alles so schwer zu beschreiben und klingt oft geheuchelt, aber so ein Abend beweist, dass es doch richtig ist, was wir tun und wofür wir das tun.

Auf die Hochzeit hernach gehen wir dennoch nicht mehr, obwohl wir dort sogar von leuchtend lächelnden Menschen erkannt wurden, die sich sehr herzerweichend über das Überraschungsgemonstere gefreut haben, aber wir sind müde, glücklich, und ausgelaugt, datum gibt es keine lange Feierei mehr, sondern nur noch eine Fahrt ins Hotel. Dazu morgen mehr, bzw. heute schon in meiner brandaktuellen Kolumne im toughmagazine.de

...und morgen wird Hannover schon wieder gemonstert. Ist das alles zu glauben? Ein Wahnsinn, das alles, aber einer der schönsten Wahnsinne, die es gibt. Vielen, vielen Dank.