Tourtagebuch

Markthalle *ausverkauft*, Hamburg

21. Nov. 2009

von Totte

Ach, Hamburg:
Wenn man unsere Hamburgberichte chronologisch zurückverfolgt, und manche tun sowas ja durchaus, wird wohl stets auf Satzbausteine mit der Aussage stoßen, daß es verdammt schwer ist, die Konzerte hier adäquat zu umschreiben. Hamburg ist eben Homezone, und einfach immer emotionaler Overkill: So viele Menschen, die man gut kennt, Freunde, Kollegen, so viele HörerInnen der ersten Stunde, so viel von allem eben.
Hatten wir nun in den letzten zwei Jahren die Fabrik als Austragungsort unserer novemberlichen Präsentationen, versuchzten wir es dieses Jahr gerne mal in der Markthalle, denn zum einen ist der Veranstalter hier Tosh, ein alter Freund und Kupferstecher, zum anderen ist der Saal der Markthalle wie extra für unsere Zwecke gebaut: Keine Säulen im Sichtfeld, sondern ein großer, Amphitheatralischer Saal. Zudem – und auch sowas kann Augen leuchten lassen – hielt hier seinerzeit der große Bukowski seine einzige Deutschlandlesung überhaupt; wer wissen möchte, wie es da aussah, dem sei das Buch „die Ochsentour“ empfohlen, in dem der große C. mit großzügiger Bebilderung die beschwerliche Reise nach Hamburg beschreibt. Also eben Markthalle.
Ziemlich wahnsinnig die Tatsache, daß das Konzert schon im Vorfeld ausverkauft war, schließlich passen hier sehr viele Menschen rein. Man fragt sich doch immer wieder, wie so eine Quatschidee, als Liedermacher eben mal zusammen im Stammtischstil aufzutreten, derartig wachsen konnte: Eine Antwort haben wir immer noch nicht gefunden, drum belassen wir es an dieser Stelle einfach mal bei einem begeisterten „Wow“.
Bevor wir in der Markthalle auflaufen, gibt es allerdings noch einiges zu tun:
Von Hildesheim gen Hamburg ab Mittag, da wir in der Casa del Flottbek nioch das Merchandise für die kommenden zehn Tage in den Bus packen müssen – was sich als derart nervend herausstellt, daß die Mundwinkel aller gen Erdmittelpunkt sacken. Die Kartons, die wir zum Bus tragen werden und werden nicht weniger, irgendwann ist der Bus zwar voll, aber noch kein Monster drin und es steht immer noch zuviel Kartonage vor dem Auto. Also alles ausladen und neu ordnen: Let’s play tetris with the bus!
Da - so wie die Sache jetzt aussieht, immer noch nicht alle ins Auto passen, nimmt Börnski kurzerhand ein Taxi, was insofern nicht schlimm ist, da er eh noch daheim bei seinen Lieben vorbeischauen wollte. Wir anderen fahren noch über den Baumarkt, um Leuchtkram zu kaufen, und an dieser Stelle sei jedem empfohlen, eilige Baumarektgeschäfte nicht unbedingt an einem Samstag zu erledigen. Keineswegs eine neue Erkenntnis, doch bei unserer hohen Vergeßlichkeitsrate überrumpeln uns auch älteste Weisheiten. Mann, nervt just alles!
Erst die Ankunft in der Markthalle steigert unsere Laune immens: Der Saal sieht einfach toll aus, Tosh und die Crew sind eben supernett und der Backstageraum ist derart freundschaftlich liebevoll für uns hergerichtet, daß die Herzen köcheln!
Zu großen Freude ist auch Claudio heute vor Ort, der im Wechsel mit Urs unsere Konzerte klingen läßt. Für today hat er spontan zugesagt, unseren Monitorsound zu betreuen (damit wir uns auch gut hören können) – sehr dufte, denn dann sind wir heute alle acht komplett.
Ich schnappe mir einen Kaffee und bestaune die Bühne, auf der – zwischen Lampe und Palme ein Verstärkerturm thront, „wasollndas?“ denk ich mir, finde aber gleich darauf heraus, das es sich dabei um einen rollbaren Kühlschrank handelt – cool, Kuhlschrank in schwarz mit Rollen. That’s Rockenroll!
Da ich nichts zu tun habe, spaziere ich etwas durch die Clubräume, im benachbarten Marx spielen heute ebenfalls Bands, die gerade eintrudeln, im Foyer steht Burger mit panischem Blick vor den geschätzten 2 000 000 Merch-Kartons und murmelt mantramäßig: „daskriegichniesortiertniemalswosollichanfangen...“ vor sich her. Da das nach Arbeit aussieht, flüchte ich heimlich und lese etwas Neon, mache eine Nasenspülung mit Meersalz, rauche zuviel und weiß auch nicht recht weiter.
Ach ja, zum Merch: Da wir wieder mal im Vorfeld etwas desorganisiert waren, fanden wir erst heute mittag raus, daß uns ein Verkäufer für heute total fehlt. Doch glücklicherweise gibt es ja noch den Bürgermeister von Kartetov, Timmey himself, der – außer ein klasse Typ zu sein – auch noch über die Gaben Freestylerap und Merchverkaufstalent verfügt. Nicht minder begabt und sympathisch seine Herzensdame Sabrina, Wie klasse die beiden sind, beweist folgendes: Zwar sind sie zur Zeit unseres Hilfeanrufs noch in Stuttgart, machen sich aber gleich auf den Weg, um Monsters zu retten. Geiler geht kaum!
Neben dem Merchstand gibt es heute auch einen Stand der Aktion „Kinderhospitz Sternbrücke“ sehr gute Sache, wer gerne helfen möchte, dem sei diese Seite empfohlen: sternenbruecke.de
Jawohl, how nice, der Soundcheck läuft, alles klappt, und besonders erfreulich dann die Ankunft von Freund und Kollege Götz Widmann und Freundin Fabia, denn der Godfather of Liedermaching hat sich netterweise bereit erklärt, uns heute als Spezialgast zu supporten. Das ist ziemlich zauberhaft.
Zum Einlaß und all dem damit veerbundenen Gefühlskuddelmuddel möchte ich gar nichts sagen, allein, der Anblick ist atemberaubend!
Vieleviele Menschen, vieleviele Freunde auch darunter, es ist der Wahnsinn. Sofort bekomme ich Magenkrämpfe vor Nervosität, doch Urs ist der Immodium-Dealer meines Vertrauens und hat Hilfe parat.
20:50 Uhr: Götz entert die Bühne und hat augenblicklich alle in den Bann gezogen – er spielt eine hervorragende Mischung aus alten Hits und neuen Perlen – selbstverständlich wird er gebührend gefeiert. Wahnsinnssache!
Dann Monsters:
Ohne Worte! Unfaßbar! Denkt Euch an dieser Stelle bitte einen langen Reigen euphorischer Superlativen, denn es ist einfach alles traumhaft. Der Anblick ist einfach umwerfend, die ganzen lachenden Gesichter, der Mitmachpegel, die Stimmung. Burger wird im Anschluß sagen, trotz der Menge hätte sich das Konzert wie ein familiäres Clubkonzert angefühlt, womit er gar nicht so falsch liegt, denn wir sind auf der Bühne tatsächlich unverkrampfter als von uns selbst befürchtet.
Hamburg macht es uns aber auch wirklich leicht, sich gut zu fühlen – wir werden von Sympathiewogen getragen und geschaukelt, da machen wir gerne mit und schunkeln, prosten und albern rum, es ist einfach grandios.
Absolute Premiere: Bei Nordsee fliegt ein Stofftier auf die Bühne, aber ein schönes, kein Boybandscheiß, denn unser Publikum hat Stil.
Ich kann gar keine einzelne Höhepunkte auswählen, obs Börnskis Hochzeitsredensong, Pensens Solo beim Komponisten, der Sitzpogo oder der letzte Zugabenteil, heute hübsch chaotisch verlängert mit einem Götz-Zusatzpart, es ist einfach in seiner Gesamtheit toll!
Vielen Dank Hamburg, vielen, vielen Dank!
Nach dem Konzert sind unsere Augen feucht und die Mundwinkel weitestmöglich gen Stirn gezogen, Umarmungen, Umarmungen, Schulterklopfen, viele Gespräche mit vielen Menschen im Foyer, im Backstage, es könnte eine lange Party werden. Aber nein, heute noch müssen wir aus Termingründen weiter Richtung Köln fahren, was definitiv ein Wermutstropfen dieses gelungenen Cocktails ist. Aber man kann ja nicht alles haben. Hamburg, you rule! Aber sowas von!

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