Tourtagebuch

Malzhaus, Plauen

27. Feb. 2010

von Totte

Die Dresdener Nacht war so lang, daß wir hier mal die Vokalzahl des Wortes “Lang“ um ein paar A’s in Gedanken erweitern können.
Aufnahmesession galore, sozusagen, und ale machten mit. Sogar Teddypard zwiebelte ein paar Zeilen dazu, weshalb er sich heute kaum einkriegt. Kann aber auch am Antilopenbier gelegen haben, ganz schön zerschossen ist der Kerl.
Wir befinden uns jetzt neun Tage auf Tour, meine Reisetasche ist drum vor allem mit Schmutzwäsche angefüllt, unter der sich die letzten sauberen Socken nur schwer finden lassen. Kommunenmäßige Situation in der Künstlerwohnung, i like it. Alles pendelt zwischen entspannt und müde.
Draußen strahlender Sonnenschein, ich gehe Brötchen holen, denn heute findet ein Frühstück unserer Verlosungsaktion statt. Der Gewinner Martin wohnt in einer sehr schönen Altbaufünfer-WG, zwei Mitbewohner sind heute ebenfalls am Start. Tobi und Jenny heißen sie und sind ebenfalls sehr nett. Das Frühstück gestaltet sich enorm gemütlich, schade, daß wir so zeitig aufbrechen müssen, um Plauen zu befahren.
Auf der Fahrt endlich die Slash-Biographie fertig gelesen, na ja, um ehrlich zu sein, ich hätte schon gerade Lust auf „Sweet Child o mine“ und lange Haare. Allerdings ödet mich die permanente Rutscherei zwischen Größenwahn und Pseudobescheidenheit. („Ich brauch nur einen Jack Daniels und meine Gitarre“... „jeden Abend wurde eine Thememnparty gegeben, um Metallica zu imponieren“) doch eher an. Wenn Musiker sich permanent vor Augen halten müssen, wie unfaßbar wichtig sie für die Welt sind, verdrehe ich genervt die Augen, denn so notwendig Musik zur Verschönerung ist, so unbedingt sollte man doch wissen, daß es genügend andere Berufungen gibt, die in ihrer Wichtigkeit das Rumklampfen locker übertreffen.
That’s enough pathos for today.
Im Plauener Malzhaus werden wir vom Team um Ute so freundlich empfangen, wie wir es schon die letzten Male genießen durften, das letztjährige Konzert hier war eines unserer schönsten, und man kann sich Hoffnungen auf Resonanz machen. Tatsächlich lief der Vorverkauf so gut, daß unser Konzert vom Keller in die Galerie verlegt wurde. Hier ist ein gäzlich anderes Ambiente,m während im Keller der Rock dominiert, herrscht hier eher eine konzentrierte Kleinkunstatmosphäre. Warum nicht? Sowas macht immer wieder Laune, wenn man zwischen den Rockevents auch mal wieder mehr Richtung Ursprungsliedermaching geht.
Wir bauen auf und genießen das hervorragende Essen, vegetarische Kohlrouladen, mhmm, allerdings stellt sich dieses Gericht etwas teuflisch hinsichtlich der Bühnensituation dar, denn mein kohlbedingtes Gebölke wird später nur schwer zu vertuschen sein.
Der Club füllt sich mit über 300 Menschen extrem gut, darunter auch viele Menschen, die uns beim Rudolstädter TFF gesehen haben und hier ihre Monsterclubshowpremiere feiern.
Für uns immer eine spannende Sache, Menschen erstmalig zu bespielen. So sehen wir heute im Verlaufe des Abends auch in viele zunächst skeptische Gesichter, die erst nach einer Weile auftauen. Wie es für derartige Räumlichkeiten normal isz, liegt der Mitmachpegel naturgegeben nicht so hoch wie in Rockschuppen, dazu ist dann die Gesamtszenerie zu seriös. Andererseits ist dafür die Aufmerksamkeitspanne ungleich höher, so das gerade ruhige Lieder und Ansagen sehr konzentriert aufgenommen werden. Der Lichtchef heute ist auf Zack und schaltet schnell, so bekommen wir bei Weltklassemelodie eine wunderbare Stimmung mit herzerweichenden Wunderkerzeneinlagen.
Man muß dazu sagen, daß in der Galerie auch eine Empore über den ganzen Raum führt, so daß von allen Seiten auf zwei Ebenen Menschen auf uns schauen. Beeindruckend, allerdings ist die Ebene aufgrund der Rahmenbedingungen im dunkeln, die andere Möglichkeit wäre Neonlicht im Bahnhofsstyle, wir hoffen, Ihr versteht, daß das wirklich nicht schön gewesen wäre. Allein stimmungsmäßig.
Apropos stimmungsmäßig: Die Stimmung ist super, und wir sind ziemlich verdeht unterwegs. Vielerlei Albernheiten, quatschiges Kollegengedisse und launige Ansagen bestimmen den Abend. Es gibt solche Abende, wo das Hirn sich zurückhält und das Sprachzentrum die Oberhand gewinnt. So entstehen spontane Momente, die nicht immer perfekt getimed sind, aber wer eine sterile Programmabspulung erwartet, ist eben besser bei Kabarettisten aufgehoben. Wir waren schon immer Ärztefans und gerade der alberne Umgang mit der Konzertsituation macht uns eben verdammt viel Spaß.
Eine ernste Ansage gibt es aber auch, auf die wir hier noich einmal verweisen möchten. Sachsen plant Kürzungen in Sachen Jugendarbeit, ein Beispiel, das Schule machen könnte, wenn man nichts dagegen unternimmt. Definitiv schlimm und nicht tolerierbar. Gerade Jugendarbeit muß enorm gestützt werden, wie bitteschön soll denn sonst überhaupt ein sozial funktionstüchtiges Netz für die Zukunft gewoben werden können. Die Möglichkeit, sich darüber zu informieren und dagegen zu protestieren gibt es auf: jugendring-sachsen.de Bitte macht mit!

Mit hats leider inzwischen meinen linken Zeigefinger komplett aufgerissen, was bei meiner Spieltechnik so wenig verwunderlich wie aber auch sehr problematisch ist. Eher halbkraftmäßig schlag ich aufs Holz und verwechsel dabei die Strophen bei Zwerge. Aber das ist wirklich nur ein Miniproblem, denn das Konzert macht furchtbar viel Spaß und wir lachen derartig viel, daß uns die Tränen aus den Augen kullern.
Das Publikum ist sehr down mit uns und wir bejommen gar Standing Ovations zum Ende. Eher nervig nur der Herr, der sich vor die erste Reihe stellt und allen hinter ihm die Sicht raubt. Er gebärdet sich platzhirschmäßig unangenehm und läßt sich weder durch freundliches Bitten noch von Beschwerden der Menschen hinter ihm dazu bewegen, sich auf den freien Stuhl zu setzen, der gleich neben ihm steht. Derart unsoziales Verhalten nervt und Fred geht letztlich die Hutschnur hoch. Ich schreibe das hier, um das kurze Verbalgerangel für alle zu erklären, die sich womöglich gewundert haben, was denn da vor dem letzten Lied diskutiert wurde.
Das kann unser Glück nicht trüben. Diese Tour ist toll, dieser Abend ist toll, Monster sein ist ein Wahnsinnsprivileg. Das Makzhaus ist toll und wir kommen sehr gerne wieder!
Nach dem Konzert sitzen wir noch in trauter Runde mit den Dresdener Frühstücksgewinnern, die wir kurzerhand heute nach Plauen eingeladen haben, und rauchen um die Wette. Wer gewonnen hat, weiß ich nicht, ich weiß nur, daß wir Monsters uns später im Mc Donalds einfinden und mit unseren epischen Bestellungen die arme Bedienung wohl ganz schön genervt haben. Das wäre dann wohl unsere Art von Rockklischee-Fete. Ein Fischmac mit Barbecuesoße.

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