Tourtagebuch

Kammgarn, Kaiserslautern

15. Nov. 2011

von Rüdi

5. Tag

Burger war schon mal mit den „Schröders“ in Kaiserslautern und damals sogar in der „Kammgarn“. Da haben die aber alles richtig gemacht! Denn das „Kammgarn“ ist toll. Wir sind – heute läufts mal so rum – vom großen in den kleinen Saal verlegt worden. Das ist uns sehr recht, denn wie gesagt, waren wir noch niemals hier und deswegen haben wir auch im großen Saal nichts zu suchen. Es ist ein Dienstag in der Fremde und wir hören mit einem beruhigten Gefühl, daß sich trotzdem schon rund 140 Leute angemeldet haben, um uns kennen zu lernen. Vielleicht werden es ja noch mehr, vielleicht hört ja der ein oder andere „Antenne Kaiserslautern“, einen Radiosender, der uns in seine Nachmittagssendung eingeladen hat, um ein bisschen über uns zu erzählen und „Heidi und Seal“ zu spielen. Totte und ich wollen da hin und einen guten Eindruck machen. Wenn aber nicht bald das verdammte Taxi kommt, dann machen wir überhaupt gar keinen Eindruck. Wir sind gerade dabei, uns in worst-case-Szenarien hineinzusteigern, da biegt es um die Ecke. Alles wird gut.
Wir werden von der Moderatorin Sarah in Empfang genommen, die eine tolle Stimme hat und die ziemlich gut so tun kann, als würde sie sich über unser Erscheinen freuen. Derweil sehe ich der Sache ein wenig angstvoll entgegen und bin mit inneren Fragen beschäftigt wie: „Was antworte ich, wenn sie mich fragt, was wir für Musik machen, wer wir sind und warum und überhaupt?“ Ich bin verbal nicht der schnellst treffende und daher beschließe ich für mich folgende Taktik: Ich gebe den mysteriösen Schweiger im Hintergrund und überlasse Totte das Reden. Eine überraschende und vollkommen ungewöhnliche Taktik für eine Radiosendung. Aber ich ziehe es durch.
Dann allerdings – im zweiten Gespräch – bin ich doch dran. Ich nehme all meinen Mut zusammen, will mich gerade zu „Heidi und Seal“ äußern, schließlich hört ja die ganze Welt zu, da klingelt mein Handy und ich verbringe die Ansage damit, mein nervig und immer lauter werdendes Handy aus der Hosentasche zu fischen und die Anruferin wegzudrücken. So schaffe ich es tatsächlich, in der ganzen Sendung lediglich mit einem furchtbaren Klingelton und zweimal Kichern in Erscheinung zu treten. Und einem Lied immerhin.

Auf der Rückfahrt fragt uns dann auch prompt der Taxifahrer, ob wir das eben gewesen seien im Radio. Für den Bruchteil einer Sekunde denke ich: „Wir habens geschafft!“ Jetzt kennt uns jeder. Als wir aus dem Auto steigen, treffen wir vollkommen zufällig Fans. „Tolle Sendung!“ Für einen jetzt schon etwas längeren Bruchteil einer Sekunde denke ich: „Wir habens geschafft!“ Da ich aber nun mal sowieso nicht weiß, wann man es geschafft hat und was denn überhaupt, nehme ich es zumindest als ein kleines Highlight des Tages hin.

Das eigentliche Superlativ des Tages erscheint dann in Form einer „kleinen Pizza“ im „Milano“. Burger wollte eine „große Pizza“ mitgebracht bekommen, aber als wir unsere kleinen Pizzen bekommen, bestellen wir seine eiligst in eine kleine um, weil wir nicht genau wissen, ob wir die große zu sechst getragen kriegen. 40000 Amerikaner leben in Kaiserslautern und wenn die alle big thinken, ist das wahrscheinlich ihr Kult-Italiener. Jedenfalls passt die kleine Pizza weder vollständig auf die Riesenteller noch vollständig in unsere Mägen. Es geht einfach nicht.

Aber wir versuchen es.

Jetzt schlafen!

Ach nee! Konzert! Die ersten Lieder lang schleppen wir die Pizza mit durch unser Programm. Die neue Sitzordnung – wir losen seit ein paar Tagen unsere Platznummern aus – der neue Club, die neue Stadt...wir sind ein bisschen schüchtern heute. Ich sitze im Zentrum auf Burgers Platz und mache mir Gedanken darüber, ob ich jetzt anders agieren muss, als auf meinem Stammplatz ganz außen. Burger dagegen, der immer im optischen Mittelpunkt sitzt, hat heute den Platz hinter der Säule gezogen. Jeder muss erst mal ein bisschen klar kommen und so dauert es ein paar Songs lang, bis wir richtig zu Potte kommen. Sehr erbaulich ist dabei zum Beispiel ein schöner Assi-Chor (im positiven Sinne) wie bei „Als der Staat gewann“. Und es ist auch schön zu sehen, daß die verschiedensten Alterssemester zu unserem Konzert gekommen sind und – a propos – sogar einen Studenten können wir in unseren Reihen begrüßen, der auch selbst erschrickt, als er feststellt, waß er ganz alleine ist. Dazu offenbar viele Erstbesucher, Zugereiste und Festivalgänger. Eine schöne Mischung, für die wir nach der Pause gerne ein bisschen mehr Gas geben wollen.
So geschieht´s.
Ab jetzt erleben wir einen stimmigen Kennenlernabend, der die Herzen der Anwesenden füreinander schlagen lernen lässt. Wir geniessen die erstaunten Gesichter der Neulinge bei der ein oder anderen Zeile, die Choreographien der Insider und die wache Kreativität aller zum Beispiel bei „Moti“. Die Balladen kommen zur Geltung, weil sie in Ruhe gespielt werden können und die offensiveren Lieder werden getanzt und abgefeiert, als wären wir im Stadion. Alles geht. Das Publikum ist zauberhaft, wir sind auch nicht schlecht und der Dienstag ist ein Feiertag.

Wir fühlen uns gut hier. Der Club ist richtig, die Leute sind richtig- hier sind wir richtig. Burger hat vor dem Konzert schon eine Ankündigung gemacht. „Ich war schon häufiger hier und hatte hier immer einen super Abend.“

So auch heute!

Danke „Kammgarn“!

Morgen Stuttgart.

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