Tourtagebuch

Forum, Bielefeld

16. Nov. 2012

von Rüdi

Während ich den „Spiegel“ lese, füllt sich der Zugwagon mit Bananen- und Wurstgeruch. Ich blicke auf und sehe, wie mein Gegenüber sich am Tisch seinen Platz mit drei Plastikschälchen drapiert hat. In einem befindet sich ein Leberwurstbrot, im nächsten ein Obstallerlei und im dritten ein fein kalkuliertes Maß an Hafer- und Vollkornflocken. Dazu kramt er einen Joghurt aus einer Plastiktüte und in eine Serviette eingerolltes Besteck. Fein säuberlich rollt er das Besteck aus dem Papier und beginnt das Obst auf der ausgebreiteten Serviette in kleine Stücke zu zerschneiden.
Hinter mir telefoniert ein Mädchen mit ihrer Freundin, die gestern mit Basti unterwegs war und jetzt seine Telefonnummer hat. Jetzt ist es gaaaaaanz furchtbar wichtig, dass sie ihm eine sms schreibt und auf gaaaaar keinen Fall ihn anruft, weil das wäre zu früh, weil so eine sms ist schon mal eine Interessenbekundung, aber nicht so offiziell, wie ein Anruf.
Mein Gegenüber har derweil begonnen, seine klein geschnittenen Obststücke in das Trockenfutterschälchen zu kippen und die Banane mit dem mitgebrachten Löffel feinsäuberlich kleinzumantschen. Mit der Freude eines Genußmenschen übergießt er seine Gesundheitspampe mit dem mitgebrachten Joghurt und schraubt sich eine Thermosflasche auf, in deren Deckel er Kräutertee kippt. Das alles geschieht mit einer derartigen faszinierenden Hingabe, dass ich mich kaum auf das Gespräch hinter mir konzentrieren kann.
Es ist nämlich so, dass Basti – übrigens ein süßer Junge, wie beide Mädels finden – schon mal mit einer anderen Freundin von den beiden Mädels aus war und da wurde das auch nichts mit den beiden und jetzt wissen sie halt nicht, wie man mit Basti am besten umgehen soll. Aber wie gesagt, wäre eine sms sicher erst mal nicht schlecht...
Mein Gegenüber leckt das Messer sauber und wischt es mit dem noch trockenen Teil der Serviette ab, danach rollt er es in die Plastiktüte zurück und verstaut sie in seinem Rucksack. „Herrlich, so ein Bananen-Früchte-Müsli-Pamp!“- denkt er sich und haut jetzt endlich richtig rein. Vor dem Schlucken 30 mal Kauen nicht vergessen.


.....


Ich brauche dringend Rock´n´Roll!
„Wann bin ich endlich in Bielefeld?“ – denke ich mir.
Es ist mehr Flucht als Hunger, was mich in den Speisewagen treibt. Aber als ich zurückkehre, sind die beiden verschwunden.
Dafür sitzt jetzt Franz Müntefering auf meinem Platz. Er liest ein vergilbtes Buch, in dem er mit einem Kuli herumkritzelt und trägt dazu seinen berühmten roten Schal und seine sensationellen Augenbrauen. Ich nehme neben ihm Platz und gönne ihm das Gefühl, nicht von mir erkannt zu werden. Ein angenehmer Sitznachbar, allerdings leider auch er absolut rock´n´roll-frei.

Wann kommt endlich Bielefeld!

4 Stunden später.
Das ist, was ich meinte: Rund 480 Hitzköpfe intonieren schon bei der Begrüßung zur „Alf“-Melodie ihre Monsters-Chöre und gedenken auch später bei keinem einzigen Lied ihre Gesänge zu unterbrechen. Unfassbar und beeindruckend! Jedes, aber auch wirklich jedes Lied wird mitgesungen, ob von unserem aktuellen Album oder ob von unserem ersten. „Verkeimt“, „Der Ruderer“, „Quizmillionär“, „Timing“ – völlig egal. Die können alles. Zwar schlag ich ihnen ein Schnippchen, indem ich ein neues noch unveröffentlichtes Lied spiele – aber so ein Refrain ist schnell gelernt. Ein energiegeladenes Freitagspublikum in Sektlaune trägt uns durch die Nacht. Es wird gelacht, gesungen, gerudert, mit und ohne Fahnen gewunken, gepogt und getanzt, wie wir es ehrlich gesagt in dieser krassen Form länger nicht erlebt haben. Und ziemlich viel getrunken. Da kann auch mal eine Bank kaputtgehen, aber Totte wertet das als Zerschlagungsversuch des Bankensystems – „SITZPOGO!!!“ Und weiter geht’s. Jetzt kreist auch auf der Bühne der Jägermeister. Der verschwindet zwar bald im Publikum, wie auch meine Mütze, aber alles taucht dann doch wieder auf – „PROST!!!“ Und weiter geht’s. Das ist nicht die Nacht der ruhigen Töne oder besinnlichen Verse. Das ist Freitagabend-Partytime. Ein Durchpuster für die Seele. Rock´n´Roll eben und genau das, was wir heute brauchten und darum sagen wir von Herzen „Danke“ und bleibt bloß, wie ihr seid.

Ein toller Abend in einem tollen Club, gefüllt mit tollwütigen Leuten.

Jippieyeah!

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