26. April 2024
von: Totte

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Ich werde pünktlich zur Ankunft in Dresden trotz der souveränen und sehr schlaffreundlichen Rangiermanöver unseres Busbosses Armand geweckt, und den meisten Monsters geht es ähnlich. Vielleicht sind wir auch einfach ausgeruht, könnte ja sein. Darum befinden sich Labörnski und ich schon um 9:45 Uhr auf unserer heutigen Laufstrecke. Das Parkhotel, in dem wir spielen, liegt gleich an einem riesigen Park mit Hügeln, Wald und Schleichwegen, also mit einfach allem, was man braucht, um die Zivilisation etwas vergessen zu können. Das denken sich auch viele DresdnerInnen, und darum fahren sie folgerichtig alle wochenends hierher, um zu wandern, Hunde Gassi zu führen, Pfadfindergruppen zu leiten, zu picknicken oder Hölzer zu sägen. Nice fürs Socialising, schlecht fürs Zivilisation vergessen. Wir klettern über den Katzenpfad, laufwandeln über den Poetenweg und landen in einer Waldecke, in er die Pfade sich noch keine Namen verdient haben. Jetzt gibt’s dort immerhin eine Tottestraße und eine Labinskichaussee. Nichts zu danken, gern geschehen.

Da der für uns gebuchte Cateringservice heute kurzfristig abgesprungen ist, sind wir den Tag über hauptsächlich damit beschäftigt, die umliegenden Lieferdienste, Imbissstände und Restaurants abzuklappern und kritisch zu vergleichen, denn man will ja keine Fehler machen, bei der womöglich wichtigsten Entscheidung des Tages: Pizza oder Asianudeln?

Wir werden von unserem Veranstaltungsteam Johnny und Maria freundlich durch die heiligen Hallen geführt und mit allem vertraut gemacht, vom Kaffeeautomaten bis zum Tauchsieder.

Das Parkhotel selbst verfügt über die womöglich schäbigste Dusche der Tour, dafür aber die schmucksten Salons. Wir spielen im „blauen Salon“, der ganz wundervoll ist und einen guten Abend verspricht. Lichtmann Mike und sein Helfer Anton unterstreichen das Wohlgefühl noch, denn wir bekommen sofort eine erste Ahnung davon, dass sie es sehr drauf haben. Zunächst repariert Mike schon mal unsere Stehlampe, wahrscheinlich mit einem geheimen Zauberspruch aus Hogwarts, denn das ist eigentlich völlig unmöglich, dass die nochmal selbstständig strahlt.

Beim Soundcheck merke ich, dass meine D-Saite sich aufzulösen beginnt, und ziehe rasch eine neue auf, aber natürlich nicht, ohne mich bei der alten nochmal herzlich zu bedanken. Wir müssen der Wahrheit ins Auge blicken, Gitarrensaiten haben wahrscheinlich andere Träume, wenn sie aus der Fabrik schlüpfen, als ausgerechnet auf meiner Klampfe zu landen, wo sie mit ahnungslosem Geschredder bis zur Rente völlig mürbe gemacht werden. Sie kennen die Legenden um Django Reinhardt oder Jimi Hendrix, und dann enden sie bei „Türen“ und „Zwerge“.

Vielleicht mache ich mir heute aber auch bloß einen Hauch mehr Gedanken als sonst, denn ich habe plötzlich aus unerfindlichen Gründen „et ärm Dier“ (also „das arme Tier“), wie man im Rheinland sagt. Ich bin auf einmal jammerich und unleidlich und weiß gar nicht, woher die Wolke kommt, die meinen Horizont nun so verdunkelt.

Ein bißchen hilft die Pizza dagegen, die ich mir zum Mitnehmen hole und im Bus esse, ich will dazu lesen, aber in das Buch finde ich auch nicht rein, denn es ist ein Krimi, ich hab aber mittendrin für den Heinz Strunk-Roman pausiert und weiß jetzt überhaupt nix mehr über den Fall oder den Kommissar. Wahrscheinlich ist er der Täter, schätze ich, denn warum auch nicht? Die Biedermeyer sind ja auch oft die Brandstifter, und das Leben einer D-Saite mitunter ein Drahtseilakt. Surrealer Tag, vielleicht verfolgt mich ja etwas aus dem seltsamen Steinkreis, den wir heute beim Laufen auf einem Hügel entdeckt haben.

Der traditionellen Sekt vor Showbeginn, mit dem wir immer anstoßen, macht mich heute auch nicht so kribbelig wie sonst.

Dann Konzert: Einfach unglaublich. Ich brauche zwei Lieder, um die Augen aufzubekommen, aber dann macht es „Peng“ und das Knallbonbon explodiert. Wir haben selten ein von Beginn an derart euphorisches Publikum erlebt, das derart eine Energiewelle auf die Bühne flutet, dass uns ganz kirre vor Power wird. Da der Vorverkauf zu gut lief, und das zu tippen schmeichelt meinem Ego sehr, gibt es heute nur eine Teilbestuhlung, der größte Teil des Publikums steht und wogt und rockt gehörig ab. Wir können gar nicht anders, als mitzusurfen. Dazu kommt noch eine Lichtshow, die sich gewaschen hat, fast wird’s schon zu viel, es blinkt und strahlt, die monströse Discokugel punktet die Welt und wir sind heute hier alle in einem Progrockparalleluniversum, glaube ich. Andererseits gibt es auch zahlreiche Möglichkeiten, aus dem Rockmantel auszubrechen, und wieder kleinkünstlerisch mit den Menschen hier zu interagieren, sich auszutauschen und den Gedanken freien Lauf zu lassen. Die Balladen werden fast schon andächtig angehört, und das ist sehr selten auf Wochenendkonzerten mit hauptsächlich stehendem Publikum. Der Mitmachpegel bei den Rockstücken hingegen ist wieder ohrenkrachend, es gibt zusätzliche Monsterschöre und anscheinend auch extra für heute einstudierte Kreischgesangseinlagen einer Damengruppe.

Der Zuschauer, dem wir den einzigen noch freien Sitzplatz vermittelt haben, ist vor Hingabe von seiner jetzt sitzenden Tätigkeit völlig überfordert, und springt ständig auf, was zwar sehr süß ist, aber für die direkt drumrum sitzenden Menschen doch etwas anstrengend, darum erklärt ihm Börnski das in einem geeigneten Augenblick still und schnell, und alles kein Problem.

Dresden, ich weiß gar nicht, wie ich das sagen soll, ihr habt uns wirklich berührt und es war eine Freude, euch beim Feiern anzuschauen, denn der Funke ist total auf uns übergesprungen. Unter beiderseitigem Jubel verlassen wir irgendwann die Bühne, und sind durch, aber durch und durch von wärmenden Feelings durchdrungen.

Nach der Show mischen wir uns natürlich noch etwas unter die Leute, ich unterhalte mich lange mit Hörer Felix über den großartigen Vicki Vomit und was uns beide mit ihm verbindet, darüber laden die Kollegen schon mal den Bus ein und für mich gibt es anschließend nicht mehr zu tun, als den Weißwein aus dem Backstage zu greifen und in den anfahrenden Bus zu hüpfen. Ich gerate in eine kleine Party von Fred, Frische Mische und Werner, und da die Musik mit Deichkind, Skindred und Co exquisit ist, bleibe ich locker noch eine Stunde zu lang. Meine Träume später werden’s mir heimzahlen. Aber noch ahne ich davon nichts und schwenke das Glas und schwelge im Moment.

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