8. August 2025
von: Totte

Zwei Wochen ohne Erfreulichkeiten liegen hinter mir, dafür trafen in den letzten Tagen unvermittelt neue Hiobsbotschaften aus der Heimat ein. Ich weiß nicht ob, und wenn, was das Jahr 2025 vorhat, aber es scheint mir ein echter Bastard von einem Jahr zu sein. Doch auch ohne Jahresblaming war wenig los bei mir, nur sehr selten habe ich mich zum Joggen aufgerafft und mein Sozialleben beschränkte sich auf Nudelkochen und das dumpfe Glotzen der ersten Big Brother-Staffel auf Youtube. Damals haben meine Freundin und ich das begeistert gesehen, heute klebt mich die Nostalgie an den Bildschirm. Allerdings kann man dort jetzt auch die Anfänge dieser widerlichen Medialmobbingwelt ausmachen, in der gesichtslose Massen von einem TV-Sender angeheizt im Schutz ihrer Anonymität Seelen zu zerquetschen versuchen, die zu naiv waren, die Leichtentzündlichkeit der niederträchtigen Bosheit der Menschen zu ahnen. Ein altes Spiel, das inzwischen fast formvollendet die Empathie vom Erdball fegt.

Ich bin also ziemlich in Festivallaune, als ich in den Zug steige, den ersten von vieren, denn ich habe mich kostengünstig entschieden, den Regionalverkehr zu nutzen. Ich Idiot. Freitags Regionalverkehr. So, wie ihr euch das vorstellt, wird es auch. Schon der erste Zug ist zu spät, dafür aber voll, und weil Murphy auch die Gleise regelt, müssen wir selbstverständlich alle anderen Züge vorlassen, denn deren Passagiere haben Ziele und wir bloß ein Deutschlandticket. Na ja, ist ja dank CDU bald auch damit wieder vorbei.

Überraschend erreiche ich den Anschlusszug, aber nur, weil er sich verspätet. Die Tradition des Zugüberholenlassens beherrscht auch er und ein Sportsguy auf den Sitzen neben mir telefoniert in AC/Dzibel-Lautstärke, denn er findet, die Welt gehört ihm und ich befürchte, das könnte stimmen.

Trotzdem bin ich etwas geschmeichelt, denn ein netter junger Mann hat mich kurz zuvor am Bahnsteig als Monster erkannt, und sowas bauchpinselt mich, vor allem, wenn es sich um derart freundliche Menschen handelt.

Ruhe, um zu lesen finde ich leider nicht, die Zeiten, in denen ich auf Zugfahrten wegträumen oder in Bücher fallen konnte, sind vorbei. Inzwischen fäustel ich mir im Grunde dauerhaft nur noch die Handinnenflächen blutig und bettele stumm irgendeinen Gott an, sie möge bitte endlich den Zug einfach weiterfahren lassen, damit ich nicht wieder eine Extrastunde in Einöd‘ festsitze.

Wir erreichen Hannover ziemlich pünktlich, hier aber ist Schluss. Meine nächste Verbindung dreht stoisch permanent den Verspätungspegel hoch und die Organisation am Hannoveraner HBF ist derart mies, dass nun Reisende für inzwischen drei Züge auf einen Bahnsteig gepfercht werden, der zu zwei Dritteln wegen kurzfristiger Bauarbeiten seit 1977 abgesperrt ist. Vor uns marschieren überforderte Unglücksraben, die man in Securityleibchen gesteckt hat, auf und ab und bellen heiser militärische Befehle von wegen „Zurücktreten“, nur wohin, erklären sie nicht. Ich bekomme Platzangst und eine Ahnung von Tokio und nachdem sich auch nach 45 Minuten Verspätung noch nichts tut, außer dass ein weiterer Schwall Reisender auf den Bahnsteig drängen, brech ich das Move ab und folge Freds Whatsapp-Rat, ein Ticket fpür den ICE zu lösen, der jetzt auch dutch Hannover fährt. Er selbst sitze darin und es sei leider rumsvoll, aber der Flurfunk hätte geflüstert, in Wagen 8 sei es etwas besser. Wagen 8 am Arsch, denk ich müde, ich steig ein, wo der Zug bei mir ankommt, da öffnet sich bereits die Tür und ich stehe in Wagen 8. Der Wagen ist halbleer. Interessante Welt, Kafka grinst aus allen Ecken.

Ich spule jetzt mal vor zum Flair, sonst kommen wir hier nicht weiter:

Wir treffen uns vor Ort, leider nur zu fünft, denn so kurzfristig und überraschend, wie das Konzert zustande kam, konnte Burger sich nicht mehr aus Konkurrenzpflichten befreien. Je nun, letztes Mal im Kleinkunstzelt haben wir auch zu fünft spielen müssen und es wurde legendär. Ob wir heute mithalten können? Wir haben so unsere Zweifel. Alle tun im Vorfeld so, als würde der Andrang mächtig werden, aber wir haben da berechtigte Zweifel. Wir spielen gegen die absoluten Headliner des Tages, Royal Republic und Young Blud an, und das zusammen mit dem Festivalgerücht, bei uns würde es so voll, kann eigentlich nur dazu führen, dass eher niemand kommt. Wir hätten dafür Verständnis. Aber Angst habe ich auch.

Um die wegzuwischen, laufe ich bis zu unserer Eingroovezeit zunächst zum Rantanplankonzert, dann zum Backstage, dann zur Seebühne, und ich treffe so viele tolle Leute, dass ich vor Liebe brodele, Jack Pott, Sebi von Massendefekt, Marcel, Bulliulli und Andi, Rantanplan, Achim von Koksmusic undsoweiterundsofort. Ein Wahnsinn.

Um 20:30 Uhr treffen wir uns als Band wieder am Kleinkunstzelt, wo just Markus Barth den überfüllten Laden abzureißen beginnt. Soviel Euphorie, soviele feiernde Leute. Fred und mir rutscht das Herz in die Hose und wir lassen alle Hoffnung fahren. Noch anderthalb Stunden bis zum Auftritt.

Mit Jörg und Michael vom Flairteam checken wir den Sound und alles klappt problemlos. Rüdi geht kurz vors Zelt und kommt mit großen Augen zurück. Er wurde einer wahren Riesenschlange gewahr, die sich tatsächlich vor dem Eingang bis weit hinters Sichtfeld zieht. Ich spinxe jetzt auch über den Zaun und sehe nichts. „Da ist nichts.“ sage ich, Rüdi guckt mich an, als sei ich bescheuert und greift sich Labörnski, um Videobeweise zu sammeln. Nachdem sie sie mir gezeigt haben, gucke ich mich selbst an, als sei ich bescheuert. Das ist doch der Wahnsinn, was hier passiert. Mein Herz springt von Hosenhöhe direkt den Hals herauf. Wie sammeln uns zu Beatlessongs im Backstagezelt, monstern uns ein und dann legen wir los. Wir werden mit einer Euphorie und Herzlichkeit empfangen, für die es stärkerer Worte bedürfte als die aus meinem Fundus. Es wird eine Stunde voller gegenseitiger Energie, getragen von Liebe und ausufernd wundervoll. Das Flairteam hat die Seitenwände des Zelts hochgeklappt, damit auch die Menschen, die nicht mehr reingepasst haben, mit uns feiern und singen können und das tun sie. Unser Adrenalin kollabiert und wir taumeln durch ein Freudenmeer. Es gibt spontane Polonaisen, Sitzpogo und nach der Show noch lange Zugabenchöre und wenn wir die Zeit gehabt hätten, würden wir wahrscheinlich jetzt noch spielen. Aber Festivals haben eben leider ein Tempuskorsett, ich sag es immer wieder, und das ist auch gut so, denn der Charme entsteht durch den Mix. Aber wir verneigen uns dankbar, schweißnass und gerührt vor euch allen.

Nach der Show sitzen wir noch am Feuer beisammen mit vielen FreundInnen, Dani, Dan, Ulli, Fredi, es ist klar, dass ich jetzt wieder Namen vergesse, aber wir machen auf jeden Fall noch Photos mit Luis, einem jungen Herr im noch lange nicht wahlberechtigten Alter, der vielleicht der höflichste Herr des an Höflichkeiten nicht gerade armen Festivals ist, dann springe ich zur Freibühne, weil sauf meinem Programmpass steht, dass da jetzt Massendefekt aufspielen. Tun sie nicht, was sehr schade ist, dafür werde ich Zeuge des beeindruckenden Antifaschodrohnenspiels in der Luft und einem tollen Auftritt der Band „Die Nerven“ im Anschluss, zu dem ich erfreulicherweise noch Rantanplan-Torben auf ein gemeinsames Bier treffe. Was für ein Highlighttag. Viel mehr wäre eigentlich auch kaum zu verkraften, darum ist es auch ganz gut, dass jetzt Tobias mit dem Shuttlebus andüst, uns einlädt und sicher und kompetent ins Hotel fährt.

Liebes Open Flair: Ihr lest es ja selber, uns fehlen die Worte. Das Alphabet ist für eure Großartigkeit zu klein. Vielen Dank, Handküsschen und euch noch ein bezauberndes Wochenende.