Ich habe vergessen, meinen Wecker, den ich für gestern früh auf 4:30 Uhr gestellt hatte, um vor der Abfahrt noch joggen zu können, abzustellen. Ich bin leider erst der zweite der das mitkriegt, der erste ist Fred. Sauer ist er nicht, aber doch erstaunt, warum mein Wecker so leise gestellt ist.
„Ich hör‘ ihn auch so immer.“ erkläre ich und merke im selben Augenblick, dass die gegenwärtige Situation meine Behauptung nicht unbedingt untermauert.
Wir schlafen beide wieder ein, aber um 7 Uhr bin ich wieder wach und laufe eine Stunde durch Essen. Ich weiß, dass es schöne grüne Ecken in Essen gibt, und ich weiß auch, dass die direkt in Clubnähe sind, schließlich sind Börnski und ich da beim letzten Mal entlanggelaufen. Ich weiß aber leider nicht mehr, in welcher Richtung sie luegen und laufe darum intuitiv in die falsche Richtung. Ich passiere ausschließlich breite Hauptstraßen voller Autos und Lärm, bis ich endlich einen kleinen Minipark erreiche, in dem ich blöde ein paar Runden drehe, um die nötigen Meter zu machen. Auf dem Rückweg passiere ich einen Wohnwagenpark, an dessen Eingang ein junger Mann steht und mich mit schmierigem Grinsen fragt, ob ich wüsste, ab wann die Frauen da sind. Ich schüttle nur den Kopf und laufe davon, vor ihm und der traurigen kalten Realität.
Zurück im Hotel bleibt noch Zeit für eine Dusche und einen Kioskbesuch, dann geht die Post ab, und zwar nach Kiel.
Eine weite Strecke, doch die ersten Stunden läuft alles bestens, bis wir plötzlich doch noch in einigen Stauknoten landen, die uns etwas über Gebühr festkleben. Die Busstimmung ist aber relaxed, etwas müde, doch spannungsfrei, die wenigen Gespräche, die geführt werden, drehen sich um den Job als LKW-Fahrer und die Frage nach Pinkelpausen. Es wird gedöst und Wasser getrunken. Ich habe mir gestern den Roman „Nullerjahre“ des Rappers Testo aka Hendrik Bolz gekauft, in dem er seine Jugend in Stralsund fiktionalisiert erzählt. Ein bewegendes, erschreckendes und sehr aufklärendes Buch, dessen Diagnosen allerdings wenig optimistisch stimmen.
Kiel, Pumpe, Hello again, lang ist#s her, beim letzten Mal spielten wir in der Räucherei, die ebenfalls sehr schön ist, mir aber in eher mieser Erinnerung, weil ich an jenem Abend innerlich sehr zerfressen war und auch während des Konzerts weder in Stimmung kam, noch anständig abgeliefert hatte. Ich hoffe sehr, dass sich das heute nicht wiederholen wird.
Wir werden vom Team um Carlos herzlich empfangen, laden den Bus aus und driften alle in unterschiedliche Richtungen, um unterschiedliches zu tun. So zum Beispiel Frische Mische, die gleich den just ankommenden Freund und Kollegen KT Clue in Empfang nehmen, und ihn als Supportact des Abends verpflichten.
Für mich fühlt sich alles an, als wären wir schon wieder ewig auf Tour. Ich bin müde und angegraut. Außerdem habe ich heute zuviel Haarwachs genommen, weil ich mich damit überhaupt nicht auskenne, und jetzt kleben meine Haare wie ein Honighelm, zum erneuten Waschen bin ich jedoch zu faul, ich wollte sagen: umweltbewusst.
Es gibt Rosmarinkartoffeln mit Spinattalern und Gemüse zum Dinner, gar nicht leicht, sich nicht ins Fresskoma zu futtern, das ist eine der größten abendlichen Selbstdisziplinierungsmaßnahmen für mich auf Tour, aber bauchbräsig auf der Bühne zu dämmern, ist eben keine Option. Ablenkung durch Kaffee, ein bißchen hin-, ein wenig herlaufen, dann geht auch schon der famose KT Clue auf die Bühne und überrascht überzeugend mit seinen Evergreens, das Publikum singt mit und feiert bestgelaunt.
Um kurz nach 20 Uhr dann Monstershow. Kurz gesagt: es wird wild. Wir monstern uns durch einen Abend voller skurriler Situationen, gleich im ersten Viertel der Show gibt Pensens Mikrokabel den Geist auf, das schnell ausgetauscht werden muss und die Aufmerksamkeit von uns allen komplett in Anspruch nimmt. Wir wortwitzeln uns in bester „Cher“-Manier durch die Auswechslung, erfinden ein Kabellied, und Kiel kalauert freudig mit. Damit entfesselt sich ein crazy Abend. Wir sind nüchtern beschwipst, reden uns um Kopf und Kragen, und alle haben Lachtränen in den Augen. Manchmal ist das so, dass ein Konzert einen selbständigen Drive des Irrsinns entwickelt, und wenn das auf ein dafür empfängliches Publikum trifft, dann funkelt es magisch. Heute ist das so, und ziemlich befreit singen und juxen wir uns durch die Nacht. Die zweite Konzerthälfte wird wieder etwas stringenter, aber auch sie hat zahlreiche schillernde Augenblicke parat, die unsere Augen glänzen lassen, bevor dann irgendwer den Türalarm des Notausgangs auslöst und wieder charmantes Chaos ausbricht. Im Nachhinein stellt sich raus, dass es Lasse war, der kurz aufs Klo wollte. Alles ist so unvorhersehbar, wir sind Teile einer Realitysitcom und finden das gerade herrlich. Die neuen Lieder kommen dadurch aber glücklicherweise nicht zu kurz, werden zelebriert und aufmerksam wahrgenommen und ehrlich gefeiert. Zum Ende steht die ganze Pumpe und dankbarst verbeugen wir uns, sind ein wenig gerührt und sehr voller Love.
N ach der Show treffen wir einige Freunde und Bekannte, Jonas, Julia, Sandrine, Andy, ich lerne Lasses Bruder Mirko kennen und erfahre von dessen Freundin Nele viel Interessantes über ihren Job im Bereich der Seniorenbegleitung, ein Bereich, der tatsächlich leider so notwendig wie unterbesetzt ist. Man macht sich oft zuwenig Gedanken und schiebt die Zukunft vor sich weg.
Überhaupt dominieren heute eher deepere Themen die Unterhaltungen, mit drei KielerInnen unterhalte ich mich länger über den Rechtsruck im Osten und den leider sehr unklugen Umgang der westdeutschen linken Szene damit, der durch die überhebliche Polemik („Einfach Mauer wieder aufbauen und gut is‘.“ etc.) den dort lebenden Antifaschisten unrecht tut und eben dadurch den Rechtsextremisten in die Hände spielt. Ich plädiere für Zusammenhalt und Support, nicht für verallgemeinernde Präventivausgrenzung.
Dass ich indes beim Reloadfestival vor Jahren auf die Frage nach einem Photo gesagt haben soll, ich dürfe das nicht wegen diverser Verträge, kann ich mir nur so erklären, dass ich einen Witz machen wollte, der kläglich gescheitert ist. Manchmal muss ich über mich selbst kopfschütteln. Oft.
Wir müssen heute noch weiter nach Quickborn, dort ist unser Hotel, also feiern wir nicht allzu lang, sondern steigen in den Bus, den Fred gewohnt gekonnt zum Ziel manövriert. Vor dem Hotel sitzen wir in einer kleinen Runde, von der zuletzt nur Claudio und ich übrig bleiben, uns ein Bier teilen und noch angeregt über die wilde Welt der Musikbranche reden. Langsam fallen uns dabei die Augen zu, und wir lassen etwas walten, was gegenwärtig viel häufiger passieren sollte: Vernunft.
Wir verabschieden uns voneinander und entschwinden in diverse Träume, von denen jene die besten sind, die vom heutigen Konzert in Kiel handeln. Was für ein schöner Abend, vielen Dank dafür. Bitte mehr davon.