von: Totte

So, jetzt startet sie, die lange Rutsche. Genau genommen, ist sie bereits gestern gestartet, denn da hat Bernd „the King of Asphalt“ uns mit dem hübschen Kultourbus in Hamburg eingesammelt. An Bord außer ihm auch Rüdi und Merchmeister Leo, der kurzfristig für Tobi (beste Grüße und auf ganz bestimmt bald wieder, Tobi!) eingesprungen und selbstverständlich auch ein dufter Typ ist, der überdies den beeindruckensten Rauschebart seit Monstergedenken hat. Es fehlen gerade an Bord nur Burger und Tonmaestro Mark, die direkt zum Club kommen werden, der Rest sitzt nun gut gelaunt in der Lounge, mixt sich Drinks, tauscht sich aus und hört Musik von krawallig bis laid back, allerdings nicht allzu ausufernd, denn alle sind etwas müde und haben den Tourberg noch vor sich. Darum wache ich auch um acht Uhr früh in Kassel auf, schaffe es gar noch, mich eine Stunde hin und her zu wälzen, dann ruft die Natur aber unerbittlich und dräuend. Auch Labörnski hat es aus diesem Grunde aus der Koje gedrängt, er macht sich sofort auf die Pirsch und findet rasch Sanitärbereiche, die locker für uns beide reichen. Derart gelöst, entscheiden wir energiegeladen, gleich den Tag beim Schopfe zu packen, und loszujoggen. Eine gute Stunde genießen wir Sonne und Natur am der Fulda, die wir zunächst aus Gründen, die wir leider aus wieder anderen Gründen streng geheim halten müssen, für die Weser halten. Sonne und Bewegung tun uns gut, zurück am Bus, ist auch bereits der Club geöffnet, Das Team um Andre baut fleißig Stühle auf, empfängt uns warmherzig und richtet ein leckeres Frühstücksbüffet an. Kaffee, Brezeln, Cola-O-Mix, eine Dusche und Freizeit bis zum Umfallen. F*ck dich und deine Drecksagenda, Merz.

Mein Vater hat heute Geburtstag, aber er drückt mich ständig weg, wenn ich ihn anzutelefonieren versuche. Ich kann das nachvollziehen, auch mich stressen Geburtstagstelefonate stets, trotzdem reagiere ich so verständnislos, wie bestimmt alle Anrufer, die mich am Ehrentag nicht an den Hörer kriegen. Ich hoffe allerdings, dass unser Geburtstagsständchen, das wir ihm gestern Nacht als Video geschickt haben, nicht Grund für sein Ghosting ist, und schreibe ihm eine kleine liebevolle Mail, denn dass ich seit Jahren immer während seines Geburtstages auf irgendeiner Bühne rumkaspere, tut mir inzwischen ziemlich leid.

Aber der Tag ist zu sonnig für Trübsinn, Rüdi war einkaufen, und es gibt jetzt einen kleinen Sekt-Orange für uns. Auch Leo trinkt gerne einen mit, so auch Mark, der just eingetroffen ist. Was für ein Timing, genial.

Der Tag vergeht mit Sonnen, Jammen, Lesen, Kaffee, es gibt gar zwei eifrige Autogrammjäger, die uns abpassen, ein paar Monsters gehen zwischenzeitlich wieder in ihre Kojen, endlich wird der Bus ausgeladen, Burger trifft ein, großes Hallo, und jetzt gleich müsste Mark auch zum Soundcheck rufen. Bis später.

Der Soundcheck gestaltet sich trotz Claudios Voreinstellungen schwieriger als gedacht, ich habe keine Ahnung, ob´s am Raum liegt, oder unseren frisch gewaschenen Ohren, jedenfalls muss Mark ordentlich drehen und schrauben, damit wir nicht im Klangsumpf untergehen. Danach Abendessen: Leckere Bowls mit Gemüse und Veganchicken, dummerweise habe ich auch Edamame dazubestellt, ohne an meinen Porzellanmagen zu denken, jedenfalls komme ich von da an kaum noch von der Toilette. Idealvoraussetzung für ein Konzert. Apropos Konzert: Wir spielen vor vollem Hause, Kassel hat uns in all den Jahren ohne Auftritt hier nicht vergessen. Und das Publikum ist exorbitant: Alle machen unglaublich euphorisch mit, vom ersten Ton an herrscht eine großartige Stimmung, und alle sind einer liebevoll zugetan. Rüdi kann aufgrund der Säulen im Raum leider etwa ein Drittel des Publikums nicht sehen, aber er darf versichert sein, dass auch dieses Drittel ihn feiert und liebt. Wir sind etwas albern unterwegs, unterhalten uns viel, glücklicherweise aber auch die Hörerschaft, Labörnski beschmeißt mich, weil ich Westernhagen imitiere, mit einem rosa Damenschlüpfer, den er in unserem Kühlschrank gefunden hat, es ist alles ein Spektakel, bei dem aber auch unsere Songs nicht zu kurz kommen. Der Dezibelmesser im Raum knackt permanent die 100, und der Sitzpogo gleicht einem Meer im Sturm. Zur Pause hat eine Dame uns eine Runde Pfeffi spendiert, der mir direkt in den Kopf gewandert ist, jetzt heißt es: Obacht.

Aber wir bekommen das Ding sicher nachhause, unter stehenden Ovationen werden wir verabschiedet, und die Unterhaltungen danach am Merchstand untermauern unsere herzlichen Feelings. Es sind auch viele FreundInnen des Hauses vor Ort, Marcus Stolle samt Gattin, Jule samt Gatten, Sandrine, Candlelightdoener usw., alles würde auf eine Partynacht deuten, wäre nicht die Vernunft unser täglicher Begleiter. Wir haben noch viel vor uns. Also verabschieden wir uns innig von Menschen, Club und Kassel und leaven the building und town in Richtung Mainz. Wir sitzen noch ein bisschen beisammen, trinken einen letzten Drink und verköstigen ein Brötchen, dann verschwinden wir nach und nach Richtung Kojen. Tag eins unserer Reise: Check.

Es war ein famoser Einstieg in eine Zukunft voller Musik. Vielen Dank, Kassel, unsere Seelen leuchten.