23. April 2026
von: Totte

Tag zwei unserer Odyssee auf der Jagd nach dem perfekten Musikmoment. Es ist kurz vor acht Uhr früh, und im Bus noch alles still. Nur inwendig palavert jemand, es ist mein Bauch, der um Befreiung bettelt. Da unser Get In, also der Zeitpunkt unseres erlaubten Eintritts erst um neun Uhr ist, versuche, ich, ihn wegzudösen, aber es bringt alles nichts. Seufzend ziehe ich mich an und setze mich in die Lounge, wo bereits Rüdi aus identischen Gründen auf dem Allerwertesten rumrutscht, und dass kurz danach auch Labörnski dazustößt, dürfte niemanden verwundern. Ich schreibe den gestrigen Tourbericht fertig, dann ist es Punkt neun, und ich sehe, wie jemand durch die Tür in die heiligen Hallen schlüpft. Mit dem Mut der Verzweifelten hechte ich hinterher und kann mein Glück kaum fassen: Die Türe ist nicht abgeschlossen. Hinein, Erlösung, wieder heraus. Ich nehme natürlich dieselbe Tür und muss herablassen über ihre Beschriftung „Nur Notausgang! Alarm!“ grinsen, da tatütatat es bereits ohrenbetäubend durch die Lüfte. Kurz überlege ich, einfach abzuhauen und bei der Fremdenlegion anzuheuern, da fallen mir wieder meine Moral und die wahrscheinlich sehr schlechten fremdenlegionsinternen Toilettenbedingungen ein, also mache ich mich auf den Bußgang zum Backstagebereich, wo mich die sehr sympathische Mitarbeiterin Maggie empfängt, die derart freundlich reagiert, dass mein Herz wieder ganz leicht wird, und ich statt zu den Legionären lieber mit Labörnski eine Runde am Rhein joggen gehe. Das Wetter ist wunderbar, die Luft kühl und erfrischend. Emotionsgestärkt zurück folgen die klassischen Muster: Frühstück, sehr opulent und lecker, Lektüre, die absolut herzliche Crew des KUZ um Darius begrüßen, Schlawinern, Tischkickern und Busausladen. Dabei klemmt sich Fred die bislang heile Hand derart, dass sein Ruf lauter schallt als der Alarm vorhin. Zum Glück stellt sich das eher als Schreckschrei, denn als Schmerzschrei raus, die Hand ist, einen blauen Fleck ausgenommen, intakt. Rüdi will Schuhe kaufen, Pensen ein Eis, Labörnski Bewegung, also gehe ich eine halbe Runde mit, exakt so lange, wie ich für das Bier brauche, dass ich unbedingt haben wollte, nachdem Pensen exakt eine Zeile eines Toten Hosen-Songs gesungen hat. Es macht mich schläfrig und ich dämmere nun ein bißchen auf der Backstagecouch weg. Andere sind fleißiger, Bernd liest die Autobiographie von James T. Kirk, Leo gestalten den Merchtisch und Mark macht unsere gestrigen Aufnahmen hörbereit und natürlich auch alles für den heutigen Soundcheck. Tolle Leute, gar kein Zweifel.

Soundcheck 8problemfrei), Abendessen (Bratkartoffeln und Pasta mit Spargel, lecker), Praeshowtimesekt: Der Korken fliegt mir um die Ohren, ein Drittel des Flascheninhalts schießt als versehentliche Formel 1-Gedächtnisfontäne durch den Raum und auf mein Hemd, weshalb ich die letzte Viertelstunde vor dem Auftritt mit Föhnen verbringe und darum gar keine Zeit mehr für Lampenfieber habe.

Mainz ist eine Bank, schon oft haben wir hier aufgenommen, im Caveau, wie auch hier im KUZ vor anderthalb Jahren. Da waren wir sogar nur zu fünft, heute sind wir zum Glück komplett. Es wird auch ein sehr schöner Abend voller toller Momente, allerdings hängt da immer auch noch der gestrige Abend als Messlatte, und die ist schwer zu reißen. Da der Raum auch viel größer und höher ist, verhallt einiges an Publikumsreaktion, dabei sind die Menschen hier absolut voll da, grandios und feierbereit. Zwei Herren eventuell etwas überambitioniert, denn ihre Zwischenrufe nach Rüdi klingen eher nach Junggesellenabschied eines Fussballteammembers, denn nach der Hoffnung auf Verheißung durch die zarten Klänge eines Saitenvirtuosen, und ich befinde mich während der ersten Hälfte des Konzerts in einem persönlichen Zwiespalts, denn ein Mädchen, ich kann kein Alter schätzen, würde sie aber in der Grundschule verorten, sitzt auf den Boxen vor der Bühne, hält einen Liedwunschkarton (Katzenlied) hoch und isst dabei Kekse.

Ich finde das zwar süß und der Karton ist auch toll gemalt, aber wir haben aufgrund der neuen Songs eigentlich garv keine Kapazitäten mehr für Wünsche, zumal ich ihr jenen bereits zweimal in Frankfurt erfüllt habe. Außerdem mache ich mir Sorgen, dass sie von den Boxen fällt, ich will aber auch nicht wie ein Arsch wirken, und diese Gedanken lenken mich leider etwas ab, weshalb ich an entscheidender Stelle den „Wasserturm“ verhaue, obschon eigentlich alles gepasst hätte. Tja, das ist eben live.

Andere haben da heute mehr Glück, ein paar Aufnahmen kommen sicher in die engere Auswahl, auch ich schaffe einen neuen Song sicher in den Hafen, andere Songs gewinnen heute durch spontane Ausfälle an Situationsglanz und überhaupt gewinnt der Abend zunehmend an Fahrt. Kompromissmäßig packe ich eine Strophe Katzenlied in einen anderen Song, danach fühle auch ich mich besser, und zum Ende leuchten die Handylampen und unsere Augen, und -man mag es kaum glauben – wir ernten erneut Standing Ovations. Mainz, ihr seid famos!

Nach der Show treffen wir einige Feunde und KollegInnen, Feli, Martin vom adriAkustik (kein Tippfehler, Papa), Antje, natürlich Sandrine, Angela, auch eine junge Frau namens Lea aus Schleswig Holstein, die erzählt, sie habe dank ihrer Eltern frühkindliche Erfahrungen mit uns machen dürfen, lebe inzwischen in Mainz und sei vor kurzem wieder über unseren Namen gestoßen, worauf sie sich einen Freund schnappte und mit zu uns schleifte. Besagter Freund mag eigentlich keine Konzerte, aber unseres war okay, sagt er, weil es Sitzgelegenheiten gab. So nämlich. Ihr gefiel der Abend ebenfalls und hat viele schöne Erinnerungen wachgerufen, und das freut mich sehr, denn wenn Nostalgie sich mit der Gegenwart verknüpft, wird die Endlichkeit überlistet. Und wenn wir mal ein solcher Knoten sein dürfen, ist das wunderschön.

Wir fahren heute früh weiter nach Köln, was ich insofern ziemlich mäßig finde, weil wir dann da sieben Stunden stehen werden, in den Club zu kommen, also auch ohne Toilettensicherheit. Sowas versaut mir jede innere Ruhe, aber ich versuche, es zu verdrängen, ich esse noch ein Brötchen und schreibe mit Timmey, der gerade bei Freund und Kollegen Ingmar weilt, auf Whatsapp hin und her (liebe Grüße), dann lege ich mich als erster schlafen, während in der Lounge noch Rap und Country läuft. Auch Teddypard zog es vor, heute mal mitzufeiern. Ich werde von Psychopathen, Kannibalismus, Wildtieren beim nächtlichen Jogging mit Labörnski und Pensen und Wohnungseinbrüchen träumen, und das ist zwar aufregend und aufreibend, aber nur teilweise schön.

Vollzeitschön war der Abend im KUZ zu Mainz. Das Team, das Publikum, die Musik, eben alles. Und alles ist schließlich das meiste.