Ich werde wieder vor dem Wecker wach. Ein unnötiger Wettkampf. Acht Uhr. Jetzt liege ich hier im eigenen Saft und versuche, die Zeit bis zum Einlass wegzudösen. Dabei flattern mir permanent Gedanken wie Stechmücken in die Quere, bis ich aufgebe, in meine Klamotten schlüpfe und den gestrigen Tourbericht schreibe. Ich frage mich, ob sie anders klingen würden, schriebe ich sie zu einer anderen Tageszeit. Das wede ich ein andermal zu eruieren versuchen, gerade passt es so am besten, außerdem ordnet sich der Kopf jetzt noch eindrucksfrei vom Alltag, das werte ich als Plus.
Mark wacht pünktlich zum Einlass auf, es ist zehn Uhr, Laura vom KFZ begrüßt uns herzlich, ab ins Bad, dann auf die Piste. Labörnski schläft noch, also laufe ich heute mal alleine. Mein Weg führt mich über die Lahn in einen Wald, an dessen Bergspitze ein Turm/Restaurant namens „Spiegelslust“ steht. Ich bekomme Siebengebirgsgefühle und bin überdies ganz überrascht, wie wenig Probleme mir der Anstieg bereitet. Im Wald zu laufen ist sowieso immer am schönsten, es ist kühler, stiller und weitestgehend CDUfrei.
Wieder im KFZ begrüße ich die wachen Kollegen, die bereits beim Frühstück sitzen, schmiere mir Brötchen, trinke Kaffee und lege mich wieder in die Koje. Ich schlafe richtig tief ein und träume von irgendwas ohne Düsternis.
Wieder wach, geht’s ans Busladen, das KFZ -Team um Sascha und Johannes ist sehr freundlich, die Garderoben sind ein Traum und ein bisschen sind wir hier auch zuhaus. Marburg strahlt in der Sonne so richtig, hier könnte man eine prima Krimiserie drehen, die im Unibetrieb spielt. Mit Burschenschaften und allem Drum und Dran.
Pensen hat einen kompetenten Kiosk gefunden, dahin spazieren wir nochmal, um uns mit Zeug einzudecken, danach eumel‘ ich durchs KFZ, spiele ein wenig Gitarre, trinke Kaffee und bin dröge.
Vor dem KFZ steht eine riesige Tafel, auf der das Kulturprogramm der nächsten Wochen abgespielt wird, wir sind auch dabei, und das will ich fotografieren, verpasse uns aber gerade und stehe dann locker 20 Minuten mit gezücktem Handy vor dem Ding. Ob Liam Gallagher das auch so macht? Falls ja, sähe er aber – im Gegensatz zu mir – sicher auch dabei noch arschcool aus.
Unser Soundcheck verläuft fast nebenbei, denn alles klingt direkt toll, das Essen danach schmeckt nicht minder, und wenn jetzt noch die Show gut wird, hat der Tag ein Rundumsorglospaket abgeliefert.
Es wird eine gute Show. Vielleicht sogar die schönste der Tour bislang. Wir sind gelöst und guter Dinge, die MarburgerInnen ebenfalls, und wir erleben viele spontane Glanzmomente.
Burger erklärt sein In Ear-Monitoring etwas uneindeutig mit „Wenn ich hinten am Po drehe, wird’s laut.“, was als roter Faden durch den Abend führen wird, Fred erklärt unsere T-Shirt-Aufdrucke so kompliziert, dass sie wie eine Diplomarbeit wirken, wir erleben ein wundervolles Miteinander. Aber niemand verliert das Hauptaugenmerk aus dem Sinn, unsere neuen Songs werden aufmerksam verfolgt, viele von ihnen leuchten heute besonders und man sieht uns häufiger dabei, wie wir freudig imaginäre Häkchen machen.
Es ist ein toller Abend, der nur so vorbeirauscht, und als wie schlussendlich mit standing Ovations verabschiedet werden, kommt es mir vor, als wären wir gerade erst auf die Bühne gestolpert.
Im Anschluss treffen wir viele liebe Menschen. Zum Beispiel Adrien, die dereinst mit uns in Marburg Pensens Geburtstag gefeiert hat, unseren alten Freund Alex aus Gotha, aber auch neue Gesichter, die mit leuchtenden Augen für den schönen Abend danken. Den Dank können wir nur erwidern.
Wir sitzen noch ein bißchen zusammen, dann rückt der große Zeiger auch schon unerbittlich auf die Zwölf, und weil da der kleine Zeiger bereits wartet, wird es höchste Eisenbahn, unsere Taschen zu packen, den Bus zu beladen und auf große Kaperfahrt zu gehen. Osnabrück heißt das Ziel.
Leider ist Mark nicht mehr an Bord, er hatte heute seinen letzten Tag auf Tour, aber es werden zum Glück weitere Touren kommen, und auf die freuen wir uns schon: Mark, du bist ein Freund von felsenhafter Kraft und Ruhe, wir danken dir sehr für dich und deine tolle Arbeit. Komm gut heim, wir sehen uns bald wieder.
Der Rest des Trosses sitzt nun in der Buslounge, hört Musik und isst Brötchen, während Bernd das Busgetüm sicher durch die Nacht geleitet. Ein Tag auf Tour. Wie jeder andere und doch immer neu. Schlaft gut.