29. April 2026
von: Totte

Was soll ich euch noch groß erzählen? Ich wache auf, wann und wie ich auf Tour immer aufwache, zu früh und mit Bedürfnissen, die ich zu ignorieren versuche, indem ich, Schritt 1: mich drehe und wälze, Schritt 2: erst das Drehen, dann das Wälzen aufgebe und stattdessen den Touzrbericht schreibe. Danach ist dann zumeist irgendeine Clubtür geöffnet und alles geht seinen Gang. Ungefähr so auch heute, ich laufe ein bißchen durch Osnabrücks Waldrand, leider ohne Börnski, der das aber später mit Pensen nachholen wird, komme an einer Gedenkinstallation für die Opfer des Nationalsozialismus vorbei und mich schaudert’s wieder beim Gedanken daran, dass diese Drecks-AfD/CDU/Faschobande inzwischen wieder das Maul aufreißt und die Welt verschlechtert.

Es fällt mir schwer, danach meine Laune aufzubessern. Glücklicherweise ist heute auch wieder Elif, die gute Seele und Köchin des Rosenhofs dort und hat nicht nur neben vielen Leckereien auch die richtigen Worte parat. Sie, Burger und ich unterhalten uns eine Weile bestens über Privaterlebnisse und die Sicht auf die Dinge und die Sonne herzt die Seele wieder.

Trotzdem lege ich mich danach nochmal hin, so langsam läuft mein Motor auf Notstrom, ich gehe nur zwischenzeitlich nochmal einkaufen für die Hamburger Partypeople, helfe beim Busladen und begrüße Claudio, der gerade frisch und duftend ankommt, um uns die letzten Tage schön aufzumischen.

In meinen Roman schau ich gar nicht mehr rein, den heb ich mir für stärkere Zeiten auf. Stattdessen lese ich die heutigen Vorverkäufe, die nicht gerade berauschend sind. Aber andererseits auch kein Wunder, ein verlängertes Feierweekend steht an, das Wetter ist außengastronomisch perfekt und wir spielen dreimal in Hamburg, was auch keine Weltreise bedeutet. Rüdi hat heute volles Programm, jedenfalls theoretisch kauft er Schuhe, geht zum Friseur und lässt sich die Nägel machen.

Ich gebe nur noch ein kleines Interview, und zwar Wollo vom Handwritten Mag, aber ich bin total abgelenkt, weil ich endlich dahinter kommen möchte, an wen er mich erinnert. Dann endlich durchfährt mich die Erkenntnis: Dean Cameron, aka. „Kreissäge“ aus „Summer School“, eine 80er Jahre Komödie, die uns damals zu Leatherface- und Wodka-Orangensaft-Fans gemacht hat. Unglaublich, wie ich darauf ewig nicht komen könnte. Wollo kennt Cameron nicht, kann die Ähnlichkeit aber nach einem Blick ins Internet auch nicht abstreiten.

Der Soundcheck ist heute wieder etwas aufwändiger, Claudio muss sich verständlicherweise erstmal wieder in die Gegebenheiten eingrooven, aber bald funkelt alles und das Essen steht auch bereits auf dem Tisch. Gaumenfreuden, absolut.

Die meisten Monsters sitzen bis zum Auftritt in der Buslounge und hecken sicher tolle Sachen aus, ich bin bräsig und bleib im Backstage.

Dann Showtime.

Hm. Also, ich muss wirklich überlegen, wie ich unser heutiges Konzert am griffigsten umschreiben könnte. Vielleicht so: Wir sind wie eine Flasche Schaumwein im Wassersprudler. Irgendwer drückt den Knopf, und wir quirlen koglensäurig prickelnd über. Was noch etwas zaghaft beginnt, läuft plötzlich glucksend und gackernd über, wir quatschen einander in die Moderationen, unterhalten uns mit dem Publikum, lobpreisen unseren Kühlschrank, gedenken unserer alten Bühnenlampe und erfinden Strassenschwimmer-Alter Egos. Da war anfangs ein Knoten in uns, der sich plötzlich gelöst hat, und jetzt sind die Katzen aus dem Sack und singen in bester Aristocatsmanier. Es scheppert und krawallt, aber es wird auch überaus herzlich und versonnen. Es ist mit Sicherheit der Auftritt auf dieser Tour mit den meisten Lachanfällen auf der Bühne,und das Schöne ist, dass das Publikum da gerne mitlacht und singt. Hier verschmilzt der Bühnengraben und wir feiern miteinander.

Standing Ovations und lachende Seelen sind die Folge.

Nach dem Konzert gibt es noch zahlreiche schöne Unterhaltungen, ich lerne zwei sympathische Herren vom Schützenverein Dinklage kennen, die uns bislang nur via Youtube kannten, aber uns in natura auch ganz charmant finden, und da ihr Schützenverein, wie sie bekräftigen, ein inklusiver, cooler Verein ist und kein unangenehmer Rechtsruckhaufen, grüße ich ihn an dieser Stelle sehr gerne, und singe virtuell für ihren Kumpel Hendrik Kaiser an dieser Stelle „Frösche“. Warum ich aber frug, „Kaiser mit ai?“, erschließt sich mir selber nicht mehr, wie denn sonst? Manchmal muss ich über mich den Kopf schütteln.

Da wir heute unsere letzte Nightlinernacht haben, knipsen wir beim Buseinladen noch ein Crewbild, schade, dass die Reise nun zuende geht, denn Ende heißt immer auch Abschied. Wir zögern ihn aber noch hinaus, so gut es geht, indem wir in der Lounge beisammen sitzen, Ärzte, Hosen, Brieftauben und vieles mehr hören, und möglichst viel Chips knabbern und Drinks zu uns nehmen. Irgendwann geb ich auf und schleiche zur Koje, und ich höre nur noch, wie der Motor angeworfen wird und mit „Amadeus“ um Gehör wetteifert. Ich verschlafe, wer gewonnen hat. Osnabrück, ihr wart, seid und bleibt ein Quell der Freude. Nur Liebe für euch, wir danken sehr.