Erstes Festival 2026. Das erste von fünf. Ehrlich gesagt, erschrak ich doch sehr, als mir diese Sommerausbeute gewahr wurde. Womöglich haben wir nicht nur unseren Zenith überschritten, sondern auch die Talfahrt unterkellert. Promoprofimäßig lautet natürlich meine Erklärung: Wir machen uns mal rar.
Es sind insgesamt gerade eher schwere Zeiten, nicht nur weltenlauftechnisch, sondern auch im Monsterskosmos. Alle haben gerade privat viel um die Ohren, zum Glück aber gibt es mit unserem kommenden Album einen großen Hoffnungsstern, der freudvoll leuchtet und Ekstase verspricht. Wir haben diese Woche mit Bente im Off Ya Tree-Studio die Lieder gemischt (also Bente mischte und wir kochten Kaffee), und sind ziemlich verzaubert von dem, was uns da auf den späten Metern nochmal geglückt ist.
Was akut besonders ungeschickt ist, ist der Umstand, dass ich gestern Abend in einer absolut desaströsen Fressattacke kiloweise indische Currys in mich gestopft habe, und das sollte man mit meinem Porzellanmagen nur tun, wenn man die Restwoche nichts mehr vorhat.
Aufgebläht sitze ich nun im Zug nach Lübeck zum Superkunstfestival, versuche, nicht zu platzen, der Zug ist voller Menschen, und doch bin ich einsam. Vor ca. zwei Jahren wurde von der Band entschieden, dass wir die Festivals fortan per Bahn bereisen, wegen Umwelt und weil keiner mehr den Bus fahren wollte. Seitdem fahren alle privat mit ihren eigenen Autos zu den Festivals und ich reise seitdem alleine.
Rüdi, der sonst auch zugabhängig ist, wird heute leider fehlen, irgendwas ist terminlich unaufschiebbar dazwischen gekommen, was sehr schade ist, denn am schönsten ist es natürlich komplett. Aber wir sind ja inzwischen für solche Situationen geschult.
Neu ist auch, dass ich mangels Rechner diesen Bericht ins Handy tippe, während der Zug gen Ziel öttelt, und da mich just Labörnski anruft, muss ich nun pausieren.
Wahrscheinlich skippen wir aber gleich eh direkt zum Festival. Nutzt die entstandene Pause eventuell, um den neuen Roman von Alex Capus zu lesen, der ist sehr wundervoll und es ist sicher eine unterhaltsamere Beschäftigung, als hier jetzt auf diese Textbaustelle zu glotzen, in der Hoffnung, dass da noch was passiert. Oder ihr geht mal auf den Pressebereich unserer Homepage (monstersoflierermaching.de), denn da gibt es jetzt endlich wieder ganz frisch einen Monstersverriss, den wir für wenig wohlwollende PressevertreterInnen extra geschrieben und bereitgestellt haben.
Falls ihr ihn lest: Wie treffend findet ihr ihn?
Zurück zum Geschehen.
Ich erreiche Lübeck, und bevor ich suchen kann, finden mich bereits Maya und David, die mit zwei Shuttlebussen bereit stehen, um uns einzusacken. Da hat unsere Kommunikation wieder hervorragend geklappt, denn außer mir sind nur Labörnski und Gattin Inga dabei, alle anderen separat unterwegs wegen ihr wisst schon.
Die Fahrt ist kurz und kurzweilig, auch vor Ort sind lauter tolle Menschen, die sich liebevollst um uns kümmern, zum Beispiel Sylvie und Marianne, die uns mit Gläsern und Gebäck versorgen, für alle Fragen bereitstehen und zudem auch alle Antworten haben. Traumhaft.
Pensen und Fred sind bereits da, und wir öffnen unseren Festivalstartsekt, denn irgendwo muss man ja anfangen, wenn man künftig Traditionen haben möchte.
Es regnet, aber da wir hier in einer Diakonie sitzen, wird’s schon Gott gewollt sein.
Soundcheck: die Bühne, bestens betreut von der Crew um Lennart, Hendrik und Sebastian, ist riesengroß, und vor allem mit einem Steg ins potenzielle.Publikum versehen. Wir sitzen dadurch allerdings dermaßen weit hinten, dass wir wahrscheinlich höchstens briefmarkengroß zu sehen sein werden. Da es gleichzeitig in Strömen gießt, wird’s aber wahrscheinlich auch kaum Publikum geben, was mich zumindest durchaus präventiv verunsichert. Den Soundcheck machen wir wie ein Hühnerhaufen auf Valium, keiner hört dem andern zu, während uns der Regen in die Gesichter klatscht, es ist ein einziges Chaos.
Unser Backstageraum verfügt leider über einen Flügel, weshalb auch nun keine Ruhe aufkommt, da Pensen jetzt üben will. Ich will auch was, und zwar einen Job ohne Musik. Wir sind alle etwas unsicher und dünnhäutig, und kommen aus unseren eigenen Leben, da braucht man normalerweise etwas Zeit, um sich einzugrooven.
Als Intromusik entscheiden wir uns heute für „Singing in the rain“, und jetzt kommt’s, wie es eben kommt.
Der Platz ist natürlich noch nicht voll, als wir starten, aber dennoch erfreulich beachtlich gefüllt, damit hätte ich absolut nicht gerechnet. Es nieselt leicht, aber nicht mehr allzu dolle, und wir tänzeln zum Intro adrenalinmäßig aufgepeitscht den gesamten Steg rauf und runter. Und Lübeck hat Lust auf uns. Ich habe zwas das gesamte Konzert über das Gefühl, aufgrund der wahnwitzigen Entfernung zum Publikum quasi unsichtbar zu spielen, aber es funktioniert trotzdem. Wir feuern gutgelaunt unsere Lider ab, in einer überraschend ausgewogenen Mischung alter und ganz neuer Songs, und das Publikum tanzt und macht mit. Regen hin oder her, die Sonne strahlt uns aus den Herzen.
Wir bemühen uns, die Bühnenweite so oft wie möglich zu nutzen, und prosten der Welt optimistisch zu. Die Welt prostet zurück, und der Frühschoppen ist mehr als geglückt. Weil wir etwas verquatscht drauf sind, haben wir nur noch Zeit für eine Zugabe, aber die zelebrieren wir glücklich und erleichtert und verlassen gelöst die Bühne, während fast augenblicklich der Regen stoppt und die Sonne hinter den Wolken zum Vorschein kommt, die feige gelbe Sau. Wofür war ich eigentlich Messdiener?
Hinter der Bühne treffen wir auf das superfeundliche Vitense-Security-Team um Lars und Carsten, machen Fotos und laufen gemeinsam zum Backstage zurück, allerdings nur für kurz, dann trennen sich unser aller Wege wieder, die einen gehen wieder zur Arbeit, der Großteil der Monsters fährt heim, nur Jan, Inga und ich entscheiden uns, noch etwas zu bleiben, wir wollen FreundInnen treffen und ich besonders den Auftritt von Digger Dance sehen, der hier um 17 Uhr im Zelt spielt.
Mit Getränken versorgt flanieren wir also über das Gelände, und dazu sei kurz erklärt: Das Superkunstfestival wird zusammen mit der hiesigen Diakonie veranstaltet, ist ein inklusives Festival, und bietet auf einem wunderschönen, verzweigten Gelände viele kleine Attraktionen, neben Ess- und Bierbuden gibt es Zirkuszelte mit diversen Veranstaltungen, es gibt eine Beachbar mit zugehörigem Sandstrand, auf dem Wettbewerbe ausgetragen werden, überall funkeln kleine und große Abenteuer. Auf der Mainstreambühne rocken inzwischen Moop Mama mit beeindruckender Blechbläsersektion, wir treffen hier unsere gute Freundin Julia, allerdings nur kurz, denn sie ist zum Rocken gekommen, und wir sind gerade etwas zu träge, unsere Freundinnen Birgit und Sarah, die wir von der Bühne aus natürlich hocherfreut wahrgenommen haben, verpassen wir jetzt leider komplett, es ist allerdings auch inzwischen sehr gut gefüllt, und es gibt soviel zu sehen, das man immer das Gefühl hat, was zu verpassen. Wir kontern das mit einem Schnaps an der Beachbar, aber ich glaube, das war nicht so schlau, denn ich bin jetzt doch etwas angeschickert. Die Zeit bis zum Digger Dance-Konzert vertreiben wir uns mit dem permanenten Weg zwischen Strandliegestühlen und Dixietoiletten, außerdem besorgen wir einem Ordner eine Rhabarberschorle, allerdings nur, weil ein anderer Ordner uns im Vorbeigehen souverän darauf hinweist, dass das mal eine gute Aktion wäre. Wir sind dankbar für den Tipp, aber zu recht nun auch etwas beschämt, weil wir nicht von alleine drauf gekommen sind, und um das wieder gut zu machen, bringen wir auch gleich noch Bananen und Kartoffelchips mit. Ich muss aber gestehen, dass ich seinen Namen vergessen habe, es kam ein „Dan“ drin vor und er hatte zwei Silben, aber es war kein Allerweltsname, darum habe ich ihn mir auch nicht aufgeschrieben, weil mir klar war, den würde ich niemals mehr vergessen.
Dann rockt Digger Dance das knackevolle Zelt, und ich falle augenblicklich in schwelgende Nostalgie, sitze wieder in meiner kleinen Einzimmerwohnung in Köln und träume zu seinen Altonaanekdoten vom großen, fremden Hamburg, das ich wohl niemals erleben werde.
Noch völlig verzaubert sitzen Jan und ich hernach hinter der Bühne (neue Dixierunde) und warten auf Inga, als ein Wagen einfährt und Ferris und Afrob aussteigen. Da wir Ferris im letzten Jahr auf einigen Festivals getroffen haben, winke ich freundlich, dass dann aber beide, anstatt kurz zurückzuwinken, zu uns kommen, überfordert mein Schnapsenhirn natürlich gleich wieder, und ich rede nur uninteressanten Unsinn. Eloquenz, wo bist du, wenn man dich braucht?
Gerne hätte ich mir ihren Auftritt später angesehen, aber meine Abfahrt drängt leider, sonst wird alles zu spät. Eigentlich wollten Jan und Inga ebenfalls fahren, aber nun haben sie Heißhunger und essen, während ich auf heißen Kohlen sitze, denn jeder verpasste Zug sorgt für eine weitere Stunde Verspätung. Darüber geraten wir in eine etwas hitzige Diskussion, wie das eben so ist, wenn die Kinder vom Messwein genascht und dann unterschiedliche Prioritäten haben. Also mache mich mich alleine per Linienbus auf den Weg, und das wird ein aufregender Weg, voller Monster, Mythen und Magie, aber ich will euch nicht überfordern, darum schließe ich an dieser Stelle, danke allen MitarbeiterInnen dieses tollen Festivals nochmal sehr, dem Superpublikum nicht minder, und hoffe, es gibt ein Wiedersehen. Wir könnten schon wieder.