Jena ist eine dufte Stadt, die ich aufgrund meiner Privatverbundenheit zu Erfurt des öfteren besuchen darf. Erfurt ist auch dufte. Wenig dufte ist das hiesige Bahnpersonal, denn sie haben ganz viele grimmig schauende Ordnungskräfte in dicken dunklen Monturen, aber nur ganz wenig Gespür für Timing. So kommt es, dass ich dem Zug der darin sitzenden Monsters-Kollegen beim Abfahren zuschauen darf, als die Durchsage des Bahnbediensteten durch meinen, ebenfalls seit zehn Minuten abfahrbereit parkenden Zugs, den ich aus besseren Sitzplatzgründen gewählt habe, tönt: „Sehr geehrte Fahrgäste, dieser Zug fällt heute aus, bitte alle aussteigen. Über mögliche Alternativen informieren sie sich bitte…“, aber da bin ich bereits zornbebend auf den Bahnsteig gehüpft, und nur meiner lebensüberdrüssigen Energieschlappheit ist es zu verdanken, dass ich mich nicht in den Hulk verwandle und für Schlagzeilen sorge. Ich frage mich in solchen Situationen vermehrt ohnmächtig, ob das wirklich einen kausalen Zusammenhang zum Kapitalismus gibt, dass fast ausschließlich inkompetente Laubbläser in Positionen gewählt werden, die alleine zum Melken der jeweiligen Betriebe taugen, nie aber zur Verbesserung. Der nächste Zug fällt ebenfalls aus. Prima. Dafür hat der danach 20 Minuten Verspätung. Zum Glück haben die Kollegen nicht auf mich gehört, sondern sind mit ihrem ursprünglichen Zug gefahren, so können sie schon mal den Soundcheck machen und alles vorbereiten. Immerhin komme ich noch pünktlich zum Einlass, zudem kann ich so Lina, Ronja und Skelli Gesellschaft leisten, die diesen Zug planmäßig gewählt haben, um uns die Ehre zu erweisen. Ich bin allerdings wahrscheinlich keine besonders angenehme Gesellschaft, denn Bahnfrust, Praekonzertnervosität und allgemein eher düstere Stimmung machen mich etwas wortkarg und innerlich zittrig. Glücklicherweise sind die drei echte Sonnenscheine und lichtfluten auch meine Wolken ein bisschen. Wir schaffen es punktgenau zum Anschlussbus bis zur Venue, dann trennen sich vorerst unsere Wege, denn ich muss noch rasch den Soundcheck erledigen und darf vor allem auch meine weitgereisten, viel pünktlicheren Kollegen begrüßen. Sie sitzen im weit geöffneten Backstagezelt gleich neben dem Einlass und sind von Fahrt und Wetter ebenfalls reichlich angezaust, immerhin hat es heute über 40 Grad. Nicht vorstellbar, wie es wäre, hätten wir jetzt noch eine Klimakatastrophe, aber wie die CDU-Spitze ja verlauten ließ, man kann ja auch jetzt nix machen. Der Zusammenhang von Inkompetenz und Kapitalismus verdichtet sich zusehends.
Wer aber sehr kompetent und sympathisch ist, ist die gesamte Crew der Papiermühle: Bela, Wagi, Fabi und Lucas vom Ton, Jonas vom Licht und das gesamte Thekenpersonal um Johannes.
Die Papiermühle selbst ist malerisch gelegen, im Grünen am Berghang, die Bühne ist heute wunderschön leicht schattenspendend überdacht und ein Rasensprenger sorgt für erfrischendes Freibadfeeling. Wagi erzählt uns, dass das Ordnungsamt angerufen hatte, um eine Konzertabsage zu empfehlen, was ja einerseits süß empathisch ist, andererseits auch zeigt, wie überfordert dass System gerade mit den Folgen der eigenen Ausbeutung ist.
Immerhin, uns wird offensichtlich noch amtliches Gerocke zugetraut, und das gilt es nun zu beweisen.
Der Hitze zum Trotz hat sich der Platz sehr gut gefüllt und die Laune des Publikums ist prächtig. Das gibt auch uns Power, und wir schmettern fröhlich die ersten Songs in die Runde, spaßen miteinander und mit den HörerInnen, und geraten in verzwickte Situationen, so zum Beispiel, als ich den Städtekrieg zwischen Erfurt und Jena erwähne, der durch mein Ungeschick gleich via pointiertem Publikumsruf (Insider für alle Dagewesene: „halt Erfurt“) in das Lied vom Pommbären einfließt und ihm so eine ganz eigenartige Richtung gibt, die in einer Art Radebrechfreestyle mutiert. Nicht ganz so romantisch, aber auch sehr entsalzend, weil viele Tränen gelacht werden.
Eine schon ältere, aber lang nicht mehr praktizierte Form der Selbstsabotage kommt heute zudem zu neuen Ehren: Im Backstagezelt gab es kein Bier, aber Wagi informierte uns zu Konzertbeginn, dass wir uns bei Getränkewünschen einfach und ohne Scham an die Biertheke wenden dürften. Ein Angebot, das besonders Fred heute ganz besonders begeistert, bereits nach der ersten Handvoll Songs macht er von dem Angebot gernstens Gebrauch, und sowas hat bei uns immer einen aufpeitschenden Dominoeffekt: Alle Monsters wollen jetzt gerne unbedingt auch was haben, und so wird der Ruf „Johannes, wir hätten gern!“ zur wiederkehrenden Moderation des Abends. Da wir natürlich versuchen, ihn nicht zu oft laufen zu lassen, geben wir immer Gruppenbestellungen auf, das führt aber erstens dazu, dass das Getränkeverteilen auf der Bühne recht aufwändig wird, und zweitens, dass der Pegel etwas zu rasant steigt. Irgendwann stehen Johannes und Wagi zudem auch völlig ohne Bestellungen plötzlich vor uns, schenken, Pfeffi und Ingwerschnäpse aus, und mitunter gehen in diesem feuchtfröhlichen Wirtshausambiente die Lieder selbst etwas unter. Glücklicherweise ist das Publikum ganz bei und mit uns, und auch wir finden immer wieder zum nötigen Tempo zurück. Es wird ein enorm ausgelassener Abend, wir lachen wirklich viel und von Herzen, und wenn ordnungsamliche Zeitbefehle und letzte Busse nicht wären, wäre es nicht ausgeschlossen, dass wir hier noch bis zum Sonnenaufgang weiterzgefeiert hätten, denn die Hitzeglocke über der Papiermühle ist einem kraftspendenden Energieherzchen gewichen. Es war mit Sicherheit nicht unser stringentestes Konzert in Jena, aber ein absolut erfreuliches Erlebnis. Jena ist und bleibt eine Bank. Wir spielen eine schöne Mischung aus alten und ganz neuen Liedern des kommenden Albums „Sutsche“, und es ist wirklich toll, wie gut auch diese aufgenommen werden. Dass Burger Objekte liebt, ist überdies ein Funfact für uns alle, aber wahrscheinlich sind auch das doch wieder nur Fakenews. Man muss eben dabei gewesen sein. Leute, geht auf Konzerte. Kein Wackelvideo kann euch das Gefühl vermitteln.
Dankbar verlassen wir nach den Zugaben die Bühne, einander aber alsbald auch, denn ich muss mit Lina, Ronja und Skelli den Bus bekommen, darum fällt die Verabschiedung etwas kurz aus, aber die Herzlichkeit möchte ich an dieser Stelle nochmal unterstreichen: Papiermühle, Team, Publikum, Location, alles einfach ein Traum. Wir danken euch sehr. Lasst uns bitte nochmal sowas machen.
Der Heimweg unseres Vierertrosses führt über einen Kiosk zur Bahn, und wir bekommen alle Anschlüsse, werden in Erfurt ausgeworfen und genießen auch hier noch ein letztes Wegbier. Das geliebte letzte Brunnenbier fällt leider heute aus, aber die Katzen freuen sich auf uns und überhaupt: das ist eh längst privat, und gehört somit ganz woanders hin.
Viel wichtiger dafür ein Ausgehtipp für Erfurt, Jena und alle in der Umgebung: 04.07. Demo in Erfurt gegen den AfD-Parteitag. Bitte friedlich, aber laut. Wir bleiben mehr.