Heute führt uns also unsere opulente 26er Festivalsaison nach Hannover zum Fährmannfest. Hier haben wir schon viele tolle Tage und Abende verbracht, in Hannover allgemein und auf dem Fährmannsfest speziell. Was also berichten, was nicht bereits längst in den letzten 20 Jahren an herzlichen Erfahrungen berichtet wurde?
Jedenfalls sitze ich jetzt vorfreudig im Zug, wobei meine Vorfreude zunächst besonders dem Verlassen des Zugs gilt, denn es gibt nur eine intakter Toilette, die diente aber dem Film „Trainspotting“ bereits als Kulisse.
Immerhin, noch fährt der Zug. Labörnskis Verbindung ist ausgefallen, und da er mit labörnskischem Timing geplant hat, ist nicht besonders sicher, dass er rcchtzeitig eintreffen wird. Gesichert nicht dabei ist heute leider Pensen, aus familiären Gründen, glücklicherweise keinen schlimmen, aber unaufschiebbaren.
Na ja, wird das eben ein Viererkonzert, so langsam finde ich mich in die bandinterne Lethargie ein, jedenfalls zunächst noch. Rüdi ist meiners Wissens bereits vor Ort, die Kollegen Fred und Burger reisen per Auto an, somit sind wir mit zwei Autos unterwegs und trotzdem mehrheitlich komplett bahnabhängig. Dieses Jahr funktioniert wirklich alles außergewöhnlich toll. Nur die Marx Brothers könnten das noch besser.
Ich bin ziemlich ausgeruht und sogar langsam wieder etwas fitter, diese Woche habe ich es, nach knapp zwei Monaten fast durchgängiger Joggingpause, dreimal zu laufen geschafft, weshalb ich ein ganz klein wenig stolz auf mich bin. Körperlich zwar offensichtlich dem Verfall ausgesetzt, fühlt sich mein Kreativitätshaushalt zumindest wieder etwas aufgetankt, das ist ein schönes Gefühl.
Darum tippe ich diesen Bericht etwas hastiger, denn ich habe noch Texte in der Pipeline, mit denen ich während der Fahrt nochmal etwas arbeiten will. Ob mir das weinende Kind drei Reihen vor mir dabei sehr hilfreich sein wird, bezweifle ich, aber Kleinkind sein, Sonntags im Regionaklverkehr, ist an sich derart scheiße, dass ich nur mitfühlen kann, anstatt mich egoistisch rumzuärgern. Ich bin mir momentan schon sehr unähnlich.
Das Schreiben im Zug erübrigt sich, denn es setzt sich ein junger Herr neben mich, und wenn mir wer über die Schulter guckt, kann ich nicht, da bin ich eigen. Kaum klappe ich meinen Rechner zu, klappt er seinen auf, schaut Mangas und knabbert bis Hannover seine Nägel formschön.
Ich bin nicht unglücklich, als wir Hannover erreichen und sich unsere Wege trennen. Ich fahre ein paar Stationen bis zur Leibniz-Universität und wandere dann durch sonnige Auen bis zum Venue. Die bunte Bühne steht gleich beim Kulturzentrum Faust, mit dem wir ja nun auch bereits eine längere schöne Geschichte haben. Zuletzt war ich aber hier, um mit Lina zusammen NOFX auf ihrer Abschiedstour zu bewundern, und es war ein rauschendes Fest.
Die Stimmung auf dem Gelände ist sommerfestlich, ich finde rasch die Monsters, Julia, Dani, Jens, Else, Sterni, Christof von Fury kommt ebenfalls vorbei und nicht zuletzt die vielen MitarbeiterInnen des Festes sind ja viele alte Bekannte, die natürlich dennoch jung geblieben sind. Sehr herzlich, das alles.
In den Bandkosmos finde ich indes nicht so recht rein, darum verstecke ich mich hinter dem Rechner, während Ton Scheiben Sterne und Birte Volta ein Feuerwerk der Hymnen zünden.
Labörnski schafft es glücklicherweise rechtzeitig zum Soundcheck, und da sitzen wir nun auf der Bühne vor freundlichen Gesichtern und Festivaltonchef Toni regelt unseren Klang. Da Burger traditionell anfängt, diresmal aber auf sein In Ear- Monitoring verzichtet und wir uns dann an seinem Lautstärkepegel angleichen müssen, ist alles derart zu laut, dass ich es in Grossbuchstaben schreiben müsste, aber ich möchte nicht auch noch im wort unästhetisch werden, denn der Sound ist buchstäblich ohrenbetäubend. Es fiept und hupt, und wenn wir flüstern, hört mans noch in Braunschweig. Der Soundcheck führt quasi das Chaos unserer Anfahrt fort, glücklicherweise zaubert das Chaos zugleich ein paar spontane Momente hervor, die unser wertes Publikum auch etwas unterhalten. Und pünktlich zum Showstart sind wir auch ready. Wir werden sehr freundlich angesagt, dann entern wir die Bühne offiziell. Wobei „entern“ vielleicht etwas hochgegriffen ist.
Wir merken schon, dass wir nicht besonders eingespielt sind, und dieses „aus der Kalten kommen“ zieht sich durch unseren gesamten Abend. Wir sind ein Haufen verwirrter Professoren, die mit Reagenzgläsern voller Noten unmd Texte hantieren, ohne deren Reaktionen vorhersehen zu können.
Es zischt hier, dort quillt was über, ab und an gibt es unversehens eine kleine Explosion, und dann steigt Rauch auf. Es ist nicht wirklich choreografiert, aber es sorgt für diverse entertainende Momente, manche skurril, andere Rock. Das Publikum ist jedenfalls herorragend, voller Liebe und Bewegnung, es wird getanzt und gesungen und mitgemacht, wir bekommen ein „AfD hals Mail“-Schild geschenkt, später gar fünf Kaffeeliköre, die wir im Anschluss nicht bezahlen dürfen, es fliegen Seifenblasen durch die Lüfte, besonders vor der Bühne, wo eine engagierte Dame das gesamte Konzert über vor der Bühne per Pistole diese schillernden Antischwerkraftkugeln verballert, und ich liebe Seifenblasen fast so sehr wie Tiere, vielen Dank dafür. Ein Herr mit Mundharmonika steht ebenfalls vor der Bühne und bläst die Harmonika bei fast jeden Stück, außer dann, als ich extra für ihn ein Lied zum Mitjammen erfinde, da setzt er sich lieber auf den Bühnenrand und dreht sich eine Zigarette, aber da er auch einen Cowboyhut trägt, verzeih ich ihm das, denn Country lieb ich fast so sehr wie Seifenblasen. Rüdi, Burger und Fred glänzen mit Hits, Labörnski würde das auch, wäre er nicht mangels Pensen auf Burger und mich als Aushilfsgitarristen angewiesen, ich versemmel`das schöne Solo bei einem Lied, Burger die Tonlage bei einem anderen, aber es ist alles nicht schlimm, denn unsere Punkrarität „Jägermeister am Hauptbahnhof“ kracht ordentlich und überhaupt ist alles ein Riesenspaß in einem Kessel voller Liebe. Lichtchef Richard taucht uns in wonniges Licht, und alles funkelt wie eine Seifenblase.
Gerührt und froh verabschieden wir uns schlussendlich unter euphorischem Applaus und sind sehr dankbar dafür.
Leider wird’s danach gleich hektisch, denn Labörnski und ich müssen zügig los, um die letzte Bahn zu erwischen, also verpassen wir es bei vielen Menschen, uns adäquat zu verabschieden, wofür ich an dieser Stelle nochmals um Verzeihung bitten möchte, die Zeit saß uns im Nacken. Wir gehen los und sind kurz uneins, in welche Richtung wir überhaupt zu laufen haben, da kommen gerade Dani und Jens vorbei, die uns anbieten, uns zum Bahnhof zu fahren, was wir zwei leidenschaftlichen Wanderer natürlich sofort annehmen. Die Fahrt vergeht kurzweilig mit Gesprächen über die toten Hosen, Geschichten aus dem Palavergarten und ihren Kater Filou, dann sind wir auch schon am Bahnhof, winken den beiden nach und spurten dann zu den Toiletten. Hernach gibt’s den klassischen Jägermeister wegen Hauptbahnhof, dann entscheidet bsich der Zug, sich um 40 Minuten zu verspäten.
Aber er kommt, doch da wir uns versehentlich in einen Ruhewagen verirrt haben, dürfen wir nicht reden, weil direkt vor uns eine Dame sitzt, die Bibliotheksautorität besitzt und diese auch nutzt. Wir machen darafhin das, was Deppen immer machen: Wir versuchen, uns flüsternd zu unterhalten. Ich schätze rückblickend bedauernd, das hat noch viel mehr genervt, aber woanders gabs keine freien Viererplätze mit Tisch mehr, und unser Bemühen zumindest war ehrlich und ehrenhaft.
Hamburg, here we are, wir tanhen noch kurz aus Gründen zu „Singin in the rain“, dann trennen sich unsere Wege in diverse Nachtbusse. Ich hole mir noch Dittschegebäck, denn Essen hab ich heute fast komplett vergessen, mein Kühlschrank ist jedoch leer, und so sitze ich nun kauend vor dem Rechner, tippe diese Zeilen und höre begeistert HipHop-Songs von jungen Leuten, die Haltung und Groove besitzen. Ich schwelge. Für einen Großteil der Schwelgerei aber seid ihr verantwortlich, liebe FreundInnen, liebes Fährmannsfest, liebes Hannover, denn ihr seid immer wieder eine reine Freude. Und da wir uns am 14.11. wiedersehen, jetzt auch schon wieder Vorfreude. Wow.