Völlig überflüssig, zu gestehen, dass ich die Nacht nicht schlafen konnte, denn erstens geht’s mir so inzwischen fast dauernd und zweitens am Vorabend vor dem Open Flair sowieso schon immer. Die Nervosität ist einfach zu groß, die Versagensangst vorm Scheitern daheim.
Eigentlich dachte ich auch bereits letztes Jahr, unsere gemeinsame Geschichte sei auserzählt, denn Zeiten wandeln sich und Gestalten werden zu Schattenrissen.
Nun dürfen wir aber doch noch einmal aufspielen, als Eröffnungsband der samstäglichen großen Bühne, und in mir rangeln Vorfreude und besagte Angst. Ich rechne aber, ehrlich gesagt, mit dem Schlimmsten, denn wir Monsters haben inzwischen unser Karma verspielt. Pensen kann heute aus mir unbekannten Gründen nicht teilnehmen, was besonderes geschickt ist, weil seit gestern sein neuer Songbeitrag als neue Monstersingle beworben wird.
Zum Glück spielen wir nur 45 Minuten, das ist eigentlich zu kurz, um Lücken im Spannungsbogen zu erzeugen.
Es ist jetzt 3:30 Uhr, und weil ich eh nicht schlafen kann, hoffe ich eine knappe Stunde durch die Nacht, bevor ich Mensch und Katz „Goodbye“ sage und zum Bahnhof schlurfe.
Die Zugfahrt ist einer Zugfahrt würdig, ich fahre dem Sonnenaufgang davon, aber da ich als Nostalgiker natürlich entgegen der Fahrtrichtung sitze, bekommt der Moment eine romantisch dramatische Duftnote.
Eigentlich eine entspannte Fahrt, sieht man davon ab, dass ich die ganze Zeit damit beschäftigt bin, möglichst unauffällig Katzenhaare aus dem Rachen zu würgen.
Ich bekomme meinen Anschlusszug und bin darum eine Stunde zu früh in Eschwege, traditionell spaziere ich zum Festivalgelände, doch diesmal ist wirklich noch alles in wochenendlichem Schlummer. Fast leergefegte Straßen, eine gähnende Sonne und nur der Hauch einer Vorahnung von Rock in der Luft.
Ich bin dummerweise jetzt auch echt müde, und das nervt mich. Also einen Cappuccino to go bei einem echt schönen Eiscafé. Wahrscheinlich begehe ich mit meiner Bestellung alle Kaffeeblasphemien (to go, Süßstoff, Hafermilch), die möglich sind, aber er mündet mir sehr, und auch die erste mobile Wespe des Tages findet den Trunk lecker. Schön, wenn Haverbindet, hihi.
In der trägen Schönheit des Tages flanieren ich Richtung Backstage-Bereich und es wäre noch schöner, wenn ich das timingmäßig nicht direkt mit dem Kehrwagen abgestimmt hätte. Aber hier hört ihr nur die mäkelige Stimme eines verwöhnten Liedermacherbalgs, der gerade divenmäßig Perfektion verlangt, wo andere diese gerade mittels beispielsweise Kehrwagen erzeugen.
Ich habe das Glück, eine mir bekannte sehr sympathische Dame vom Team am Eingang zu treffen, denn selbstverständlich bräuchte ich hier eigentlich einen Ausweis, der mir den Zutritt gewährt. Dankbar husche ich ihr hinterher und Versuche anschließend, möglichst wenig Raum einzunehmen, denn ich habe Komplexe in Backstagebereichen, die für mein Oeuvre viel zu überdimensioniert sind.
Von jetzt an kulminiert alles: Wiedersehen mit lieben Menschen, Monsters und KollegInnen, Sonnenschein und Kaffee, viel.zuviel Kaffee. Vor Auftritten kann ich nur selten essen, und um gegen meine Müdigkeit anzukämpfen, ohne gleich in den Partymodus zu verfallen, tu ich es Frank Zappa gleich und schütte literweise heiße Tinte in mich rein. Natürlich gibt’s den Tatterich in direkter Folge, also insgesamt einen originalen Totterich zur Mittagsstunde.
Die Monsters sind inzwischen auch arrived, teilweise mit ihrem werten Anhang, ich aber bin gerade beschäftigt damit, die mitgebrachten Brötchen zu halbieren und zu schmieren, damit wir unserem Publikum ein kleines Sektfrühstück servieren können. Es gibt ausschließlich veganen Aufschnitt, denn wir lernen dazu, und ich bin sehr überrascht, dass ich es tatsächlich in der prognostizieren Zeit schaffe (30 !Minuten).
Glücklicherweise hat mir das großartige Cateringteam erlaubt, die Brötchen bis zum Auftritt in ihrem Kühlraum zu lagern, es ist sowieso immer wieder unglaublich, wieviele helfende Hände für alle Belange sich hier finden. Festivals, besonders dieses hier, sind utopische Versionen einer wünschenswerten Realität. Im Backstage tummeln sich viele tolle Bands, besonders freu ich mich natürlich über die Donots, da sich unsere Wege bereits oft und immer beglückend kreuzten. Noch schöner ist nur, dass auch unser alter Freund und Tonmeister Urs heute hier ist und kurzerhand unseren Tonmix übernimmt.
Das beruhigt sehr, zumal sich unsere Soundcheckzeit aufgrund von vorherigen Delays sehr minimiert, wir haben noch etwa fünf Minuten. Der Platz vor uns ist komplett leer, und ich frage Rüdi besorgt, ob ich eventuell zuviele Brötchen geschmiert habe. Dann tritt Bobbühnenchefin Lizzy an uns heran und fragt, ob es okay wäre, das Gelände trotz Soundcheck schon zu öffnen. Gute Güte, bitte unbedingt.
Von nun an füllt sich der Platz immer weiter, trotz Uhrzeit und Backofen-Sonne, und wir spielen ein sehr ekstatisches Konzert. Natürlich wird der Platz nicht so voll wie zu unseren Rekordzeiten, aber es ist alles einfach derart voller Herzlichkeit und Freude, dass unsere Herzen hüpfen und unser Lächeln bis weit hinter die Ohrmuschelgrenze reichen. Wir gratulieren allen zum Weltkatzentag und rocken durch unser Programm.
Im Publikum neben vielen alten FreundInnen auch viele sehr junge Menschen, Einhörner, Bananenten, Wunschliedschilder, Moshpitseepferdchen und Wasserbälle, die über die Meute hoppsen, es wird gesungen, getanzt und crowdgesurft, und ich schätze, wir dürften heute den Rekord für die jüngsten CrowdsurferInnen unser eigen nennen. Drei Kinder im gehörschutzkopfhörerpflichtigen Alter werden, selbstverständlich sicher, sanft und kompetent betreut, übers Publikum getragen. Um die Jugend muss man sich keine Sorgen machen, wir Alten müssten nur dringend mal umdenken.
Das Sektfrühstück verteilen wir mit Hilfe der famosen Security-Crew, die faktisch zu den besten weltweit gehört, zu „Trinkt mit mir“ werden heuer also gesellig Semmeln verspeist, und der Abschied zu Cola-Korn rührt uns sehr. Alle schwenken, singen, lachen und transportieren pure Liebe zur Bühne. Wir sind einfach nur leicht, befreit und dankbar. Nach dem Konzert haben wir zudem noch die Freude, ein sehr schönes Interview mit Pitreport official führen zu dürfen, in dem man uns unsere Begeisterung sicher anmerken können wird.
Was sehr schade ist, ist nur die Tatsache, dass Freds und mein Zug bereits um 16 Uhr abfährt, also fällt eine lange Party aus. Ich treffe zumindest noch ein paar Freunde vor der Abfahrt auf kurze Schnacks, dann aber steht bereits Fairfahrmeister René bereit und kutschiert uns sicher zum Bahnhof.
Tschüß, liebes Open Flair, du warst, bist und bleibst uns liebste Wahlheimat, ein Hafen und ein Knallbonbon, und wir wissen ganz genau, was wir an dir haben. Und das bezieht sich auf alle und alles, Team, Publikum, Landschaft, alles eben. Und wir rechnen natürlich jedes Jahr damit, dass es für uns das letzte Mal war, und dafür hätten wir auch jedes Verständnis. Neue Bands kommen und frische Winde wehen. Das ist auch gut so. Aber die Bande, die bleiben, und die Wärme ebenso. Sechsfach Prosit auf euch und fühlt euch geherzt. Eure Monsters