Tourtagebuch

KFZ, Marburg

12. Nov. 2021

von Totte

08:56 Uhr. Ich wache auf und überlege, ob ich noch ein bisschen liegenbleiben soll. Dafür spricht das dufte Hotelzimmer, das vor gemütlichem Charme nur so trieft. Dagegen spricht, dass wir um 09:00 Uhr abfahren. Kurz ringe ich noch mit der Idee, aus der Band auszusteigen, um weiterpennen zu können, dann siegt die Vernunft und ich hüpfe ungeduscht in meine Klamotten. München ist neblig, außerdem knapp 600 Kilometer von Marburg entfernt, kaum im Bus, fallen mir die Augen wieder zu, dem Rest der Gruppe geht es angeblich ähnlich. Jedenfalls erzählt Fred das später, und der müsste es eigentlich wissen, immerhin fährt er die ganze Strecke im Alleingang, der harte Hund. Was gibt’s also von der Fahrt zu berichten? Irgendwas mit Katzen und Schafen, die Staudämme bauen. Was sagen die Traumdeuter dazu? Gebt mal Bescheid, oder besser noch: behaltet es für euch. Dankeschön.

Marburg ist ein wunderschönes Pflaster, das neue KFZ ist toll zentral gelegen, und unsere heutige Veranstalterin Nadja sehr freundlich und guter Dinge. Dennoch sei hier kurz Kerstin bedacht, die uns die letzten 18 Jahre hier bemuttert hat, und der wir alles Beste für ihren weiteren Weg wünschen. Im KFZ laden wir rasch unsere Habseligkeiten in den Club, ärgern uns ein bisschen darüber, dass wir viel zuwenig CDs eingepackt haben und trinken danach Kaffee und Cola. Der Tag schleicht eher träge und leise vorüber, ich schlafe sowieso ein, wo ich gerade stehe, das ist zwar gut für die Realitätsflucht, aber schlecht für detaillierte Tourberichte. Sorry darum an dieser Stelle. Soundcheck mit Claudio, schön schallt der Klang unserer zarten Instrumente durch den reizenden Laden, danach gibt’s Chili, aber dazu möchte ich mal sagen: Bohnen vor Bühnen ist ein gefährliches Ding. Ich bin da lieber vorsichtig, denn das ist mir doch zu explosiv, darum halte ich mich vorerst an Kamillentee. 20:30 Uhr Showtime.

Wir treffen auf ein tolles Publikum, dass feierfreudig und dennoch total aufmerksam ist, bravourös mitmacht und überhaupt, der Abend bringt viele leuchtende Momente mit sich. Wir sind heute irgendwie ganz schön dadaistisch drauf, unsere Ansagen ufern oftmals aus, es geht um Braunschweig, Bosch-Bier, Beziehungen, den Balkon des Clubs und noch viel mehr, andererseits auch wieder um gar nichts, sehr sektlaunig und kurzweilig. Vielleicht überspannen wir manchmal etwas den Bogen, aber das machen wir dann mit kernigen Liedern wieder gut, die Leute schunkeln, pogen und klatschen, die Zeit rast nur so dahin. Claudio erwähnt just zu recht, dass der Sound gestern unfassbar unverbesserlich war.

Nach dem Konzert geht’s heute noch ziemlich zur Sache, wir laufen durch die traumhafte Marburger Innenstadt und landen in der Raucherkneipe „Hinkelstein“, einem absolut zauberhaften Gewölbekeller, vollgestopft mit duften Menschen. Viele von ihnen waren sogar beim Konzert, wir werden auch hier liebstens empfangen und haben lauter angeregte Gespräche. Eine durchaus interessante Frage, die uns gestellt wird, ist, ob wir auf der Bühne eine Rolle spielen oder ob das wirklich wir sind. Gar nicht so leicht zu beantworten, wahrscheinlich sind die Grenzen fließend. Aber Schauspieler sind wir alle nicht. Der Rest der Nacht verschwimmt im Schnaps, darum ist der Bericht leider recht kurz, aber definitiv voller Love und der großen Hoffnung darauf, dass wir bald wieder hier aufschlagen dürfen. Marburg ist ein fest fürs Leben. Immer wieder aufs Neue. Vielen Dank dafür. Unnötig übrigens, noch zu erwähnen, dass ich am nächsten Tag wieder ordentlich verpenne. Es wars wert.